
Er ist einer von vielen in Indien und doch einer der wenigen in Deutschland. Abhijit Sarkar (28) startete vor einigen Jahren das Abenteuer Deutschland und ist zur Zeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachbereich 2 in der Allgemeinen Mikrobiologie an der Uni Bremen tätig. Dort bastelt er an seiner Doktorarbeit. Ich hatte die Gelegenheit, mit ihm über seinen Weg nach und in Deutschland sowie Bildung in Indien zu sprechen.
Abhijit, Du gehörst zu der Sorte von Indern, die vor einigen Jahren direkt aus Indien nach Deutschland gekommen sind, um hier Karriere zu machen. Wo genau kommst Du her und was machst Du derzeit in Deutschland?
Ursprünglich komme ich aus Kolkata, Indien. Bevor ich nach Deutschland kam, habe ich meinen Master of Science (vergleichbar mit dem Diplom) an der Jawaharlal Nehru Universität (JNU) in Neu Delhi gemacht und dort gearbeitet. Momentan schreibe ich meine Doktorarbeit im Bereich Molekularbiologie an der Universität Bremen.
Gefällt Dir Deine hiesige Tätigkeit oder siehst Du sie einfach nur als Pflichtprogramm?
(Lacht) Ich mag die Arbeitsumgebung hier sehr. Natürlich habe ich gewisse Pflichten, aber auch Verantwortung gegenüber meiner Arbeit. Wenn man seine Arbeit jedoch mag, dann denkt man ganz sicher nicht darüber nach, sie einfach nur machen zu müssen.
Warum in Deutschland? Viele Menschen sagen, daß wissenschaftliche Standorte wie die USA oder England wesentlich attraktiver seien. Erkläre unseren Lesern doch mal, welche Kontaktadressen Du wähltest und wie Du Schritt für Schritt in Deutschland gelandet bist.
Also zunächst mal besitzt meine wissenschaftliche Arbeit und nicht irgend ein Land Priorität. Darüber hinaus möchte ich aber nicht den Fakt leugnen, daß das Gehalt ein wichtiger Aspekt in der Wahl des Arbeitsplatzes ist. Als ich noch an der JNU war, hatte ich mal einen deutschen Gast-Wissenschaftler getroffen. Wir hatten ein wirklich ergiebiges und lebhaftes Gespräch über wissenschaftliche Forschung in Deutschland – das machte mich neugierig. Der deutsche Wissenschaftler stand mir für den weiteren Verlauf als wertvoller Vermittlungspartner zur Seite. Jedenfalls dauerte es ungefähr drei Monate, bis ich mich entschied, nach Deutschland zu gehen. Davor mußte ich noch eine Anzahl wissenschaftlicher Fragen per e-Mail beantworten und mich einem Telefon-Interview mit meiner jetzigen Chefin unterziehen.
Eine Art Eignungsprüfung also?
Richtig. Ich mußte außerdem meine Diplomarbeit vorlegen. Letztlich hing alles von der Entscheidung des Bremer Senates ab, lief aber alles in allem recht glatt. Ich stimme zu, daß englischsprechende Nationen wie USA oder England für gewöhnlich attraktiver sind, aber ich meine, daß die generelle Chance für einen Inder, ins Ausland zu gehen, doch schon aufregend ist. Ich denke vielmehr, daß Wissenschaft wichtiger als Sprache ist. Ob Englisch oder Deutsch, ist dabei sekundär.
Viele junge Wissenschaftler in Indien wollen ins Ausland. Wieso würdest Du ihnen für Studium und Forschung Deutschland empfehlen? Gibt es eigentlich auch negative Aspekte?
In Deutschland – und dabei spreche ich von meiner Disziplin – findet exzellente wissenschaftliche Arbeit statt. Arbeitsgeräte, Infrastruktur, finanzielle Mittel und Arbeitsumgebung sind ausgezeichnet. Der negative Aspekt ist die Sprache – nicht nur im Hinblick auf die Arbeit, sondern für die Kommunikation innerhalb der Gesellschaft. Außerdem sieht die Arbeitsmarktlage derzeit nicht so rosig aus, es ist schwierig eine Arbeitsstelle zu finden.
Dir scheint dieses Land sichtlich zu gefallen. Kannst Du Dir eine Zukunft in Deutschland vorstellen? Wenn ja, was wäre mit Deiner Familie bzw. irgendwann Frau und Kinder?
(Runzelt die Stirn) Das ist eine persönliche Frage, über die ich noch nicht wirklich nachgedacht habe. Wenn jemand mit seiner Familie hier bleiben wollte, dann hängt es davon ab, wie Frau und Kinder entscheiden und wie sie sich in der Umgebung zurechtfinden.
Indien und Deutschland unterscheiden sich in ihren Bildungssystemen. Was ist in Indien anders, was ist besser oder schlechter als in Deutschland?
Deutschlands Bildungssystem legt wesentlich mehr Wert auf praktische als auf theoretische Ausbildung. Kurse und Fächer sind im Vergleich zum eher traditionellen indischen System moderner gestaltet und praktisch orientiert. Allerdings finde ich, daß indische Studenten eine größere fachliche Vielseitigkeit besitzen. Im Gegensatz dazu ist die deutsche Vorgehensweise sehr spezifisch in bezug auf das Interessengebiet einer Person. Im indischen Bildungssystem regiert der Wettbewerb. Du hast nur eine Chance nach oben zu kommen, wenn Du extrem gut bist.
Warum haben europäische Studenten dann kaum Ambitionen nach Indien zu gehen? Ist das Land nicht attraktiv genug?
Ich glaube kaum, daß das indische Bildungssystem unter dem Durchschnittsniveau liegt. Wie ich zuvor erwähnte, herrscht in Europa weniger Wettbewerbsdenken. Mit guter Ausbildung und Lebensstandard fühlen europäische Studenten gar nicht erst die Notwendigkeit ihr Land zu verlassen und sich woanders niederzulassen.
Wie sieht es mit Deinem persönlichen Integrationsprozeß in Deutschland aus? Sicher mußtest Du Dich anfangs Problemen wie einer neuen Sprache, Kultur und Klima stellen. Wie hast Du dennoch Deinen Weg gefunden und welche Tipps kannst Du denjenigen geben, die planen nach Deutschland zu kommen?
Klar sind die Sprache, die Kultur und das Klima sehr unterschiedlich zu Indien. Um das Sprachproblem zu bewältigen, habe ich erstmal einen kleinen Deutsch-Crashkurs besucht. Sowas reicht aber nicht. Wichtig ist es, einfach drauf loszusprechen. Versteht sich, daß man anfangs viele Fehler macht, doch sollte man nicht zu schüchtern sein und die Hoffnung aufgeben. Meine deutsche Sprachfähigkeit ist derzeit ganz sicher nicht perfekt, aber ich bin guter Dinge, die meisten Situationen allein meistern zu können. Ich habe gemerkt, daß man sich der deutschen Kultur nur dann nähern kann, wenn man die Sprache der Menschen zu sprechen versucht. Diese Kultur unterscheidet sich offensichtlich von Indien sehr, aber man sollte sich auch für die Sichtweise anderer Menschen interessieren und sie als Herausforderung betrachten. Nur dann fühle ich mich als Teil der Gesellschaft und nicht als Fremder. Das Klima ist das kleinste Übel, wenn die Kleidung stimmt.
Indien besitzt im Gegensatz zu Deutschland den Ruf eines gastfreundlichen Landes, während man hier doch eher eine unterkühlte und beizeiten inkommunikative Mentalität pflegt. Stimmt das eigentlich? Wie bahnt sich ein Inder seinen Weg? Gibt es deutsche Bräuche, die Du sonderbar findest?
Die Leute in diesem Land brauchen doch schon eine Weile, bis sie warm werden und behalten Persönliches meist für sich. In Indien ist das eigentlich nicht so. Ich habe aber später gemerkt, daß mein Sprachproblem die zwischenmenschliche Barriere schuf. Nichtsdestotrotz habe ich bisher aber nur gute Erfahrungen gemacht und stieß in den meisten Fällen auf große Hilfsbereitschaft. Ich glaube stets, daß die Aspekte der Kommunikation sowie der Sympathie und Antipathie eher individueller Natur sind, nicht rassistischer. Die Menschen in Deutschland sind in ihren Gewohnheiten doch recht formal und so waren Wörter wie ‚danke‘, ‚bitte‘ und ‚tschüß‘ die wenigen Wörter, die ich als erstes lernen mußte… vor allem, wenn man sie die ganze Zeit hört. (Schmunzelt) Jedesmal ‚Guten Appetit‘ vor dem Essen zu sagen, finde ich recht amüsant.
Du bist Wissenschaftler. Vor zwei Jahren waren Greencard-Inder Gegenstand der Diskussion, doch nun ist das Interesse von indischer Seite abgeflacht. Denkst Du, daß das Greencard-Prinzip eine reelle Chance in Deutschland hat? Experten titulieren die Greencard als Flop, indische IT-Fachleute räumen ihr noch drei bis fünf Jahre Anlaufzeit ein.
Also, ich bin sicher nicht der richtige, um diese Frage zu beantworten. Was ich jedoch denke, ist, daß Greencardinhaber hier nur maximal fünf Jahre bleiben können, keine berufliche Dauerstellung besitzen und dann wieder nach Hause gehen sollen. Sofort. Erst recht mit Frau und Kindern braucht es eine gewisse Zeit, sich der Gesellschaft anzupassen. Die Schule ist ein Problem für Kinder, da das Bildungsmedium komplett in deutscher Sprache ist. Nach fünf Jahren jedoch wird der gesamte Integrationsprozeß über den Haufen geworfen, wenn es zurück nach Indien gehen soll. Indische IT-Spezialisten an sich zeigen wahrscheinlich deswegen kein Interesse, weil es keine berufliche Dauerpräsenz und ein Sprachproblem gibt.
Obwohl Du mittlerweile einiges an Erfahrung in Deutschland sammeln konntest, kann ich mir vorstellen, daß Dir das Leben hier manchmal Kopfzerbrechen bereitet, wenn man mal an Behördenangelegenheiten oder Kommunikation denkt. Fühlst Du Dich eigentlich isoliert, vermisst Du irgend etwas, das Dir das Leben einfacher machen könnte?
Stimmt, Behördengänge sind ein echtes Problem. Es ist manchmal einfach, die Sprache zu verstehen und zu sprechen, doch ist der schriftliche Teil weitaus schwieriger – ganz besonders im Bereich der Bürokratie und Verwaltung. Zum Glück, daß ich dem nicht ständig ausgesetzt bin. Ich kann es immer wieder betonen: perfekt Deutsch sprechen entschärft alle Probleme wesentlich. Denn sonst braucht man immer jemanden, der einem die Briefe übersetzt. Von Fernseh- und Radioprogrammen gar nicht zu sprechen.
Selbstverständlich vermisse ich einerseits meine Familie und Freunde in Indien. Andererseits habe ich eine prima Chance bekommen, hier neue Freunde zu finden und mehr als die Welt nur besser kennenzulernen.
Ich danke Dir für dieses Gespräch.
