Website-Icon Indien Magazin und Portal für Deutschland – aktuelle Nachrichten, Hintergründe, Analysen und Interviews – seit 2000

Ewaabai (7/7): „Plauderstündchen bei Kaffee und Kuchen“

theinder.net Kolumne "Ewaabai"
Illustration: (c) theinder.net, KI-unterstützt

Teil 7/7. «Es geht einfach nichts über europäische Kaffeekultur!», rief Ewaabai begeistert aus, als sie das Büchercafé betrat. Nach der missratenen Yoga-Stunde kam sie jetzt unverhofft doch noch auf ihre Kosten. Das Büchercafé verteilte sich über drei Stockwerke, eine Wendeltreppe führte jeweils in die nächste Etage, was der Bücherei einen verwunschenen Anstrich verlieh. Ewaabai vergass alles um sich herum und rief begeistert aus: «Wahnsinn! Hier bringen mich heute keine zehn Pferde mehr raus!» Hälse drehten sich in ihre Richtung. Alice, die Ewaabais Ausbruch mit stoischer Ruhe über sich ergehen liess, meldete sich kühl zu Wort: «Kindchen, wir haben heute Nachmittag noch eine Menge Arbeit vor uns. Betrachte diesen Ausflug als eine Art Anreiz Deines Arbeitgebers. Der Cappuccino geht auf mich. Du musst unbedingt den Schokokuchen kosten, der Schokokuchen in diesem Laden ist köstlich!» Ewaabai sah ihre Chefin von der Seite verwundert an. Alice liess sich nur selten zu Schwärmereien hinreissen, so gut kannte Ewaabai ihre Chefin bereits. Sie war die knallharte Geschäftsfrau, die im Joballtag nicht viel Persönliches von sich Preis gab. An diesem Nachmittag jedoch schien sie aus irgendeinem Grund eine Ausnahme zu machen.

Bei Kaffee und Kuchen – das höchste aller Gefühle – platzte es aus Ewaabai heraus: «Ich war bei einem Astrologen, der mir in die Zukunft gesehen hat. » Alice lächelte besonnen. Solche Geschichten kannte sie zuhauf. « Ich wollte es gar nicht, ich schwöre es. Aber es ist einfach passiert. Seither muss ich immer an seine Weissagung denken. Wie Ernst muss ich das nehmen?» Alice’s Lächeln war immer noch nicht aus ihrem Gesicht gewichen. Jeder, der für längere Zeit in Indien lebt, liess sich irgendwann die Zukunft weissagen. «Du hast bestimmt schon bemerkt, dass Religion hier einen viel bedeutenderen Stellenwert hat als bei uns. Wichtige Daten werden anhand der Konstellation der Sterne festgelegt.»
Ewaabai nickte eilig. Sie war begierig, mehr von der erfahrenen Mentorin zu lernen. «Selbst die so genannt modernen Inder der neuen Mittelklasse greifen auf solche Methoden zurück, wenn sie in ihrem Leben auf Schwierigkeiten treffen. Hat er nach deinem Geburtsdatum gefragt?»

Ewaabai nickte. «Konntest Du Fragen stellen?»
«Nicht direkt. Aber er hatte am Schluss ein Papier voller Kritzeleien und Berechnungen vor sich.»

«Dann bist du zumindest nicht an einen von der ganz unseriösen Sorte geraten. Gratuliere! Vielen Westlern wurde auf diese Weise schon übel mitgespielt.» «Willst du denn nicht wissen, was er mir geweissagt hat?», fragte Ewaabai ungeduldig. Alice’s besserwisserisches Getue ging ihr plötzlich auf die Nerven. Aber an wen hätte sie sich denn sonst wenden sollen? «…..» «Er meinte, Indien würde mich sehr verändern. Ich würde mein Herz verlieren und mich auf eine grosse Reise begeben. Und ich solle niemals einen Palast betreten, in dem einst Könige wohnten.» Alice’s linke Augenbraue zog sich nach oben. «Du kannst nicht auf eine Reise gehen. Ich brauche dich hier.»

«Alice, sag mir einfach, wie Ernst ich das nehmen soll, okay?»
«Ich kann dir nicht sagen, wie Ernst Du das nehmen sollst. Aber eine gewöhnliche Voraussehung ist das sicher nicht.»
«Na toll, sehr beruhigend.»
«Mir hat auch mal ein Astrologe gesagt, ich würde mich verlieben.»

«Was ist passiert?» Ewaabai war sofort hellwach, ihr Interesse geweckt. «Ich bin fremdgegangen. Mit einem Inder aus dem Geschäft meines Ex-Mannes.» Ewaabai entliess geräuschvoll Luft durch ihre Zähne. «Das habe ich nicht gewusst.» «Es ist auch nicht unbedingt die rühmlichste meiner Geschichten. Mein Ex-Mann hat ein Jobangebot in Delhi erhalten, das er unmöglich ablehnen konnte. Also bin ich mitgegangen. Doch er kam her, um zu arbeiten. Ich kam her, um zu leben.» Nach einer kleinen Pause fuhr sie weiter: Meine Ehe ging in die Brüche, meine Beziehung zu dem Inder auch, doch dieses Land lässt mich nicht mehr los. Es hat mich und mein Leben unwiederbringlich verändert.»
«Könntest Du Dir vorstellen, jemals zurückzukehren?», fragte Ewaabai erwartungsvoll. Alice schüttelte entschieden den Kopf und lachte. «Niemals. Dafür bin ich bereits zu lange hier. Indien hat mich mit Haut und Haaren verschlungen. Und verdaut.» Alice’s rauhes Lachen dröhnte so stark, dass Ewaabai meinte, die Löffel müssten auf dem Unterteller scheppern.

Als sie das Café verliessen, lag Ewaabais Blick einen Moment zu lange auf der Strasse, als hätte sich zwischen Kaffeeduft und Alice’ Lachen etwas leise in ihr festgesetzt. Vielleicht, dachte sie, war die Weissagung weniger ein Versprechen als eine Einladung – und Indien verstand es wie kein anderes Land, solche Einladungen offen zu lassen.


Die Autorin Edith Truninger erzählt in ihrer 7-teiligen Kolumne meisterhaft, wie die Europäerin Eva in Indien zu Ewaabai wird. Sie beschreibt, wie ein fremdes Land zum inneren Bezugspunkt wird, zwischen „Mango-Lassi und Räucherstäbchen“.

Die mobile Version verlassen