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„Der Duft des Göttlichen“ – Indien aus der Nähe gedacht

Buchrezension – Martin Kämpchen: „Der Duft des Göttlichen. Indien im Alltag“, 2025 erschienen im Patmos Verlag. Martin Kämpchen ist einer der profundesten deutschsprachigen Kenner Indiens. Fünfzig Jahre hat er in dem Land gelebt, Sprachen erlernt, kulturelle und religiöse Traditionen studiert und sich zugleich auf den Alltag eingelassen – nicht als distanzierter Beobachter, sondern als jemand, der Beziehungen aufgebaut, Vertrauen gewonnen und sich über Jahrzehnte hinweg engagiert hat. Nach vielen Jahren kehrte Kämpchen nun aus gesundheitlichen Gründen nach Deutschland zurück, gestand in einem Interview jedoch: „Ich vermisse Indien jeden Tag“. Diese lange, biografisch gewachsene Nähe zu Indien prägt auch sein neues Buch „Der Duft des Göttlichen. Indien im Alltag“, das weniger aus erklärender Distanz als aus erfahrener Vertrautheit heraus geschrieben ist.

Kämpchen wählt eine klare, unprätentiöse Sprache, hinter der jedoch stets eine persönliche Haltung spürbar bleibt. Sie ist frei von exotisierender Verzierung und doch von einer stillen Zuneigung getragen, die nie ins Sentimentale kippt. Das Buch versteht sich weder als Reiseführer noch als Bildband, sondern als Sammlung kulturkundlicher Essays, die Indien über Alltagsbeobachtungen erschließen.

Im Mittelpunkt stehen Themen, die das soziale Gefüge des Landes prägen: Familie und Kinder, Bildung und Medien, Frauen im Alltag, Musik und Kunst, Essen und Kleidung, Zeitverständnis, Grußgesten. Kämpchen beschreibt diese Felder mit genauer Beobachtung und ordnet sie ruhig und präzise in größere kulturelle Zusammenhänge ein. So entsteht ein Bild indischer Gesellschaft, das weder vereinfachend noch belehrend wirkt, sondern erklärend im besten Sinne ist.

Das Buch ist Sudhir Kakar gewidmet, dem bedeutenden Psychoanalytiker Indiens, der Kultur und Gesellschaft seines Landes wie kaum ein anderer interpretiert hat. Kämpchens Zugang ist weniger analytisch als erzählerisch, doch der Wunsch, Indien tiefer zu erkennen, ist unverkennbar.

Besonders einprägsam – und deutlich aus eigener Erfahrung gespeist, wie Kämpchen sie über Jahrzehnte hinweg gewonnen hat – sind seine Beobachtungen zur Gastfreundschaft. Wenn er festhält, dass es zu den sympathischen Eigenschaften des indischen Volkes gehöre, auch Fremde in seinem Wunsch nach Gott einzubeziehen, verweist er auf eine Haltung, in der der Gast einen nahezu sakralen Status besitzt. Damit verbunden ist jene von ihm beschriebene „Wir-Mentalität“, die er der europäischen Betonung des Individuums gegenüberstellt. Kinder werden in Indien, so seine Darstellung, intensiv umsorgt und emotional eingebunden – Ausdruck eines familiären Zusammenhalts, den Kämpchen zugleich als impliziten Kontrast zu europäischen Entwicklungen liest.

Auch das Kapitel über Frauen zeichnet ein differenziertes, von Respekt getragenes und bemerkenswert unaufgeregtes Bild. Kämpchen beschreibt eine Gesellschaft, in der Frauen heute im öffentlichen wie im privaten Raum sichtbar präsent sind, ohne bestehende soziale Probleme zu negieren. Frauen erscheinen hier nicht ausschließlich als Opfer struktureller Benachteiligung, sondern als Akteurinnen, die im Alltag oft eine tragende Rolle spielen.

Besonders aufschlussreich ist zudem das Kapitel über Grußgesten. Kämpchen erläutert, was es bedeutet, die Hand auf die Brust zu legen, die Füße Älterer zu berühren oder auf körperliche Nähe zu verzichten. Diese Gesten werden nicht isoliert erklärt, sondern als Ausdruck einer jahrtausendealten kulturellen Ordnung verstanden, die bis heute wirksam ist.

„Der Duft des Göttlichen“ erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Themen wie IT, Astrologie oder bestimmte religiöse Symboliken bleiben ausgespart. Kämpchen macht daraus kein Defizit, sondern konzentriert sich bewusst auf jene Facetten des Alltags, die ihm wesentlich erscheinen. Dadurch gewinnt das Buch an Geschlossenheit.

Gerade in der Weihnachtszeit mag man das Buch auch als Geschenk in Betracht ziehen. Vor allem aber gehört es in die Reihe jener Texte, die Indien nicht beschreiben, um es nur zu erklären, sondern um das Land, mitsamt seinen Eigenheiten, schätzen zu lernen. Kämpchens abschließende Bemerkung, wir lebten alle in einer Welt, in der Indien einen starken Akzent setze, wirkt weniger wie ein programmatisches Fazit als wie eine leise, von Erfahrung getragene Liebeserklärung.

Martin Kämpchen: „Der Duft des Göttlichen. Indien im Alltag – Erfahrungen aus 50 Jahren“, 2025, Patmos Verlag

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