Zwischen der Last der Staatsgründung und der Einsamkeit der Macht: Warum Jawaharlal Nehru ausgerechnet in den Armen der letzten Vizekönigin sein politisches Exil fand. Ein Porträt über Indiens ersten Premierminister, dessen rote Rose im Knopfloch weit mehr als nur ein botanisches Accessoire war.
Wer heute durch die stillen Hallen des Teen Murti Bhavan in Neu-Delhi wandelt, dem ehemaligen Wohnsitz des ersten indischen Premierministers, spürt noch immer den Hauch einer Epoche, in der Weltpolitik und tiefe persönliche Melancholie Hand in Hand gingen. Jawaharlal Nehru, der Architekt des modernen Indien, war zeit seines Lebens eine Figur von fast shakespearescher Komplexität. In der offiziellen indischen Geschichtsschreibung oft zum „Chacha“ (Onkel) der Nation und zum asketischen Staatsmann stilisiert, verbirgt sich hinter der roten Rose an seinem Revers die Geschichte eines Mannes, dessen emotionales Leben ebenso grenzüberschreitend war wie seine politische Vision.
Nehrus Anziehungskraft auf Frauen war kein bloßes Nebenprodukt seiner Macht, sondern entsprang einem tiefen, fast schmerzhaften Bedürfnis nach intellektuellem Gleichklang. Er war ein Produkt von Harrow und Cambridge, ein Mann, der fließend zwischen der vedischen Philosophie und dem europäischen Sozialismus wechselte. Diese Hybridität machte ihn für viele Frauen seiner Zeit unwiderstehlich. Er besaß nicht die unnahbare Heiligkeit eines Mahatma Gandhi, sondern die nahbare, bisweilen schutzbedürftige Aura eines „Lonely Prince“. Frauen wie die amerikanische Diplomatin Claire Boothe Luce oder die indische Freiheitskämpferin Padmaja Naidu verfielen nicht einem bloßen Verführer, sondern einem Mann, der die seltene Gabe besaß, sein Gegenüber durch schiere intellektuelle Präsenz zu erhöhen. Nehru suchte in einer Ära der arrangierten Ehen und der weiblichen Unterordnung nach Sparringspartnerinnen, die seine Einsamkeit an der Spitze der Macht nicht nur linderten, sondern verstanden.
Die Verbindung zu Edwina Mountbatten, der Gattin des letzten Vizekönigs, bleibt dabei das Epizentrum aller Spekulationen. Es war eine „Ménage-à-trois“, die das moralische Gefüge des zerfallenden British Raj und des jungen Indien gleichermaßen erschütterte. Dass Lord Mountbatten die tiefe Zuneigung zwischen seiner Frau und seinem politischen Gegenspieler nicht nur duldete, sondern in gewisser Weise förderte, gibt der Geschichte eine fast surreale Note. Kritiker werfen Nehru bis heute vor, diese Affäre habe sein politisches Urteilsvermögen während der blutigen Teilung Indiens getrübt. War die Grenzziehung in Punjab und Bengalen vielleicht durch die Kissenflüsterei im Hause Mountbatten beeinflusst? Solche Fragen sind das Treibmaterial für die Skandalchroniken der indischen Rechten, doch sie greifen zu kurz.
Die wahre Substanz dieser Beziehung offenbarte sich erst nach Edwinas Tod im Jahr 1960, als man einen Stapel von Nehrus Briefen direkt neben ihrem Bett fand. Diese Korrespondenz war weit mehr als ein bloßer Austausch von Zärtlichkeiten; sie war ein intellektuelles Tagebuch zweier Verlorener. „Plötzlich merkte ich – und das mit einem gewissen Schock –, dass da eine tiefe Bindung zwischen uns war, eine instinktive Verbindung“, schrieb Nehru einmal. Er vertraute ihr Dinge an, die er vor seinem Kabinett verbarg: seine Zweifel am Gelingen des indischen Experiments, seine Erschöpfung durch die endlosen Grabenkämpfe innerhalb der Congress-Partei und die Last der Verantwortung, die ihn oft nachts wachhielt. Für Nehru war Edwina der Spiegel, in dem er sich selbst jenseits des politischen Protokolls erkennen konnte. Sie war die Frau, die ihm schrieb, wie sehr sie seine „Einsamkeit inmitten der Massen“ nachempfinden könne. In diesem schriftlichen Exil fanden sie eine Form von Intimität, die die physische Abwesenheit überbrückte.
In der häuslichen Sphäre des Teen Murti Bhavan sorgte diese Offenheit für Spannungen, die das Leben seiner Tochter Indira Gandhi nachhaltig prägten. Als Hüterin des väterlichen Erbes musste sie zusehen, wie Frauen wie Padmaja Naidu, die Tochter der berühmten Sarojini Naidu, über Jahrzehnte hinweg die inoffizielle Rolle einer Lebensgefährtin einnahmen. Für Indira, die das puritanische Erbe ihrer früh verstorbenen Mutter Kamala verteidigte, war der Lebensstil ihres Vaters eine ständige Provokation. Man kann Indiras späteren, oft als unterkühlt und autoritär beschriebenen Regierungsstil durchaus als Gegenentwurf zu der emotionalen Durchlässigkeit ihres Vaters lesen. Während Nehru die Liebe als intellektuelle Befreiung suchte, sah seine Tochter in ihr womöglich eine gefährliche Angriffsfläche.
Aus heutiger Sicht wird der „Mensch Nehru“ in Indien zunehmend zum Politikum. In einem Land, das sich unter der aktuellen Führung auf seine hinduistisch-traditionellen Werte besinnt, wirkt Nehrus kosmopolitische Freizügigkeit oft wie ein Relikt einer vergangenen, fast zu westlichen Welt. Die Skandale um angebliche Affären, wie die mit der Sannyasin Shraddha Mata, werden heute oft instrumentalisiert, um das Denkmal des Staatsvaters zu stürzen. Doch gerade diese menschlichen Brüche sind es, die Nehru für eine moderne Betrachtung so wertvoll machen. Er war kein Heiliger, sondern ein Suchender. Er brach mit dem Tabu des zölibatären Politikers und bewies, dass man eine Nation führen kann, ohne die eigene emotionale Identität zu opfern.
