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Jubin Shah: „Integration ist keine Einbahnstraße“

Foto: (c) J. Shah

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Als GINSEP-Botschafter – welche Rolle messen Sie Start-ups bei der Vertiefung der wirtschaftlichen und technologischen Beziehungen zwischen Deutschland und Indien bei?

Nach meiner Einschätzung haben sich Start-ups zu einer tragenden Säule der deutsch-indischen Kooperation entwickelt, die in beiden Ländern und in zahlreichen Branchen auf Resonanz stößt. Diese Zusammenarbeit ist im Laufe der Jahre gereift; heute verfügen viele Gründer über ein deutlich klareres Verständnis der Marktchancen, die sich beim Schritt von Indien nach Deutschland oder umgekehrt eröffnen.

Welche zentralen Herausforderungen und Chancen sehen Sie in diesem interkulturellen Start-up-Ökosystem?

Trotz der positiven Dynamik bestehen systemische Hürden fort – insbesondere, wenn es darum geht, Erwartungen mit tatsächlicher Umsetzung in Einklang zu bringen. Eine effizientere Visavergabe für Gründer, mehr Markttransparenz und flexible, zeitlich begrenzte „Sandboxes“ für Pilotprojekte sind entscheidende Bausteine, die den Markteintritt erheblich erleichtern können.

Für die Zukunft wird es entscheidend sein, regulatorische Barrieren auf beiden Seiten abzubauen. Ein agileres, gründungsfreundliches Umfeld könnte das volle Potenzial der deutsch-indischen Start-up-Synergien freisetzen.

Sie leben nun seit über zehn Jahren in Deutschland, nachdem Sie Ihr Studium in Indien abgeschlossen haben. Was waren die größten Herausforderungen und Meilensteine Ihrer beruflichen wie persönlichen Integration in die deutsche Gesellschaft?

Ich denke, die Jahre von 2014 bis 2025 lassen sich in verschiedene Phasen einteilen – 2014–2018, 2018–2020, 2020–2022 sowie 2022–2025. Jede dieser Perioden war geprägt von geopolitischen Entwicklungen, die Deutschland direkt oder indirekt beeinflusst haben. Diese Ereignisse haben nicht nur die internationalen Beziehungen geformt, sondern auch den Alltag und die Erfahrungen von Menschen, die hier beruflich wie privat ihren Weg gehen.

Für mich persönlich fielen in diese Zeit wichtige Stationen: die Promotion, die Postdoc-Phase, der Einstieg in die Industrie. Parallel dazu habe ich Führungsrollen in Non-Profit-Organisationen und eigenen Initiativen übernommen – Erfahrungen, die meinen Horizont erweitert und meine Bindung zur Gesellschaft vertieft haben.

Natürlich war dieser Weg nicht frei von Rückschlägen – etwa der Verlust eines Arbeitsplatzes oder die Konfrontation mit systemischen Vorurteilen, die viele „Ausländer“ erleben. All dies hat mich jedoch motiviert, mich für soziale Anliegen einzusetzen. Ich bin überzeugt, dass solches Engagement nicht nur stärkere Bindungen zur lokalen Gesellschaft schafft, sondern auch das gegenseitige Verständnis fördert und kulturelle wie mentale Brücken baut.

Welche kulturellen oder systemischen Hürden stellen sich Inderinnen und Indern Ihrer Erfahrung nach besonders beim Arbeiten oder Leben in Deutschland?

Eine der größten Herausforderungen liegt darin, mit vorgefassten Vorstellungen oder idealisierten Erwartungen nach Deutschland zu kommen. Oft herrscht die Annahme, die Menschen hier seien stets offen, flexibel und kulturverständig. Deutschland ist in vielerlei Hinsicht tatsächlich ein sehr einladendes Land – doch Integration ist ein wechselseitiger Prozess, der von beiden Seiten Einsatz, Geduld und Offenheit verlangt.

Und die deutsche Sprache?

Die Sprachbarriere ist nach wie vor eine der größten Hürden. Sie beeinflusst nicht nur die soziale Integration, sondern auch den Zugang zu Chancen, Dienstleistungen und zu einem tieferen Verständnis der Gesellschaft. Wer früh in das Erlernen der Sprache investiert – selbst auf Konversationsniveau –, erleichtert sich das berufliche wie private Leben erheblich.

… und die Zeitabläufe?

Ja, ein systemisches Problem sind die langen Wartezeiten für Termine, etwa im Gesundheitswesen oder in der Kinderbetreuung. Für Neuankömmlinge, die agilere Systeme gewohnt sind, kann das besonders frustrierend sein. Diese Ineffizienzen betreffen zwar alle, nicht nur Migranten, doch ohne lokale Netzwerke wirken sie oft doppelt belastend.

… und die Bürokratie?

Die bürokratische Komplexität bleibt ein Dauerthema. Eine Vereinfachung der Verfahren würde Einheimischen wie Zugewanderten gleichermaßen helfen. Bis dahin können sich Neuankömmlinge den Einstieg erleichtern, indem sie Informationen aktiv einholen, Kontakt zu Diaspora-Gruppen suchen und den Integrationsprozess mit Bescheidenheit statt Anspruchsdenken angehen.

Wie raten Sie Neuankömmlingen, diese Hürden wirksam zu überwinden?

Mein Rat ist schlicht: Kommen Sie mit Neugier, nicht mit Erwartungen. Bauen Sie auf gegenseitiges Verständnis, suchen Sie lokale Perspektiven, bleiben Sie offen für Neues. Mit dieser Haltung lassen sich Anfangshürden überwinden – und zugleich wird das Erlebnis in Deutschland insgesamt bereichernder.

Welche Strategien oder Initiativen verfolgen Sie persönlich, um Brücken zwischen Deutschland und Indien zu schlagen – im Gesundheitswesen ebenso wie in Wirtschaft und Kultur?

Ich habe in den vergangenen Jahren eine Vielzahl von Initiativen verfolgt, um die deutsch-indischen Beziehungen zu stärken – besonders im Gesundheitswesen, in der Wirtschaft und im kulturellen Austausch.

Förderung des Dialogs in den Gesundheitswissenschaften:
Ich setze mich intensiv für die Zusammenarbeit zwischen indischen und deutschen Akteuren im Gesundheitssystem ein. Ein Beispiel ist mein Engagement beim Deutsch-Indischen Gesundheitskongress, der Fachleute, Politik, Start-ups und Institutionen zusammenbringt, um Synergien in Bereichen wie KI im Gesundheitswesen, Präzisionsmedizin, Genomik und Biotechnologie auszuloten. Solche Plattformen ermöglichen nicht nur Wissensaustausch, sondern befördern auch neue Forschungskooperationen und gemeinsame Gründungen.

Zugang und Chancen für Start-ups schaffen:
Ich unterstütze Gründer aus beiden Ländern dabei, grenzüberschreitende Chancen zu nutzen – sei es durch Mentoring, Beratung bei Markteintrittsstrategien oder durch die Vermittlung von B2B- und B2C-Kontakten. Ich plädiere für Rahmenbedingungen wie vereinfachte Visa-Prozesse, Sandbox-Modelle und regulatorische Klarheit – alles Faktoren, die für internationales Wachstum entscheidend sind.

Kulturelle und berufliche Netzwerke aufbauen:
Ich arbeite regelmäßig mit Diaspora-Organisationen, Studierendengruppen und Non-Profit-Plattformen zusammen, um indischen Fachkräften den Einstieg in Deutschland zu erleichtern. Workshops, kulturelle Veranstaltungen oder Mentoring-Sitzungen helfen, Erwartungen zu kalibrieren und interkulturelles Verständnis zu fördern. Solche Initiativen auf Graswurzelebene tragen dazu bei, Vorurteile abzubauen und langfristiges Vertrauen aufzubauen.

Politisches Engagement:
Wo immer möglich, bringe ich mich in bilaterale Politikdialoge ein, um systemische Probleme aufzuzeigen und praxisnahe Lösungen vorzuschlagen – etwa bei Fragen des Datenaustauschs, gemeinsamer F&E-Anreize oder der Regulierung von Gesundheitstechnologien. Ich bin überzeugt: Nur durch informierte, stakeholdergetriebene Diskussionen lässt sich die deutsch-indische Zusammenarbeit nachhaltig und wirkungsvoll gestalten.

In all diesen Bemühungen leitet mich die Überzeugung, dass tragfähige Partnerschaften auf Respekt, gemeinsamen Werten und Lernbereitschaft basieren.

Was fasziniert Sie an Deutschland – beruflich wie privat?

Mich beeindruckt Deutschlands bemerkenswerter Weg durch die Geschichte, die Fähigkeit, sich nach schweren Zeiten neu zu erfinden und als globaler Vorreiter hervorzugehen. Die Resilienz, der Fortschrittswille und das Bekenntnis zu demokratischen Werten sind zutiefst inspirierend.

Persönlich schätze ich die Ehrlichkeit, Disziplin und Arbeitsmoral vieler Deutscher, mit denen ich zusammenarbeiten durfte. Diese Werte decken sich stark mit meinen eigenen Prinzipien – beruflich wie privat – und haben meine Bindung an die Gesellschaft hier vertieft.

Wie hat diese Faszination Ihr Engagement für die deutsch-indischen Beziehungen beeinflusst?

Gerade diese Wertekongruenz hält meine Motivation lebendig – einen Beitrag zur deutschen Gesellschaft zu leisten und zugleich als Brückenbauer zwischen Deutschland und Indien zu wirken. Ob durch berufliche Kooperation, kulturelles Engagement oder die Unterstützung der Diaspora: Meine Faszination für Deutschland ist ein Motor, diese Beziehungen aufrichtig und nachhaltig zu stärken.

Wie sehen Sie die Rolle der Künstlichen Intelligenz im Gesundheitswesen, insbesondere im Kontext der deutsch-indischen Zusammenarbeit?

Künstliche Intelligenz wird zunehmend so selbstverständlich wie die Luft, die wir atmen. Darin liegt eine enorme Chance, etwas aufzubauen, das kommenden Generationen zugutekommt. Im Gesundheitswesen beschleunigt sich die Nutzung rasant – sichtbar etwa an der jüngsten Marke von über 1.000 von der US-FDA zugelassenen KI-basierten Medizinprodukten.

Deutschland und Indien bringen hier komplementäre Stärken ein: Deutschland mit Infrastruktur, regulatorischer Strenge und technologischer Führungsrolle; Indien mit Skalierung, Talent und einem vielfältigen Innovationsökosystem. Gemeinsam sind beide Länder prädestiniert, wirkungsvolle KI-Innovationen im Gesundheitswesen voranzutreiben.

Wo liegen die größten Chancen und Herausforderungen für KI-getriebene Innovation zwischen den beiden Ländern?

Großes Potenzial sehe ich in einem speziellen Deutsch-Indischen KI-Forum, das Leitlinien für die bilaterale Zusammenarbeit entwickeln könnte – insbesondere im Gesundheitsbereich. Ein solches Forum könnte Standards harmonisieren, regulatorische und ethische Fragen adressieren und gemeinsame Forschungsprojekte anstoßen. Zwar bleiben systemische Herausforderungen wie Datenzugang und Compliance bestehen, doch lassen sich diese durch projektbasierte Kooperation Schritt für Schritt bewältigen und später in ein breiteres Rahmenwerk überführen.

Schon jetzt gibt es Kooperationen in Schlüsselbereichen wie Diagnostik, Pharma-„Global Capability Centers“, Produktion, Präzisionsmedizin, Genomik, Biotechnologie und Life Sciences. Diese bilden eine solide Basis, um KI noch stärker einzubinden.

In diesem Sinne sind wir stolz, den Deutsch-Indischen Gesundheitskongress vom 17. bis 19. Juli in Berlin ausgerichtet zu haben – mit einem besonderen Schwerpunkt auf KI im Gesundheitswesen am 18. Juli, zu dem hochrangige Gäste und Vordenker geladen waren. Ziel dieser Plattform ist es, den Dialog zu vertiefen und Innovation an der Schnittstelle von KI und Medizin zwischen beiden Ländern zu befördern.

Vielen Dank, Jubin für Ihre Zeit.

Sehr gerne.


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