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Mi., 11. Februar, 2026
StartCommunityDeutsch-indische GeschichtenTeil 2/5: Die Frau, die der Nazi-Rassentheorie widersprach

Teil 2/5: Die Frau, die der Nazi-Rassentheorie widersprach

Irawati Karve war eine indische Anthropologin, die während ihrer Berliner Promotionszeit ausgerechnet im Umfeld jener Institute arbeitete, deren Theorien später in die Rassenideologie des Nationalsozialismus einflossen. Ihr Doktorvater Eugen Fischer, ein prominenter Vertreter biologistischer Überlegenheitslehren, beauftragte sie damit, die angebliche intellektuelle Dominanz der europäischen „Rasse“ nachzuweisen. Karve tat jedoch, was Wissenschaft verlangt: Sie prüfte. Nach der Vermessung zahlreicher Schädel fand sie keinerlei Zusammenhang zwischen ethnischer Zugehörigkeit und der von Fischer postulierten Schädelasymmetrie – und widerlegte damit einen zentralen Baustein der sich formierenden nationalsozialistischen Ideologie.

Foto: Irawati Karve, gemeinfrei

Karve, 1905 im damaligen britischen Burma geboren, entstammte einer wohlhabenden Familie und war das einzige Mädchen unter sechs Kindern. Ihre eigentliche Prägung erfuhr sie jedoch in Pune, wohin sie als Siebenjährige auf ein Internat geschickt wurde – ein ungewöhnlicher Schritt in einer Epoche, in der Mädchen meist früh verheiratet wurden. In der Familie des Mathematikers und Reformpädagogen R. P. Paranjpye fand sie ein Milieu vor, das kritisches Denken förderte und gesellschaftliche Konventionen mit bemerkenswerter Gelassenheit ignorierte. Diese geistige Freiheit legte den Grundstein für ihren späteren Lebensweg.

Gegen die Einwände ihres Vaters, doch getragen von der Unterstützung Paranjpyes und ihres Mannes, des Wissenschaftlers Dinkar Karve, ging sie 1927 nach Berlin, um Anthropologie zu studieren. Deutschland befand sich in einer Phase politischer Instabilität; der Antisemitismus, der wenig später in der nationalsozialistischen Diktatur kulminieren sollte, war längst sichtbar. Karve wurde Zeugin eines antisemitischen Mordes in unmittelbarer Nähe ihres Wohnhauses – ein Ereignis, das sie erschütterte und zugleich sensibel machte für die ideologischen Unterströmungen ihrer neuen Umgebung.

Ihr Doktorvater war Eugen Fischer, ein international renommierter Anthropologe, dessen späteres Wirken im Dienst der NS-Rassenpolitik gut dokumentiert ist. Fischer war bereits damals von der Vorstellung überzeugt, die Überlegenheit weißer Europäer ließe sich anatomisch belegen. Karve erhielt den Auftrag, anhand von Schädelmessungen eine entsprechende These zu stützen. Die junge Forscherin tat jedoch das, was Wissenschaft im besten Sinne ausmacht: Sie prüfte nüchtern, maß sorgfältig – und fand keinerlei Evidenz. Weder Schädelasymmetrien noch andere Merkmale gaben Anlass zu der Annahme, logische Fähigkeiten ließen sich rassisch begründen. Karve präsentierte ihre Ergebnisse offen, wohl wissend, dass sie damit nicht nur ihrem Doktorvater, sondern einem breiten wissenschaftlichen Konsens widersprach. Fischer quittierte dies mit der schlechtesten Note; an der Aussagekraft ihrer Arbeit änderte dies nichts.

Nach ihrer Rückkehr nach Indien widmete Karve sich einer empirisch angelegten Kultur- und Sozialanthropologie, die sie in entlegene Regionen führte und häufig unter Bedingungen, die für eine Frau ihrer Zeit kaum vorstellbar waren. Sie reiste mit Kollegen, Studenten und gelegentlich ihren Kindern, schlief in Scheunen oder Lastwagen, und ging auf die Menschen zu, die sie erforschte, ohne Distanzgesten oder hergebrachte Vorurteile. Als Angehörige einer Brahmanenkaste nahm sie Fleisch – teilweise roh – an, das ihr ein Stammesoberhaupt als Zeichen des Vertrauens reichte. Auch hierin zeigte sich jene souveräne Mischung aus Neugier und Respekt, die ihre wissenschaftliche Haltung prägte.

Karve blieb zeitlebens eine streitbare Rationalistin. Sie kritisierte religiösen Fundamentalismus ebenso wie soziale Dogmen, auch innerhalb der hinduistischen Tradition, der sie entstammte. Die nationalistische Versuchung, eine kulturelle Überlegenheit zu behaupten, war ihr ebenso fremd wie die biologistischen Konstruktionen, denen sie in Berlin begegnet war. Dass sie ausgerechnet in Deutschland jenen Gedanken entwickelte, der sie zu einem universellen Humanismus führte – die Einsicht nämlich, dass das Potenzial zum Bösen wie zum Guten im Menschen selbst liegt und sich nicht ethnisch zurechnen lässt –, wirkt rückblickend wie eine präzise Gegenantwort auf die Ideologien ihrer Zeit.

Irawati Karve starb 1970. Ihr Name erscheint in indischen Curricula, doch ihre Rolle als frühe wissenschaftliche Widerständige gegen rassistische Theorien ist kaum präsent. Es wäre an der Zeit, dies zu ändern. Karves Arbeit, die zentrale Thesen der damaligen Rassenideologie widerlegte, bleibt ein bemerkenswerter Beitrag zur Anthropologie und zur kritischen Wissenschaftspraxis ihrer Zeit.

Quellen:


„Indien im Schatten des Nationalsozialismus“ – alle fünf Teile im Überblick:

I. Der ideologische Wahn: Himmlers SS-Expedition nach Tibet
II. Die wissenschaftliche Antwort: Irawati Karve und die Schädelvermessung
III. Die politische Strategie: Eva Geissler – Intimität als antikoloniale Waffe?
IV. Die moralische Ambivalenz: Indiens Schattenmann A. C. N. Nambiar
V. Das tragische Ende: Noor Inayat Khan – Widerstand bis nach Dachau

Vikram Gandhawa
Vikram Gandhawa
Vikram (Choti) Gandhawa ist Kommunikationswissenschaftler und seit 2021 als Online-Redakteur für theinder.net tätig. Seine Themenschwerpunkte sind aktuelle Tages- und Wirtschaftspolitik sowie Postkolonialismus, seine Vorliebe investigativer Journalismus.

2 Kommentare

  1. Danke, wahrscheinl. meinen Sie den Tibet-Artikel? Mit Harrer habe ich mich nicht eingehend beschäftigt. Was ich weiß, ist, dass Himmler die SS-Organisation „Ahnenerbe“ gegründet hatte und verschiedene Expeditionen nach Tibet/Himalaya stattfanden. Ob Harrers/Aufschnaiters Expedition direkt von Ahnenerbe beauftragt wurden, weiß ich nicht, aber sie fielen genau in die Zeit. Und es ist nachgewiesen, dass Harrer SA/SS/NSDAP-Mitglied war.

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