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Jose Punnamparambil: Meine Heimat, das sind meine Erinnerungen

„In diesem Jahr werde ich 90. Was bedeutet heute Heimat für mich, einem indischen Migranten, der seit 1966 in Deutschland lebt?“ Eine Kolumne von Jose Punamparambil.

Foto: (c) Sosamma und Jose Punnamparambil, 2023

Ich kann die Heimat nirgendwo verorten, an keinem alten Haus oder in keiner idyllischen Landschaft. Das kleine Dorf im südindischen Staat Kerala, wo ich geboren und aufgewachsen bin, hat sich stark verändert. Das Grundstück und die Reisfelder, wo ich die ersten 20 Jahre meines Lebens verbrachte und wo ich ungezwungen gespielt und die Eichhörnchen gejagt habe, sind heute nicht wiederzuerkennen. Unser altes Haus mit Kuhstall und den Mangobaum im Hof, der mir im Wind reife, gelbe Mangos zugeworfen hat – alles verschwunden! An ihrer Stelle und rund herum stehen neue Häuser mit Autos, Motorrädern, Fahrrädern vor der Tür. In zwei dieser modernen Häuser leben meine beiden Brüder, mit ihren Familien.

Was mir aus dieser Zeit geblieben ist, sind schöne Erinnerungen, die später mein Leben formten. Auf unserem Grundstück lebten in der Zeit meiner Kindheit drei Familien, die auch für uns arbeiteten. Sie waren Hindus und gehörten zu den niedrigsten Kasten. Während die Männer auf dem Feld arbeiteten, half die eine oder andere Frau gelegentlich meiner Mutter im Haushalt. Eines Tages, als ich mit meiner Mutter beim Mittagessen saß, kam Kurumba, eine der Haushaltshilfen und klagte, dass sie den ganzen Tag nichts zum Essen hätte, da ihr Mann keine Arbeit bekam. Ohne lange nachzudenken nahm meine Mutter einen zweiten Teller und teilte ihre Mahlzeit mit Kurumba. Ich beobachtete dann, wie Kurumbas Gesicht strahlte und wie zwei Tränen aus ihren Augen kullerten. Auch ich war sehr bewegt.

In Kerala blieb ich, bis ich mein Studium absolviert hatte. Dann versuchte ich ein Jahr lang in meinem Heimatstaat einen Job zu finden, aber vergebens. Daher entschied ich mich, mein Glück in der fernen Großstadt Bombay (heute Mumbai) zu suchen. Das war im Jahr 1957. In Bombay fand ich schnell einen Job als Sachbearbeiter im Ernährungsministerium nahe dem Bahnhof „Churchgate“. Ich musste jeden Tag früh morgens vom Vorort Santa Cruz etwa eine Stunde mit der Stadtbahn ins Zentrum fahren und etwa 15 Minuten zu Fuß zum Ministerium laufen. Aus dieser Zeit blieb mir die folgende Erinnerung, die mein späteres Leben nachhaltig beeinflusst hat:

Eines Tages, nach der Ankunft im Bahnhof „Churchgate“, spürte ich das Bedürfnis, etwas zu trinken. Also ging ich zu einem Kiosk und bestellte einen Milchshake. Als ich ihn langsam und genüsslich trank, sah ich vor mir einen kleinen Jungen in zerfetzten Kleidern, der mich mit gierigen Augen anschaute. Ich hielt einen Moment inne – in mir war ein Kampf im Gange – aber dann rief ich den Jungen zu mir und bestellte ihm einen Milchshake. Als er den Milchshake langsam trank und jeden Tropfen davon genoss, funkelten seine Augen und sein Gesicht leuchtete in stummer Dankbarkeit. Dieser Vorfall zeigte mir, wie wichtig es im Leben ist, eine Entscheidung zum richtigen Zeitpunkt zu treffen, ohne zu zögern. Ich habe auch gesehen, wie viel du zurückbekommst , wenn du ein wenig von dem, was du hast, mit den weniger Glücklichen teilst. Für einen Moment fühlte ich mich befreit von den Fesseln meines Egos.

1966 verließ ich nach 10-jährigem Aufenthalt Bombay in Richtung Deutschland. Hier verbrachte ich die ersten sieben Jahre als freiberuflicher Journalist und wohnte in verschiedenen Orten, vornehmlich in Köln. 1973 begann ich eine Tätigkeit bei der Deutschen Stiftung für Internationale Entwicklung in Bad Honnef als Sprachtrainer für Fachkräfte der deutschen Entwicklungszusammenarbeit. So zog ich mit meiner Familie in den kleinen Ort Unkel in der Nähe. Wir mieteten dort eine Wohnung an und richteten sie gut ein in der Absicht, dort länger zu bleiben. Unsere dreijährige Tochter Nisa bekam einen Platz im örtlichen Kindergarten. Glücklicherweise war auch Andrea, die Tochter der deutschen Nachbarfamilie, im selben Kindergarten. Bald wurden sie enge Freundinnen und trafen sich oft nach der Kindergartenzeit zum Spielen.

Als wir nach Unkel zogen, musste meine Frau Sosamma ihre Stelle als Krankenschwester in einem Kölner Krankenhaus kündigen. Sie wollte aber wieder arbeiten, da mein Gehalt alleine nicht ausreichte, um unsere beiden Familien in Indien zu unterstützen und die Lebenskosten in Deutschland zu bestreiten. Zum Glück bekam Sosamma eine Stelle in einem Krankenhaus der Nachbarstadt Bad Honnef angeboten. Aber was machen wir nun mit der kleinen Nisa, wenn meine Frau im Schichtdienst arbeitete? Ich konnte Nisa zum Kindergarten bringen, bevor ich morgens zum Dienst fuhr. Aber wenn sie gegen Mittag nach Hause kommt, wird sich niemand um sie zu kümmern können. Sosamma besprach sich mit der Mutter von Andrea, Frau Waltraud Schmülling, die nicht berufstätig war und schilderte ihr unsere missliche Lage. Spontan signalisierte diese ihre Bereitschaft, Nisa zusammen mit Andrea vom Kindergarten abzuholen, den beiden das Mittagessen zu bereiten und in ihrem Haus zu betreuen, bis Sosamma von der Arbeit zurückkommt. Dies tat sie viele Jahre lang, bis Nisa die Grundschule verließ. Eine bemerkenswerte Nachbarschaftshilfe, die uns zeigte, zu welcher Größe die Menschen fähig sind. Sosamma und Waltraud wurden enge Freundinnen. Wir behandelten sie wie ein Familienmitglied. 1998 reiste Waltraud sogar zusammen mit uns und anderen deutschen Freunden nach Kerala, Indien, um an Nisas Hochzeitsfeier teilzunehmen.

69 Jahre meines Lebens habe ich als Migrant verbracht. Ich bin gewandert von Ort zu Ort, von Kontinent zu Kontinent. Ich bin vielen unterschiedlichen Menschen und Kulturen begegnet. Was mir heute nach all diesen Wanderjahren ein Heimatgefühl vermittelt , sind Erinnerungen wie die oben geschilderten, und noch einige mehr. Sie verändern sich nicht, sie sind Teil meines Wesens. Wenn ich mich verlassen und einsam fühle, öffne ich die Schatzkammer meiner Erinnerungen und trete ein.

Dann bin ich heimgekommen!


Anm. d. Red.: Jose Punnamparambil ist einer der bedeutendsten deutsch-indischen Publizisten der Gegenwart, u.a. Gründer der Zeitschrift „Meine Welt“ und seit 2025 als Kolumnist für theinder.net tätig (Pressemitteilung).

Alle bisherigen Beiträge von Jose Punnamparambil finden Sie hier.

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