Ein Ashram im Taunus als Zentrum eines weltweiten Netzwerks: Bhakti Marga verspricht spirituelle Transformation, steht aber massiv in der Kritik. Zwischen Berichten über Machtmissbrauch und juristischen Auseinandersetzungen beleuchten wir die Hintergründe einer Gemeinschaft, deren Strukturen Fragen nach der Grenze zwischen religiöser Freiheit und persönlicher Integrität aufwerfen.
Es ist eine Welt der Pfauen und der Stille, die sich hinter den Mauern des Ashrams im rheingau-taunussischen Springen auftut. Doch der Friede, den die Bewegung Bhakti Marga dort verspricht, ist brüchig geworden. Schwere Vorwürfe gegen den Gründer und ein komplexes Geflecht aus juristischen Auseinandersetzungen werfen die Frage auf, wo spirituelle Hingabe endet und systemische Abhängigkeit beginnt. Recherchen, Aussteigerberichte und Gerichtsentscheidungen lenken den Blick auf Machtstrukturen und den Umgang der Gemeinschaft mit Kritik.
Von außen wirkt der Ashram im Rheingau-Taunus-Kreis wie ein spirituelles Kulturzentrum, das Anhängerinnen und Anhängern aus aller Welt einen Ort der Einkehr bietet. Besucher sprechen von Frieden, Hingabe und innerer Transformation. Doch hinter dieser Fassade hat sich in den vergangenen Jahren ein Konflikt entwickelt, der die Bewegung zunehmend unter öffentlichen und juristischen Druck setzt.
Im Zentrum steht der spirituelle Leiter der Gemeinschaft, Swami Vishwananda (47), auf Mauritius bürgerlich als Mahadeosingh Komalram geboren. Über ihn berichten seit 2022 mehrere investigative Medien unter Berufung auf Aussagen ehemaliger Anhänger. Die Vorwürfe, die dabei erhoben wurden, reichen von spirituellem Machtmissbrauch bis hin zu sexuellen Grenzüberschreitungen. Sie sind Gegenstand umfangreicher journalistischer Recherchen – und zahlreicher juristischer Auseinandersetzungen.
Soziologische Einordnung: Die Sehnsucht nach Führung
Das Phänomen Bhakti Marga ist kein isoliertes Ereignis, sondern lässt sich soziologisch in einen breiteren Trend einordnen. In einer zunehmend säkularisierten und komplexen Welt wächst die Sehnsucht nach einfachen Antworten und charismatischen Führungsfiguren. Soziologen beobachten, dass traditionelle Institutionen an Bindungskraft verlieren, während „Neo-Gurus“ und geschlossene spirituelle Systeme den Wunsch nach Gemeinschaft und Orientierung bedienen. Die totale Hingabe an einen Guru (Guru-Bhakti) bietet eine radikale Entlastung von der Eigenverantwortung, birgt jedoch das inhärente Risiko, dass asymmetrische Machtverhältnisse instrumentalisiert werden. Gerade im Westen trifft die Exotik indischer Spiritualität oft auf ein zahlungskräftiges, bürgerliches Milieu, das für die Versprechen innerer Heilung besonders empfänglich ist.
Hierarchie und Abhängigkeit
Bhakti Marga präsentiert sich als hinduistisch inspirierte Weggemeinschaft, die Nähe zum Göttlichen und persönliches Wachstum verspricht. Ehemalige Mitglieder schildern dagegen eine stark hierarchisch organisierte Binnenstruktur, in der Loyalität gegenüber dem Guru eine zentrale religiöse Pflicht darstelle. Eigene Zweifel oder persönliche Grenzen seien, so berichten mehrere Aussteiger unabhängig voneinander, als spirituelle Schwäche interpretiert worden.
In Interviews berichten frühere Anhänger von Situationen, die sie rückblickend als grenzüberschreitend bewerten. Die Nähe zum Guru sei als Ausdruck spiritueller Reife gedeutet worden, Widerspruch hingegen als Zeichen mangelnder Hingabe. Diese Aussagen stammen aus unterschiedlichen Ländern, weisen jedoch vergleichbare Muster auf.
Recherchen und juristische Gegenwehr
Besonders im Fokus stand die Berichterstattung eines öffentlich-rechtlichen Senders. Die daraus entstandenen Beiträge – darunter eine Dokumentation und ein Podcast – lösten eine Serie juristischer Interventionen aus. Bhakti Marga und Vishwananda gingen gegen einzelne Passagen vor und erwirkten einstweilige Verfügungen. Kritiker sprechen von einer Strategie, kritische Berichterstattung durch eine Vielzahl paralleler Verfahren zu erschweren (Slapp-Klagen). Die Gemeinschaft weist dies zurück und erklärt, man verteidige sich lediglich gegen falsche Tatsachenbehauptungen.
Gerichte und Verdachtsberichterstattung
Inzwischen haben höhere Gerichte zentrale Eingriffe überprüft. Das Hamburger Oberlandesgericht stellte in mehreren Punkten fest, dass die journalistischen Beiträge die Anforderungen an eine zulässige Verdachtsberichterstattung erfüllen. Entscheidend sei, dass die Aussagen sorgfältig eingeordnet und die Sicht der Beschuldigten wiedergegeben wurde. Die Richter hoben hervor, dass die übereinstimmenden Berichte ehemaliger Mitglieder einen hinreichenden Mindestbestand an Beweistatsachen darstellten. Strafrechtliche Ermittlungsverfahren gegen Vishwananda wurden mangels hinreichenden Tatverdachts eingestellt; ein strafrechtliches Urteil liegt nicht vor.
Struktur, Geld und Intransparenz
Neben den persönlichen Vorwürfen richtet sich die Kritik auch auf die wirtschaftlichen Strukturen. Die Gemeinschaft unterhält ein internationales Netzwerk aus Vereinen, Stiftungen und Unternehmen. Einnahmen stammen aus Spenden, Kursgebühren und dem Verkauf religiöser Produkte. Detaillierte Angaben zu Vermögenswerten veröffentlicht die Organisation nicht. Medien verweisen zudem auf interne Leitfäden, in denen die Unterordnung unter den Guru als spirituelle Verpflichtung beschrieben wurde – Dokumente, die laut Bhakti Marga missverstanden oder aus dem Zusammenhang gerissen wurden.
Ein Fall von öffentlichem Interesse
Der Fall Bhakti Marga wirft grundlegende Fragen auf: nach Macht und Verantwortung in geschlossenen Systemen und nach den Grenzen zwischen religiöser Freiheit und persönlicher Integrität. Er zeigt zudem, wie konfliktträchtig die öffentliche Auseinandersetzung mit solchen Strukturen ist, wenn sie von massiven juristischen Mitteln begleitet wird.
Quellen:
