Zwischen Yoga-Retreats, Kakao-Zeremonien und Sinnsuche erinnert sich Edita Truninger an ihre erste Reise nach Indien – eine Zeit der Verunsicherung, die zum Wendepunkt wurde. In „Chalo, Auntie!“ verrät sie, warum manche Lebenslektionen weder Kurs noch Ritual brauchen – manchmal nicht einmal eine Gabel.
Eine Freundin von mir hat gerade ihren langweiligen Bürojob an den Nagel gehängt und plant nun eine Auszeit – verbunden mit einer Ausbildung zur Yogalehrerin in Thailand. Ein Aufbruch. Hach … solche Pläne lassen mich vor Neid erblassen!
Aus purer Neugier habe ich den Ort gegoogelt, den sie ins Auge fasst – Koh Phangan. Und war verblüfft, was es dort alles gibt:
Kakao-Zeremonien.
Ecstatic Dance.
Meditationskreise, Klangbäder, Reiki, Aqua Healing und Tantra-Immersionen.
DER Hotspot für Sinnsuchende.
Orte wie diese gibt es in Südostasien haufenweise – und sie ziehen Menschen magisch an, die auf der Suche sind. Auch ich gehörte einmal dazu. Ich war 23, als ich zum ersten Mal nach Indien fuhr – mitten in einer Lebenskrise. Seit meinen Teenagerjahren hatte ich davon geträumt, Journalistin zu werden. Nun stand ich da, mit dem Diplom in der Tasche, und mir schwante, dass ich mich für die männerdominierte Medienwelt nicht eignete. Es fühlte sich an, als wäre ich in einen Entwicklungsgraben gefallen.
Ich suchte nach Sinn – und diese Suche beschäftigt mich bis heute. Inwiefern ich schreiben möchte – als Redaktorin, Texterin, Reisejournalistin, Essayistin oder Schriftstellerin: Ich weiss es nicht.
Eine Suchende zu sein, ist keine Schande.
Auch wenn einem die Gesellschaft gern das Gegenteil einredet.
Natürlich kann man kritisch sehen, dass aus der Suche nach Klarheit und Orientierung ein Geschäft gemacht wird. Doch es geht auch ohne das ganze Brimborium drum herum. Indien ist wie kein anderes Land für Menschen gemacht, die sich nach dem «Reset» sehnen. Wer aus einer sehr aufgeräumten, westlichen Welt kommt und in ein Gewirr gerät, in dem alles im Übermass existiert – Farben, Gerüche, Menschen, aber auch Unrecht, Dreck und Elend, lässt niemanden unberührt. Es rüttelt auf, ist im besten Sinne disruptiv. Alles, was man je gelernt hat und für die unumstössliche Wahrheit hielt, zählt plötzlich nicht mehr. Das ist unheimlich – und gleichzeitig sehr aufregend. Dafür braucht man auch keine Achtsamkeitsretreats. Es genügt, auf die Strassen zu gehen und die Sinne scharf zu stellen.
Wie es für mich weiterging?
Ich lernte, Nein zu sagen – eine Lektion in Sachen Durchsetzungsvermögen.
Ich lernte, dass frische Luft und sauberes Wasser keine Selbstverständlichkeiten sind – eine Lektion in Sachen Demut.
Ich lernte, in einer grossen Runde am Boden zu essen statt wie daheim allein am Tisch – eine Lektion in Sachen Gemeinschaftssinn.
Manchmal ass ich auch mit der Hand statt mit der Gabel – eine Lektion in Sachen Sinnlichkeit.
Und ich stellte mir die Frage aller Fragen: Was will ich mit meinem Leben wirklich anfangen? Nach sieben Monaten kehrte ich in meine Puppenhausschweiz zurück und begann zu schreiben. Und habe bis heute nicht mehr damit aufgehört.
Was ich damals noch nicht wusste: Indien war mein Aufbruch.
Einen Schmetterlingsflügelschlag lang war ich schwerelos.
You may not pass this way again.
Anm. d. Red.: Die Schriftstellerin Edita Truninger war 2008 und ist seit Februar 2026 wieder Kolumnistin für theinder.net. Ihre Kolumnen zeichnen sich durch scharfsinnige Beobachtungen, eine federnde Erzählweise und eine charmante Ironie aus, die den Alltag in neuem Licht erscheinen lässt (Pressemitteilung).
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