Als selbst die besten Kartografen an Indien scheitern, gerät ihr ganzes Weltbild ins Wanken. Edita Truninger erzählt in ihrer ganz eigenen Kolumne „Chalo, Auntie!“ von einem Land, das sich nicht vermessen lässt – und deshalb neu gedacht werden muss.

Meine sehr verehrten Damen und Herren Kartografen. Es ist mir eine große Ehre, euch hier im fruchtbaren Doon-Tal willkommen zu heißen. Mir ist bewusst, dass ich dieses Gipfeltreffen äußerst kurzfristig einberufen habe – doch aufgrund der Dimensionen der aktuellen Herausforderung sah ich mich zu diesem Schritt gezwungen. Euer so zahlreiches Erscheinen beweist mir, dass euch die Weiterentwicklung unseres Fachs am Herzen liegt. Wenn ihr erlaubt, stelle ich mich kurz vor: Mein Name ist Rajiv Singh und ich bin der Vorsitzende der Survey of India. Euch, verehrte Teilnehmerinnen und Teilnehmer, muss ich bestimmt nicht erklären, dass die Survey of India eine der einflussreichsten Vermessungsbehörden der Welt ist. Unser Institut hat die ersten präzisen Messungen am Himalaya vorgenommen und die Höhe des Mount Everests bestimmt …“
Steven Mueller von Google Earth unterbricht: „Sorry, Raj, brother. No offence, aber ich check grad überhaupt nicht, warum wir alle hier versammelt sind. Ich bin gejettlagged und das Catering hier haut mich auch nicht aus den Socken. Kannst du uns verraten, warum wir überhaupt hier sind?“
Rajiv Singh räuspert sich. „Ich verstehe eure Ungeduld und versuche, mich kurz zu fassen. Mir ist natürlich bewusst, dass ich euch mit meiner Einladung aus eurer aktuellen Forschungstätigkeit herausgerissen habe; weg von euren Vermessungsgeräten und Modellen – doch wenn ich euch nun in den kommenden Minuten das Problem schildere, werdet ihr verstehen, dass es die Mithilfe aller braucht. Es hat einen Grund, warum ich die Besten unseres Fachs in diesem Saal versammelt habe. Es war ein Prozess, aber nun bin ich so weit, es mir einzugestehen: Wir stoßen mit der Kartografierung Indiens an unsere Grenzen. Die riesige Ausdehnung, die Überbevölkerung und die klimatischen Herausforderungen des Subkontinents sind isoliert betrachtet bereits eine Herausforderung. Hinzu kommt der Wandel: Indien verändert sich so rasend schnell, dass unser Kartenmaterial bereits veraltet ist, kaum ist es erstellt.“
Die Farbe weicht aus dem Gesicht des Vorsitzenden, als er weiter ausführt: „Ich bin seit Jahrzehnten Kartograf – von Herzen gern bringe ich Struktur ins Chaos. Doch Indien bringt mich an den Rand der Verzweiflung: Dieses Land passt einfach nicht in unser System!“
Das Gemurmel im Saal wird lauter. Mit tonloser Stimme fährt Rajiv Singh fort: „Indien ist in jeder erdenklichen Hinsicht ein Präzedenzfall. Es mag mit unseren Prinzipien brechen, aber ich muss euch hier unmissverständlich klar machen: Indien lässt sich nur anhand seiner eigenen Maßstäbe messen.“
„Einen eigenen Maßstab für Indien?“, raunt es durch den Saal. In der ersten Reihe raufen sich mehrere ältere Kartografen die schlohweißen Haare.
Mia Wunderlin, Kartografin aus der Schweiz, drängt ans Rednerpult: „Ich bitte euch, bleibt ruhig! Wir müssen unbedingt Fassung bewahren. Ich wurde vom Institut für Kartografie und Geoinformation der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich delegiert; unser Institutsgründer Eduard Imhof hat 1930 das Minya Konka-Gebirge in China vermessen. Seiner Feldforschung ist es zu verdanken, dass der Mount Everest der größte Berg der Welt bleiben durfte. Nun streife ich seit mehreren Monaten durch Nepal, Tibet und Indien – immer auf den Spuren meines großen Vorbilds. Ich bin in die Eigenheiten dieses Landes eingetaucht, mit Haut und Haar – und ich habe absolut nichts verstanden. Indiens Anderssein ist ein Anderssein im 3D-Format – es geht in alle Richtungen. Von den schneebedeckten Gipfeln des Himalajas im Norden bis zum Indischen Ozean im Süden und dann von außen nach innen – weit, weit nach innen.“
Rajiv Singh: „Aber mit Verlaub, Miss Wunderlin, wir sind Kartografen – wer, wenn nicht wir, sollte Indien vermessen können?“
„Genau darüber habe ich mir in letzter Zeit intensiv den Kopf zerbrochen. Unser Unvermögen setzt mir auch zu. Bei uns in der Schweiz hat das Kartografieren eine lange Tradition – das Relief ist unser Spezialgebiet!“
„Die Relevanz des Reliefs war doch schon das Motto der letzten Tagung“, stöhnt Joe Tucker.
„Scheiß auf das Relief, ich finde interaktives Kartenmaterial viel wichtiger“, ruft Steven Mueller von Google Earth dazwischen.
„Eigentlich ist es doch vermessen, von Indien als von einem Land zu sprechen“, sagt der hagere Protokollant, der bisher tippend in der ersten Reihe saß, das Laptop auf den Knien. „Indien beherbergt viele Länder in einem, ja Indien ist eher ein Phänomen als ein Land. Was taugen unsere Karten mit Höhenkurven, Felsen und Reliefs als Ordnungsbegriff für ein Phänomen?“
Arjun Suleiman, Kartograf aus Chennai, schnappt sich das Mikrofon: „Indien ist ein work in progress und wir Inderinnen und Inder versuchen schon gar nicht, diese Tatsache irgendwie unter den Teppich zu kehren. Unzimperlich und sehr praktisch packen wir unser Leben an und sind dabei vor allem eins: flexibel und alles andere als verstockt, so wie es ihr Amerikaner und Europäer gern seid.“
„Er hat uns als verstockt bezeichnet?“, zischelt es durch den Saal. „Du machst deine Karten doch noch mit Tusche“, ruft Steven Mueller laut. Buh-Rufe branden auf.
„Ruhe, Ruhe im Saal“, ermahnt der Vorsitzende. „Ihr benehmt euch ja wie Kinder. Kommen wir zur Kernfrage zurück: Wie lässt sich Bharat in seiner Vielfalt kartografisch so darstellen, sodass wir dem Land gerecht werden?“ Rajiv Singh schaut mit hochgezogenen Augenbrauen in die Runde. In strengem Ton fügt er hinzu: „Schließlich ist es unsere Hauptaufgabe, geografische Daten so zu visualisieren, dass sie jeder versteht.“
Mia Wunderlin ergreift erneut das Wort. „Wir könnten verschiedene Karten für verschiedene Themen erstellen.“
„Du meinst mehrdimensionale Karten, die geografische, kulturelle und soziale Daten gleichzeitig abbilden?“, hakt Joe Tucker nach.
„So könnten wir die Vielfalt Indiens besser darstellen“, freut sich Arjun Suleiman.
„Wir könnten auch interaktives Kartenmaterial herstellen und lokale Gemeinschaften einbinden“, schlägt Steven Mueller vor.
„Inderinnen und Inder könnten aktiv an der Kartografierung teilnehmen, indem sie ihre Daten und Geschichten teilen“, fügt Arjun Suleiman hinzu.
„Ähnlich einem Citizen-Science-Projekt“, platzt es aus Mia Wunderlin heraus.
Der Vorsitzende streicht sich über den langen Bart, legt den Kopf schief. „Das wäre ein kompletter Systemwechsel.“
Steven Muller legt seine Stirn in Falten. „Doch was, wenn das Chaos noch grösser wird?“
„Wir können unsere Autorität doch nicht völlig aus der Hand geben!“, empört sich ein französischer Kartograf.
Der Protokollant aus der ersten Reihe tritt ans Mikrofon, räuspert sich, hält rasch inne, setzt dann an: „Eine Karte entlarvt auch immer seinen Macher, seine Macherin: Weil sie viel darüber aussagt, wie er oder sie die Welt sieht. Vielleicht ist es an der Zeit, dass wir dieses Herrschaftsinstrument aus der Hand geben.“
Die Beklemmung im Saal ist jetzt mit Händen zu greifen. Joe Tucker ist ganz blass geworden. „Verlieren wir nun jetzt alle unsere Jobs?“
„Die Art der Arbeit wird sich sicher verändern“, sagt der Protokollant. „Aber das ist auch eine Chance – weil unsere Karten auf diese Weise akkurater werden. Und niemand von den Anwesenden würde sich wohl gegen Genauigkeit aussprechen – sie ist doch in unserer DNA.“
„Mit modernen Technologien können wir heute schon mühelos Daten in Echtzeit sammeln und verarbeiten – aber wir müssten sicherstellen, dass diese für alle zugänglich sind“, räumt Mia Wunderlin ein.
Überall Nicken.
„Wie sieht es aus, wollen wir abstimmen?“, fragt der Protokollant.
„Irgendwie müssen wir ja zu einer Einigung gelangen“, seufzt Rajiv Singh. „Also: Wer ist dafür, dass wir künftig interaktives Kartenmaterial für Indien erstellen und auch lokale Gemeinschaften mit einbinden?“ Im Saal könnte man jetzt eine Nadel fallen hören. Zögernd geht die erste Hand nach oben, darauf folgen weitere. Der Protokollant geht durch die Reihen, um jede einzelne Stimme zu zählen. Dann geht er nach vorn und flüstert Rajiv Singh das Resultat ein.
„43 Ja-Stimmen zu 40 Nein-Stimmen“, verkündet Rajiv Singh. Einige klatschen und rufen, andere schauen betreten nach unten. Rajivs Blick schweift durch die Reihen und dann hinaus durchs Fenster in die flirrende Hitze des Doon-Tals.
„Es ist entschieden. Ab heute zeichnen wir keine Karte mehr von Indien.“
Kurze Pause.
„Stattdessen lassen wir Indien seine eigene Karte zeichnen.“

Anm. d. Red.: Die Schriftstellerin Edita Truninger ist seit Februar 2026 wieder Kolumnistin für theinder.net. Ihre Kolumnen zeichnen sich durch scharfsinnige Beobachtungen, eine federnde Erzählweise und eine charmante Ironie aus, die den Alltag in neuem Licht erscheinen lässt (Pressemitteilung). Ein perfekter Brückenbau zwischen Europa und Indien.
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