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Ewaabai (6/7): „Erhaben in den Tag“

theinder.net Kolumne "Ewaabai"
Illustration: (c) theinder.net, KI-unterstützt

Teil 6/7. Ewaabai hatte dieser ganzen New-Age-Welle noch nie viel abgewinnen können. Mit Yoga verband sie zudem unangenehme Erinnerungen an endlose Stunden im Fitnesscenter, die sie sich nur deshalb angetan hatte, weil sie hoffte, ihrem anbetungswürdigen Fitness-Freund imponieren zu können.

Nein, der Fitness-Typ war sie definitiv nicht. Ausserdem gingen ihr diese New Age-Anhänger gehörig auf die Nerven. Wie sie mit ihrer wallenden Kleidern und der blassen Haut durch die Gegend schwadronierten und mit ihrem dämlichen, erleuchteten Gesichtsausdruck so taten, als hegten sie niemals Mordgedanken. So heilig konnte man doch gar nicht sein! Doch sie war felsenfest entschlossen, etwas für ihren Körper zu tun. Sie traf Alice, die Abteilungsleiterin, bereits beim Eingang. „Ewaabai, haben Sie sich für den Beginners Course angemeldet?“ Alice steckte in ihrem Trainings-Dress, die Yoga-Matte lässig unter den Arm geklemmt. „Finden Sie nicht auch, dass die Atmosphäre des Zentrums irgendwie so erhaben ist?“

„Na ja, der einzige Körperteil, der sich bei mir im Moment nach Erlösung sehnt, sind meine Stimmbänder.“ Alice schaute sie fragend an. „Diese Menschen hier hauchen, anstatt zu sprechen. Und ich bin absolut unfähig, was flüstern betrifft“, meinte Ewaabai mit rollenden Pupillen. Der dramatische Tonfall in ihrer Stimme hatte, wie sie fand, Respekt verdient. Alice lachte, wobei sie den Kopf weit nach hinten warf. „Aber, aber, liebe Eva. Sie sind wohl heute mit dem falschen Fuss aufgestanden? Kommen Sie mit, es wird Ihnen gefallen.“ Im grossen Raum im ersten Stock lagen bereits Dutzende regungslos auf ihren Matten. Der Holzboden mit der grossen Fensterfront gefiel Ewaabai auf Anhieb. Die Fenster gingen auf einen friedvollen Garten hinaus. Die Ruhe, die das Zentrum ausstrahlte, war in der Tat erstaunlich. Kaum zu glauben, dass sich das Zentrum mitten in Delhi befand. Ewaabai legte sich mit dem Rücken auf die Matte, die man ihr ausgehändigt hatte und versuchte sich innerlich zu sammeln. Der Versuch scheiterte kläglich. Stattdessen dachte sie an den Faux-Pax zurück, den sie sich bereits beim Betreten des Zentrums geleistet hatte: Sie hatte vergessen, die Schuhe auszuziehen. Dabei hätte ihr doch wirklich auffallen müssen, dass jeder seine abgestreiften Schuhe beim Eingang deponiert hatte!

Es ging keine zwei Sekunden, da hatte sie auch schon jemand zurückgepfiffen. Sie tröstete sich damit, dass sie sicherlich nicht die einzige war, der dieses Missgeschick passiert war – zumal sie bei weitem nicht die erste Westlerin war, die je über diese Türschwelle getreten war. Gerade war sie damit beschäftigt, über den Kontrast zwischen den Slumgebieten Delhis, an denen sie auf dem Weg hierhin vorbeigefahren war, und der Erhabenheit – wie Alice es nannte, des Zentrums nachzudenken, als die Gruppe sich regte. Die Leiterin begab sich in den Lotussitz, und auf ein unsichtbares Kommando begannen alle damit, ein Mantra zu singen. Die Augen hielten sie dabei geschlossen, die Hände mit den Fingerspitzen zeigten nach oben. Ewaabai fühlte sich überrumpelt. So hatten sie das im Fitnesscenter nie gemacht. Tonlos bewegte sie die Lippen. Es sollte wenigstens so aussehen, als wären ihr die Worte vertraut. Sie wollte nicht gleich zu Beginn weg als Anfängerin vorgeführt werden. Nach den Atemübungen, bei denen sie sich nicht weniger laienhaft vorkam, rechnete sie bereits nicht mehr damit, dass sie heute noch zum eigentlichen Yoga vorstossen würden. Als die Gruppe wider erwarten zum Sonnengruss ansetzte, konnte sie ihr Yoga-Debüt unmöglich mehr verheimlichen. Ihre Arme und Beine schlenkerten unkoordiniert in der Luft, immer hinkte sie den Bewegungen der Gruppe ein paar Sekunden hinterher. Ewaabai verfluchte ihre törichten Gedanken und wünschte sich sehnlichst die Atemübungen zurück. Als die Yogis und Yoginnen mit geschmeidigen Bewegungen in den Kopfstand übergingen, kapitulierte sie endgültig. Eine Minuten, zwei Minuten, drei Minuten verstrichen, und auf den Gesichtern zeigte sich nicht mal das kleinste Zeichen der Anstrengung. Ewaabai lag auf dem Rücken und sah fasziniert zu. Bildete sie es sich bloss ein oder perlte da gerade ein Schweisstropfen von ihres Nachbarn Stirn? Ewaabai musste sich beherrschen, damit sie nicht laut „Ha, du auch! Also doch!“ schrie. Als die neunzigminütige Tortur endlich vorbei war, fühlte sie sich erschöpft. Beim Teespender fing Alice sie ab.“Na, wie wars?“, fragte sie. „Tut doch gut, was?“ Ewaabai grunzte und gab keine Antwort. Stattdessen sagte sie: „Kann mir mal einer erklären, warum diese Räucherstäbchen-Fritzen hier immer noch so blasse Haut haben, wo sie doch tagtäglich die Sonne anbeten?“


Die Autorin Edith Truninger erzählt in ihrer 7-teiligen Kolumne meisterhaft, wie die Europäerin Eva in Indien zu Ewaabai wird. Sie beschreibt, wie ein fremdes Land zum inneren Bezugspunkt wird, zwischen „Mango-Lassi und Räucherstäbchen“.

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