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Shantanu Mukherjee: Indien und Pakistan – der Nexus

Des einen Frust ist des anderen Lust: In seiner ihm eigenen Kolumne Spektrum Europa seziert Shantanu Mukherjee eine mögliche Renaissance Pakistans – und legt zugleich die Nerven eines verunsicherten Indien frei. Eine bewusst zugespitzte Diagnose über Macht, Mythos und die offenen Wunden von 1947.

Illustration: KI-generiert

Endlich ist es Pakistan gelungen einen Sitzplatz auf der Weltbühne zu besetzen. Wahrscheinlich von überschaubarer Dauer – aber dann: Wenig währt ewig. Gelänge es auf diesem Wege einen Waffenstillstand sowie Öffnung der Straße von Hormuz zu erreichen, würde Pakistans Statur ein ziemliches Weilchen glänzen – und zwar nicht nur in Präsident Trumps Augen. Nach fortwährender Irrelevanz wären das für die Theo-Autokratie ganz neue Gewässer.

Und umgekehrt gewachsen sind die Sorgen für den bedeutenden Nachbarn: Indien. Der zeitlose Konflikt in Südasien ist übrigens einem Geburtsfehler bei der Teilung Indiens erwachsen. Diese Teilung war unvollständig. Folgt man der Hypothese, dass etwa zahlengleiche Volksgruppen mit unterschiedlichen Glaubensrichtungen oder Sprachen kein dauerhaftes Staatsgebilde zu bilden vermögen, so geschah ebendieser Fehlversuch bei der Teilung Indiens 1947. Die Hindu-Minderheit aus Ostbengalen und West-Punjab wurden aus dem islamischen Pakistan vertrieben nicht aber umgekehrt die Muslim-Minderheit nach Pakistan. Mit dem Ergebnis, dass Hindu-Muslim-Konflikte in Indien endemisch wurden, in Pakistan, dank Ermanglung einer Minderheit, nicht. Außerdem begann mit dem Krieg zwischen den beiden Staaten in Kaschmir schon 1948 eine nicht enden wollende Konfliktkette die bis heute da ist.

Diese unvollständige Teilung war zwar die erste aber beileibe nicht die letzte Kalamität, die der erste Ministerpräsident Indiens, Jawaharlal Nehru, dem Land bescherte. Wie immer: Indien hat unterdessen eine halb-marktwirtschaftliche Revolution vollzogen, die Demokratie nicht zugrunde gerichtet, die Exekutive, die Legislative, die Justiz und die Presse trotz Ineffizienz, Lethargie und Korruption nicht destabilisiert, die Trennung Zivil/Militär nicht geschwächt und vor allem den Staat weitgehend laizistisch gehalten. Pakistan aber ist auf all diesen Feldern gescheitert.

Es gibt noch viel zu beackern, für beide Staaten. Und für Pakistan noch viel mehr – eingedenk seiner immensen Defizite auf allen ebengenannten Feldern. Sollte dort die fossile Theokratie und die Hegemonie des Militärs einmal verschwinden, so sind die Chancen einer friedlicheren, prosperierenden Nachbarschaft möglich- womöglich unter Begleitung immerwährender Reibereien. Das nähme man dann aber gerne in Kauf.


Anm. d. Red.: Dr. Shantanu Mukherjee ist Sprachwissenschaftler, langjähriger Hochschullehrer und seit 2026 mit seiner eigenen Kolumne „Spektrum Europa“ für theinder.net tätig (Pressemitteilung).

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