
Kalkutta galt lange als Inbegriff von Elend und Verfall. Rudyard Kipling sprach von „schrecklicher Dunkelheit und unaussprechlicher Armut“, Günter Grass nannte die Metropole gar einen „Haufen Scheiße“. Heute erlebt die Stadt ein unerwartetes Comeback – getrieben von Globalisierung, Outsourcing und wachsender Investitionslust.
Noch bröckeln im Zentrum Kolonialpaläste, aus deren Fassaden Unkraut sprießt. Doch in den Randbezirken wächst eine neue Skyline aus Glas und Stahl. Im Softwarepark Salt Lake reihen sich die Niederlassungen von IBM, PWC, HSBC oder Accenture. Infosys investiert 111 Millionen Dollar in einen Campus für 10.000 Entwickler. Bereits 36.000 IT-Arbeitsplätze sind entstanden, das Wachstum liegt bei 70 Prozent jährlich – doppelt so hoch wie im indischen Schnitt.
Auch Industrie und Infrastruktur ziehen nach: Mitsubishi baut für 1,5 Milliarden Dollar eine Petrochemieanlage, P&O errichtet Indiens ersten privat finanzierten Hafen. Die indonesische Salim-Gruppe kündigte Investitionen von bis zu zehn Milliarden Dollar an. Deutsche Konzerne wie Metro und Wacker sind ebenfalls vor Ort. „Kalkuttas Image ist viel schlechter als die Realität“, betont Wacker-Manager Hans-Heinrich Werny.
Treiber des Wandels ist West-Bengalens Ministerpräsident Buddhadeb Bhattacherjee, von den Indern schlicht „Buddha“ genannt. Der einstige Kulturminister übersetzt Günter Grass, spricht heute von „Marktkräften“ und „Produktivitätsfortschritt“ – und wirbt offensiv um Investoren. „Geld hat keine Farbe und keine Nationalität“, sagt er. Um Streiks zu verhindern, erklärte er die IT-Branche kurzerhand zum „essenziellen öffentlichen Dienst“.
Lange galt Bengalens Kommunisten als investorenfeindlich. Nun geben sie sich pragmatisch: Marode Staatsbetriebe werden saniert, verkauft oder geschlossen. „Reformen oder Untergang“, lautet Bhattacherjees Mantra. Niedrige Löhne, günstige Grundstücke, verlässliche Stromversorgung und qualifizierte Absolventen locken Kapital in die Region.
Das Kalkutta von heute ist weit entfernt von der „deprimierendsten aller Städte“, wie V. S. Naipaul sie einst beschrieb. Die Globalisierung hat auch im Osten Indiens Fuß gefasst – und aus dem verachteten Moloch einen Standort mit Zukunft gemacht.
