Website-Icon Indien Magazin und Portal für Deutschland – aktuelle Nachrichten, Hintergründe, Analysen und Interviews – seit 2000

Ewaabai (3/7): „Eva wird zu Ewaabai“

theinder.net Kolumne "Ewaabai"
Illustration: (c) theinder.net, KI-unterstützt

Teil 3/7. Eva musste den Kopf in den Nacken legen, um eine Ahnung von den Dimensionen des Gebäudes zu bekommen. In der verspiegelten Fensterfront des Hochhauses zeichnete sich ein mächtiger Baukran ab. Beim Eingang stand in großen Buchstaben: „German Book Office“. Evas Herz machte einen Sprung. Der Security-Beamte in der grünen Uniform hinterließ einen sehr grimmigen Eindruck. „Ist das Lächeln in ihrem Beruf verboten?“, fragte Eva schnippisch, als dieser in ihrer Tasche wühlte. In ihren Gedanken malte sie sich aus, wie der Mann in Zivilkleidung widerwillig eine Erklärung unterzeichnete, mit der er sich verpflichtete, niemals nur die kleinste emotionale Regung zu zeigen. Diese Vorstellung stimmte sie versöhnlich. Eva beschloss, nett zu sein. „Wissen Sie“, begann sie und näherte ihr Gesicht vertrauensvoll dem seinen, „ich habe in diesem Gebäude heute meinen ersten Arbeitstag.“ Der Security-Beamte schaute sie verständnislos an. Doch Eva war noch nicht fertig. „Dabei habe ich noch nicht mal seit 24 Stunden indischen Boden unter den Füssen“, kicherte sie nervös und tätschelte seinen Unterarm. Der Beamte schwieg weiterhin beharrlich. Dass jemand ihn ansprach, während er nur seine Arbeit tat, verstand er nicht.

„Eva, wir begrüssen sie ganz herzlich in unserer Abteilung“, sagte eine blonde westliche Frau, die sich mit dem Namen Alice vorstellte. Sie hielt mit beiden Händen einen Umzugskarton. Ihre Hochsteckfrisur war zersaust und sie schwitzte. „Ich entschuldige mich für das Chaos, aber wir richten gerade die Büros her. Leider ist die Klimaanlage noch nicht installiert“, meinte sie. „Wie gefällt Ihnen Ihr Appartement?“

Im ganzen Stockwerk herrschte grosses Chaos. Überall standen Umzugskartons, Handwerker hämmerten, während das Personal geschäftig hin und her eilte – zudem war es drückend heiss. Eva erfuhr, dass das indische Büro für Buchlizenzen in Delhi eben erst eröffnet wurde. „Mit etwas Verspätung“, erklärte Alice mit einem schiefen Lächeln. Am Liebsten hätte Eva auf dem Absatz kehrt gemacht. „Dann hätte ich mich heute Morgen wohl doch für den Blaumann entscheiden sollen“, sagte Eva gequält. Doch Alice liess sich nicht beirren. „Sie haben Glück. Das Internet funktioniert bereits. Sie können sich heute vor allem mit Buchrecherchen befassen. Lassen Sie sich von Raju einen Chai bringen und entspannen Sie sich“.

Der köstlich würzige Tee, der ihr ein junger Mann gebracht hatte, entschädigte sie etwas für die Unannehmlichkeit. Obwohl – so ganz konnte sie es dann doch nicht verstehen, wie man bei dieser drückenden Hitze Tee trinken konnte. Alice hatte ihr einen Stapel Bücher in die Hand gedrückt und sie angewiesen, mit der Internet-Recherche zu beginnen. Auf dem Frontcover des ersten Buches war eine Frau in einer Tänzer-Pose abgebildet. „Mirabai – poems“, hiess es darauf. Eva blätterte und entdeckte, dass es sich dabei um einen Gedichtband handelte. Die ersten paar Zeilen eines Gedichts gefielen ihr besonders gut:

Ich tanzte mit Fußglöckchen an meinen Füßen.

„Mīrā ist wahnsinnig“, sagten die Leute,
„Diese Sippenzerstörerin“, schimpfte die Schwiegermutter.

Den Giftbecher schickte ihr der König,
Mīrā lachte, als sie ihn austrank.

Auf der Heimfahrt in der wohltuenden Kühle von Mister Singhs klimatisierten Wagens fragte Eva: „Kennen Sie eine Dichterin mit dem Namen Mirabai?“ Mister Singh zog erstaunt die Augenbraunen hoch. „Mirabai? Natürlich weiss ich, wer Mirabai ist. In diesem Land weiß das jedes Kind!“ Mister Singh lachte jetzt so heftig, dass man sein Halszäpfchen sehen konnte. „Die Lieder mit ihren Gedichten werden von uns Sikhs genauso gesungen wie von Hindus oder Muslimen“, erklärte er. „Sie war eine Rajputenprinzessin aus dem 16. Jahrhundert, die sich ganz der Verehrung des Gottes Krishna hingegeben hat. Man versuchte mehrmals, sie zu vergiften“, erzählte Mister Singh. „Ich muss unbedingt mehr über sie erfahren“, meinte Eva aufgeregt. „Bereits nach Ihrem ersten Arbeitstag spricht sie von Mirabai“, Mister Singh schüttelte ungläubig den Kopf. Die ganze Fahrt über lächelte er besonnen vor sich hin. Bei der Verabschiedung sagte er zu Eva: „Wir sehen uns morgen. Tragen Sie Sorge zu sich, Ewaabai.“


Die Autorin Edith Truninger erzählt in ihrer 7-teiligen Kolumne meisterhaft, wie die Europäerin Eva in Indien zu Ewaabai wird. Sie beschreibt, wie ein fremdes Land zum inneren Bezugspunkt wird, zwischen „Mango-Lassi und Räucherstäbchen“.

Die mobile Version verlassen