StartHintergrundKolumnenPunnams Welt: Der Preis heißt Heimweh

Punnams Welt: Der Preis heißt Heimweh

Viele Jahrzehnte nach seiner Ankunft in Deutschland reflektiert Jose Punnamparambil über eine Migration, die schon in seiner westlich orientierten Erziehung in Indien angelegt war. Trotz des erreichten Wohlstands in Deutschland bleibt das Heimweh der bleibende Preis für die gewonnene Sicherheit.

Illustration: KI-generiert, (c) theinder.net

Ich bin Inder und lebe seit nunmehr sechzig Jahren in Deutschland. Als ich 1966 hier ankam, haben mich viele gefragt, warum ich nach Deutschland gekommen bin. Ich gab damals unterschiedliche Antworten: Um mich weiterzubilden, um das Land von Beethoven und Goethe, um eine moderne Industrienation kennenzulernen. Wohl gab es auch wichtigere Gründe: „Geldverdienen“, „im Wohlstand leben“. Aber die wollte ich ganz für mich behalten. Denn das sind keine anständigen Gründe für das Verlassen seiner Heimat, dachte ich damals.

Aber heute, nach sechs Jahrzehnten in dieser superentwickelten Gesellschaft, bin ich fest davon überzeugt, dass meine Auswanderung nach Europa nur eine logische Folge meines persönlichen Erziehungsprozesses in Indien war: Als Kind in einer Bauernfamilie wuchs ich mit meinen Füßen fest auf dem Boden auf. Mein Vater merkte früh, dass die Landwirtschaft uns ein Leben ohne Not nicht garantieren konnte. Er wechselte mit einem eigenen Geschäft in die Stadt über. Sein Ziel war, den Kindern eine Universitätsausbildung zu geben, damit sie irgendwo einen gesicherten Arbeitsplatz finden würden.

Fünf Kinder waren wir, und wir lebten damals sehr bescheiden. Zu essen gab es Reis und Gemüse. Wir hatten zwei bis drei Kleidungsstücke, zum Trinken war Brunnenwasser da und zum Spielen das ganze Grundstück mit Hühnern, Eichhörnchen und Vögeln.

In der Schule aber wurden wir ständig von dieser Umgebung wegerzogen. Man hat uns Chemie, Mathematik und Physik beigebracht; sehr viel wurde über Großstädte erzählt, über Fabriken, Autos, Flugzeuge und die neuesten Errungenschaften der Wissenschaft. An der Universität haben wir uns viel mehr mit europäischer und amerikanischer Geschichte, Philosophie und Literatur auseinandergesetzt als mit unserer eigenen. Die Renaissance, die Reformation, die Industrierevolution – das waren meine Leidenschaften, danach habe ich mich ausgerichtet.

Ich wuchs auf, total westlich orientiert, großstadtgetreu, Wohlstand und Erfolg suchend. Nach dem Studium wusste ich nicht, wie ich in meine Bauernfamilie zurückfinden sollte. Ich wollte fliehen, am besten gleich in eine Großstadt, wo ich all das erleben würde, wovon ich geträumt hatte. So kam ich nach Bombay und blieb dort zehn Jahre lang. Aber Bombay war nur eine Zwischenstation, eine Brücke. Mein Bedürfnis nach einem Aufenthalt in Europa wuchs unaufhaltsam.

Als ich schließlich ein Stipendium bekam und an einem Novemberabend 1966 auf dem Frankfurter Flughafen aus der Maschine stieg, war es für mich eine selbstverständliche Fortsetzung meines Lebens, das in einem abgelegenen Dorf in Südindien begonnen hatte.

Heute, im Jahr 2026, lebe ich wie ein typischer Wohlstandsmensch. Ich habe eine sinnvolle Arbeit gefunden, habe meine Versicherungen und besitze alle erdenklichen Gegenstände. Verschwunden sind die Ängste und die Nöte, die mich in Indien ständig heimgesucht hatten.

Trotzdem denke ich oft an meine Eltern und Verwandten, an die über 1,4 Milliarden Inder, an die Hühner und die Eichhörnchen, den blauen Himmel und das Stück Rasen hinter dem Bauernhaus. Ich denke an die Lieder, die die Reisfelder während der Erntezeit in einen Chor der Hoffnung verwandelten.

Ja, im Herzen meines Wohlstandes sitzt das Heimweh. Ich kann es nie loswerden. Und Wissen Sie was? Ich will es auch nicht.


Anm. d. Red.: Bundesverdienstkreuzträger und Tagore-Preisträger Jose Punnamparambil ist einer der bedeutendsten deutsch-indischen Publizisten der Gegenwart, u.a. Gründer der Zeitschrift „Meine Welt“ und seit 2025 als Kolumnist für theinder.net tätig (Pressemitteilung).

Alle bisherigen Beiträge von Jose Punnamparambil finden Sie hier.

Jose Punnamparambil
Jose Punnamparambil
Jose Punnamparambil (*1936 in Kerala) ist ein deutsch-indischer Journalist, Übersetzer und Kulturvermittler, der seit 1966 in Deutschland lebt. Mit seiner Zeitschrift "Meine Welt" und zahlreichen Übersetzungen indischer Literatur fördert der Bundesverdienstkreuzträger den interkulturellen Dialog zwischen Deutschland und Indien bereits seit Jahrzehnten.

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