Indiens Alleingang in der Straße von Hormus sichert zwar kurzfristig die Energieversorgung, birgt jedoch erhebliche politische Risiken. Zwischen diplomatischer Sonderrolle und militärischer Absicherung testet Neu-Delhi die Grenzen seiner strategischen Autonomie gegenüber Washington und Teheran.
Die Eskalation in der Straße von Hormus hat eine Stufe erreicht, in der militärische Drohkulissen und bilaterale Geheimdiplomatie unmittelbar aufeinandertreffen. Während die US-Administration unter Donald Trump den Druck auf die NATO-Partner erhöht, um eine multilaterale Militärpräsenz zur Öffnung der Meerenge zu erzwingen, verfolgt Indien einen eigenständigen, rein interessengeleiteten Ansatz. Die erfolgreiche Passage der Flüssiggastanker Shivalik und Nanda Devi unter indischer Flagge verdeutlicht, dass Neu-Delhi derzeit Kanäle nach Teheran nutzt, die westlichen Akteuren verschlossen bleiben.
Diese indische Strategie der „strategischen Autonomie“ wird von Außenminister Subrahmanyam Jaishankar mit dem Verweis auf eine „gemeinsame Geschichte“ beider Nationen begründet. In der Praxis bedeutet dies eine Realpolitik, die den Iran nicht als ideologischen Gegner, sondern als notwendigen Partner für die eigene Energiesicherheit und den Zugang zu Zentralasien begreift. Dass Teheran indischen Schiffen die Durchfahrt gewährt, während es die Meerenge für „Feinde“ de facto gesperrt hält, unterstreicht die Sonderrolle Neu-Delhis. Es ist ein kalkulierter Austausch: Indien entzieht sich der US-geführten Rhetorik und erhält im Gegenzug operative Sicherheit für seine Importe, die zu über 40 Prozent durch dieses Nadelöhr fließen.
Doch dieser Sonderweg ist nicht ohne Risiken und Kritik. In Washington wird das indische Ausscheren aus einer geschlossenen internationalen Front mit Skepsis beobachtet. Kritiker werfen Neu-Delhi vor, durch seine bilateralen Absprachen die Wirksamkeit kollektiver Sicherheitsmaßnahmen zu schwächen und das iranische Regime indirekt zu legitimieren. Zudem ist die indische Sicherheit prekär: Die Passage jedes Schiffes muss einzeln ausgehandelt werden; eine allgemeine Garantie gibt es nicht. Auch die indische Marine operiert unter hohem Risiko. Im Rahmen der „Operation Sankalp“ eskortieren Zerstörer die Tanker – ein deutliches Zeichen dafür, dass man den diplomatischen Zusicherungen Teherans nur bedingt vertraut.
Für europäische Staaten ist der indische Ansatz eher ein Symptom der globalen Fragmentierung als ein nachahmbares Modell. Während die USA die Zukunft der NATO an die Unterstützung im Persischen Golf knüpfen, zeigen Akteure wie Indien, Pakistan oder die Türkei, dass in einer multipolaren Welt bilaterale Transaktionen zunehmend an die Stelle gemeinsamer Sicherheitsarchitekturen treten. Der kurzzeitige Rückgang des Ölpreises nach den indischen Erfolgsmeldungen mag die Märkte beruhigt haben, doch die strukturelle Instabilität bleibt.
Letztlich bleibt Indien in einem riskanten Balanceakt gefangen. Man versucht, die Partnerschaft mit den USA nicht zu gefährden, während man gleichzeitig die lebensnotwendigen Beziehungen zu Teheran pflegt. Die Straße von Hormus dient somit als Testfeld für eine Politik, die keine festen Allianzen mehr kennt, sondern nur noch temporäre Interessengemeinschaften. Ob dieser pragmatische Sololauf im Falle einer weiteren militärischen Eskalation zwischen den USA und dem Iran Bestand haben kann, bleibt die zentrale Ungewissheit für die indische Außenpolitik.
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