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Edita Truninger: Hindugott Krishna als Vexierbild

Das nordindische Vrindavan ist der Ort, in dem der Hindugott Krishna seine Kindheit verbracht haben solle. Im verspielten Gott mit der Flöte sieht jeder seiner Anhänger:innen etwas anderes: Vater, Verehrer oder Fußballkumpel, erklärt uns die Indienreisende Edita Truninger in ihrer Kolumne „Chalo, Auntie!“.

Foto: (c) Sanjana Mv

Die Straßen von Vrindavan sind erfüllt von einem eigenartigen Singsang, der niemals abbricht: Hare Krishna, Hare Krishna, Krishna Krishna, Hare Hare, Hare Rama, Hare Rama, Rama Rama, Hare Hare. «Gechantet wird hier 24 Stunden nonstop», erklärt ein junger Krishna-Anhänger aus London vor dem Sri Krishna Balaram Tempel. Auf seiner Stirn prangt ein senkrechter gelber Strich – von der Nasenwurzel bis zur Scheitelkrone. Um die schmalen Hüften trägt er ein Dhoti. Die Sonne taucht den riesigen Tempel gerade in ein rötlichgelbes Licht. Vor dem Eingang streift der junge Mann seine Schuhe ab. Barfuß betritt er den kühlen Marmorboden mit dem Schachbrettmuster. «Krishna ist für mich in jedem Quadratmillimeter Erde von Vrindavan eingebrannt – es ist der Ort, wo alles begann.» Zweimal pro Jahr kommt der junge Engländer her, um seine Batterien aufzuladen. Eben beginnt das Gauri Aarti – die Andacht zu Ehren Lord Krishnas. Der Zeitpunkt ist nicht zufällig gewählt: Die Stunde vor Sonnenuntergang gilt als verheißungsvoll.

In der Mitte des Andachtsraums steht ein Altar, darauf eine Statue von Krishna: Gesicht und Hände glänzen schwarz. Sein Erkennungszeichen, die Flöte, hält er sich an den Mund. Turban und Kleid sind aus einem festen Stoff gemacht. Rund um die Augenpartie wurden ihm mit einem feinen Pinsel Punkte aufgetragen. Ein wacher Blick, und doch ist da ein Anflug von Verträumtheit. Devotees sitzen im Kreis, singen Sanskritverse oder begleiten auf Harmonium und Trommeln. Eine Europäerin tänzelt um ihre eigene Achse und lächelt dabei entrückt. Für den jungen Engländer ist diese Statue die schönste in ganz Vrindavan. «Wenn ich ihr in die Augen schaue, sehe ich in einen Ozean an Gnade.»

Der Götterstatue Luft zufächeln

Die Region Braj im Bundesstaat Uttar Pradesh bedeutet Krishna-Anhängern alles. Hier verbrachte der verspielte Gott mit der Flöte seine Kindheit. Am Flussufer des Yamuna hütete er Kühe, vergnügte sich mit seinen Freunden, den Gopis, und spielte der Mutter Streiche. In Vrindavan gibt es daher eine Vielzahl von Tempeln und Ashrams, die Krishna und seiner Lieblingsgopi, dem Hirtenmädchen Radha, geweiht sind. Die Statue des Gottes aus Messing oder Marmor, manchmal auch aus Gold, darf in keinem Tempel fehlen. Jede ist ein Unikat, und die Vishnuiten – also die Anhänger des Gottes Vishnu und seiner Avatare – sorgen dafür, dass es ihr an nichts mangelt. Am Fuße des Altars liegen Opfergaben; häufig Esswaren. Die Statue trägt auch jeden Tag andere Kleidung. Im Winter ist der Stoff dicker als im Sommer. In einigen Ashrams schieben die Gläubigen Schichten, um Lord Krishna in der extremen Sommerhitze zwischen April und Oktober mit einem großen Strohfächer Luft zuzufächeln. Tage- und nächtelang. Im Hinduismus werden normalerweise viele Götter verehrt, doch hier dreht sich alles nur um einen Gott. Manche Religionswissenschaftler ordnen den Vishnuismus daher dem Monotheismus zu. Auch im Westen erreichte der Vishnuismus einige Bekanntheit: In den 1960er-Jahren gründete A.C. Bhaktivedanta Prabhupada in New York die internationale Bewegung des Krishna-Bewusstseins. Bis heute hat sie überall auf der Welt ihre Ableger.

Krishna als Geliebter

Die 23-jährige Italienerin Eccaradha ist seit drei Jahren Teil einer ISKCON-Gemeinde. Seit einem Jahr ist sie initiiert, ihr Guru hat sie auf den Namen Eccaradha getauft. Nach Vrindavan reist sie, so oft es geht. Barfuß und in einem leuchtend blauen Sari rennt sie los, mit weit ausgestreckten Armen dem Altar entgegen. Ohne das geringste Zögern wirft sie sich bäuchlings auf den Boden, bleibt für ein paar Sekunden reglos liegen. Niemand nimmt von ihr Notiz. Als sie sich wieder aufrappelt, ist ihr Ausdruck gelöst, ihr Lächeln entrückt. Man könnte meinen, sie sei frisch verliebt. «Für alle Begrifflichkeiten, die existieren, ist eine Liebesbeziehung wohl am passendsten», sagt sie. Später albert die junge Frau mit einer Gruppe Brajwasis herum, lehnt eine Einladung zum Abendessen jedoch ab. «Ich möchte Krishna nicht vernachlässigen.»

Brajwasi-Kultur

Alles, was Praveen Bagag über Krishna weiß, hat er von seinen Eltern gelernt. Seine Familie lebt bereits in achter Generation in Vrindavan. «Die Beziehung zwischen den Ausländern und den Brajwasis war immer gut, weil es ein gemeinsames Grundverständnis gibt», sagt der 19-jährige Inder. Er lebt ein spirituelles Leben, ist reiner Vegetarier und muss trotzdem Geld verdienen, um sein Leben zu bestreiten. «Die Ausländer, die nach Vrindavan kommen, haben mehr Zeit zum Chanten. Das macht die Umgebung hier reiner, verglichen mit anderen spirituellen Orten.» Brajwasis seien im Allgemeinen sehr stolz darauf, aus der Region zu stammen. Praveen: «Die ersten Wörter, die Kindern hier beigebracht werden, sind nicht Mama oder Papa. Sie sind ‹Radhe, radhe› – in der Braj-Region ein herzlicher Gruß, der die Göttin Radha verehrt.»

Alouks Motiv für den Besuch der Heiligen Stadt beruht vor allem auf Neugierde: Der junge Inder lebt in Jodhpur im Bundesstaat Rajasthan. Als eigentlichen Krishna-Anhänger würde er sich nicht bezeichnen, für ihn ist klar: «Alle Hindus vergöttern Krishna.» Alouk deutet auf den Mann, der Harmonium spielt. «Ich bin begeistert davon, wie der Sänger in seinem Gesang aufgeht. Man kann leicht erkennen, dass er ein Ausländer ist. Doch sein Gesichtsausdruck verrät, dass Krishna tiefe Gefühle in ihm auslöst – vielleicht sogar intensivere als bei mir.» Mit der Frage, ob Krishna historisch tatsächlich existiert hat, halten sich nur wenige Hindus auf. Auch wo das Geburtsland Krishnas genau anfängt und wo es endet, bleibt im Vagen hängen. «Auf der spirituellen Landkarte des Subkontinents ist das Land des blauen Gottes sehr gut abgesteckt», schreibt Historikerin Dr. Swati Goel – «doch politisch gesehen bezieht sich Braj nicht auf ein Gebiet mit klar definierten Grenzen.» Je nach Auslegung besteht die Region Braj aus viel mehr als den beiden Zentren Mathura und Vrindavan: Sie erstreckt sich über eine Fläche von über 5000 Quadratkilometern und 1500 Dörfern.

Girlanden für Krishna flechten

Für Govinda ist Krishna weder Geliebter noch Teil ihrer Kultur. Für sie ist er Familie. Die 46-Jährige flechtet mit einer Gruppe von Frauen Blumengirlanden. Flink reiht sie eine Blüte an die nächste. Ihre ersten paar Monate in Vrindavan hätten sich tief in ihr Gedächtnis gebrannt, erzählt sie. Damals pflückte sie Tulsi-Blätter von Bäumen und überreichte sie Krishna als Opfergabe. Irgendwann spürte sie, dass sich etwas in ihr veränderte. «Es hat sich angefühlt, als hätte ich etwas sehr Bedeutungsvolles gefunden.» Seit damals sind 16 Jahre vergangen – doch dem Ort Vrindavan hat sie nie mehr den Rücken gekehrt. Die Girlanden zu flechten ist ihre Art, Krishna ihre Ehre zu erweisen. Die 46-Jährige sieht Krishna als ihren göttlichen Vater und seine Freundin Radha als die süße Mutter, die ihre Kinder immer sehr großzügig behandelt. Govinda hat einen 14-jährigen Sohn, der die Gurukul-Schule gleich neben dem Tempel besucht. Diese gehört ebenfalls zu ISKCON. «Manchmal spielt er Fußball mit Krishna», sagt Govinda. Ihre Augen und der Mund lächeln.

Braj als Spielplatz Gottes

Kishore Das Baba lebt gemeinsam mit 150 anderen Rishis in einem Ashram mit gelben Fenstern und Türen. Das Areal ist umsäumt von mächtigen Bäumen. Die gepflegten Gehwege sind mit Sand bekießt. Der Rishi hat sich ein Baumwoll-Dhoti um seine Lenden gewickelt, sein Oberkörper ist nackt. Um seinen Hals baumelt eine Kette aus Tulsibohnen. Kishore Das Baba ist in Vrindavan geboren und wird in Vrindavan sterben. «Mein Leben ist mit dieser Erde verbunden wie Feuer.» Die Rishis widmen Krishna ihr Leben – bedingungslos. Sie sind Hinduheilige. Eine Familie hatten sie nie oder verließen sie irgendwann für Lord Krishna. In einer poetischen Sprache erklärt Das Baba: «Braj ist der Ozean, Mathura die Lotusblume und Vrindavan markant, der duftende Teil unter der Blüte.» Lord Krishna ist in Vrindavan allgegenwärtig. Und wer es will, hört auch den Nachhall einer unvergesslichen Kindheit – inklusive einer Portion Verklärung und Nostalgie. Letztlich wird Krishna zum Spiegel der Sehnsüchte all jener, die ihn verehren. Kishore Das Baba hält einen Moment inne, neigt den Kopf und fügt dann nachdenklich hinzu: «Braj ist der Spielplatz Gottes.»


Anm. d. Red.: Die Schriftstellerin Edita Truninger war 2008 und ist seit Februar 2026 wieder Kolumnistin für theinder.net. Ihre Kolumnen zeichnen sich durch scharfsinnige Beobachtungen, eine federnde Erzählweise und eine charmante Ironie aus, die den Alltag in neuem Licht erscheinen lässt (Pressemitteilung).

Alle bisherigen Beiträge von Edita Truninger finden Sie hier.

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