
Intime Bindungen zwischen indischen Revolutionären und deutschen Frauen öffneten Türen zu politischen Netzwerken – Liebe und Strategie waren im Antikolonialismus untrennbar. Joanna Simonows eindrucksvolle Studie über Roy, Nambiar, Eva und Luise Geissler enthüllt, wie das Persönliche zur politischen Währung wurde.
Die Geschichte des indischen Antikolonialismus wird gemeinhin als Saga politischer Strategien, heroischer Mobilisierung und ideologischer Debatten erzählt. Weniger Beachtung finden die subtilen Formen internationaler Vernetzung, in denen persönliche Beziehungen und intime Bindungen eine entscheidende Rolle spielten. Die Historikerin Joanna Simonow hat in ihrer Studie „Sexing the history of Indian anti‑colonial internationalism“ eindrücklich gezeigt, wie intime Verhältnisse von indischen Revolutionären wie Arathil Candeth Narayanan Nambiar (1896–1986) und Manabendra Nath Roy (1887–1954) mit deutschen Frauen politisch wirkmächtig waren. Im Zentrum stehen die weitgehend unbekannten deutschen Schwestern Eva („Wilhelmine Frieda“, 1900–1991) und Luise „Lu“ Geissler (1899–1973).
Nambiar, charismatischer Aktivist aus Kerala, operierte in den 1920er und frühen 1930er Jahren zwischen den Salons europäischer Metropolen und politischen Versammlungen. In Berlin begegnete er Eva Geissler, die in linken Kreisen engagiert war und später als Sekretärin im Indian Information Bureau arbeitete, einer von Nambiar geleiteten Einrichtung. Zwischen den beiden entwickelte sich eine intime Beziehung, die weit über das Private hinaus politisch wirkmächtig war: Eva Geissler verschaffte Nambiar Zugang zu deutschen linken Netzwerken und half ihm, nach seiner Verhaftung durch SA‑Truppen im Frühjahr 1933, seine Freilassung zu sichern. Später emigrierte sie nach Zürich, heiratete den Schweizer Walter, blieb jedoch in engem Kontakt mit Nambiar.
Auch Manabendra Nath Roy, Mitbegründer des revolutionären Internationalismus, nutzte intime Bindungen auf strategische Weise. In den 1910er und 1920er Jahren war er mit Evelyn Trent liiert, die ihn während seiner Zeit in den USA begleitete. Später, ab 1937, lebte er mit der deutschen Intellektuellen Ellen Gottschalk zusammen, die mit ihm in Indien die Gruppierung „Radical Humanist“ gründete und nach seinem Tod seine politischen Ideen fortführte. Hinweise auf eine Verbindung zwischen Roy und Luise Geissler bleiben vage; Simonow betont, dass die Dokumentation lückenhaft ist. Dennoch illustrieren diese Beziehungen eindrücklich, wie das Persönliche und das Politische ineinandergreifen.
Simonow argumentiert, dass diese Verbindungen nicht isoliert betrachtet werden dürfen. Sie standen unter den Zwängen kolonialer Machtstrukturen und rassistischer Hierarchien, die das Verhältnis von weißen Frauen und indischen Männern komplexisierten. Ein Verhältnis war nie ausschließlich privat; es war eingebettet in Macht, Rassismus und geopolitische Dynamik. Die Beziehungen ermöglichten Zugang zu Ressourcen, politischen Netzwerken und intellektuellen Räumen, die für die antikoloniale Bewegung strategisch entscheidend waren. Intimität wurde so selbst zur politischen Währung.
Die historische Bedeutung liegt nicht allein in der Frage von Liebe oder Lust, sondern in der Erkenntnis, dass das Persönliche integraler Bestandteil politischer Realität war. Indische Aktivisten mussten gesellschaftliche und intellektuelle Räume navigieren, die durch Geschlecht, Hautfarbe und Privilegien markiert waren. Nambiar und Roy zeigen, dass internationale antikoloniale Vernetzung ohne diese persönlichen Dimensionen unvollständig bleibt.
Kritisch betrachtet darf man diese Beziehungen nicht romantisieren. Sie waren von beiden Seiten auch instrumentalisiert: Eva Geissler handelte politisch bewusst, Nambiar nutzte die Verbindung strategisch. Auch bei Roy war das private und das politische eng verflochten, wenngleich die Dokumentation lückenhaft bleibt.
Die Forschung von Simonow zwingt dazu, das Verständnis des antikolonialen Kampfes zu erweitern. Nicht nur ideologische, organisatorische und rhetorische Strategien waren entscheidend: Auch intime Beziehungen hatten Macht. Sie öffneten Türen, bauten Brücken und formten politische Allianzen. Eine Erzählung des Antikolonialismus, die das Private ausklammert, bleibt demnach unvollständig. Die „Politik des Persönlichen“ war kein Nebenschauplatz, sondern ein integraler Bestandteil internationaler Vernetzung. Wenn wir die Befreiungsgeschichte Indiens verstehen wollen, müssen wir auch das Begehren verstehen – nicht als moralische Fußnote, sondern als strategisches Element in einem globalen Geflecht.
Quellen:
- „Sexing the history of Indian anti-colonial internationalism: White women, Indian men and the politics of the personal“, by Joanna Simonow, Gender & History 2024;1–17
- „Mein Mann war so scheu, dass er monatelang kein Wort mit mir sprach“, Die Wochenzeitung, 07.12.2023
„Indien im Schatten des Nationalsozialismus“ – alle fünf Teile im Überblick:
I. Der ideologische Wahn: Himmlers SS-Expedition nach Tibet
II. Die wissenschaftliche Antwort: Irawati Karve und die Schädelvermessung
III. Die politische Strategie: Eva Geissler – Intimität als antikoloniale Waffe?
IV. Die moralische Ambivalenz: Indiens Schattenmann A. C. N. Nambiar
V. Das tragische Ende: Noor Inayat Khan – Widerstand bis nach Dachau
