(Click here to read the English translation of this interview.)
Ranga Yogeshwar (*1959) ist luxemburgischer Wissenschaftsjournalist. Er verbrachte seine frühe Kindheit in Indien, der Heimat seines Vaters, und wurde ab Ende der 1980er Jahre ein vertrautes Gesicht im deutschen Fernsehen, wo er der Öffentlichkeit Wissen auf unterhaltsame und eingängige Weise näherbrachte und erklärte. Heute ist Yogeshwar ein renommierter Autor und Experte, der sich mit Neugier und Offenheit Wissenschaft und Weltgeschehen widmet, um die drängenden Themen unserer Gegenwart für ein breites Publikum begreifbar zu machen. Mit uns spricht er über Indien und dessen Suche nach seiner Rolle in einem sich wandelnden globalen Machtgefüge. Er erklärt den strategischen Vorteil Chinas, das Ringen um ein neues Selbstverständnis des Westens und, wieso das Abwerben von Fachkräften ein Zeichen ist, dass Europa sein koloniales Denken immer noch nicht abgelegt hat. Er beantwortet, ob Indien in Wahrheit nur ein „Papiertiger“ ist und wieso es kein indisches Google gibt. Schließlich rechnet Yogeshwar kritisch mit der Hybris des Westens ab und zeigt auf, wieso wir trotz aller Widrigkeiten wie Klimawandel und globaler Konflikte mit Zuversicht in die Zukunft schauen sollten – und wie uns das gelingen kann, indem wir eine neue Perspektive auf die Welt entwickeln.

Herr Yogeshwar, theinder.net wurde im Jahr 2000 gegründet, als es im NRW-Wahlkampf des CDU-Kandidaten Rüttgers noch abfällig hieß: „Kinder statt Inder!“. 25 Jahre später finden wir uns in einer Welt wieder, die sich komplett gewandelt hat: Wir sind dringend auf Fachkräfte aus Ländern wie Indien angewiesen, während Indien und China zu neuem Selbstbewusstsein finden und zu wichtigen globalen Kräften aufgestiegen sind. Wie bewerten Sie diese Veränderung in der Gewichtung dieser ehemaligen Drittweltstaaten?
Als ich anfing, in Deutschland zu arbeiten – wir reden hier von den 1980er-Jahren –, da war Indien das Synonym für Mutter Teresa und den Tiger von Eschnapur. Wenn man sagte: „Ich komme aus Indien“, gab es immer so eine Reaktion des Bedauerns, und sehr schnell ging das Thema auf Armut, darauf, wie furchtbar alles sei, auf das Kastensystem und auf all die Klischees, die zu diesem Land gehörten.
Wenn man heute sagt, man kommt aus Indien, dann redet man interessanterweise über die unglaublichen IT-Fähigkeiten, über die Ingenieure und über das wirtschaftliche Wachstum.
Wir haben also in den vergangenen 25 Jahren – oder mehr – einen dramatischen Wandel erlebt, der aus mehreren Komponenten besteht: Zum einen ist es so, dass Nationen wie Indien und China industriell an vielen Stellen aufgeholt haben. Sie sind heute Schwergewichte. Ich erinnere nur an die Elektromobilität, bei der China inzwischen führend ist. Ich erinnere an die Computerwissenschaften, die in Indien sehr gut aufgestellt sind. Indien bildet weit mehr Ingenieure aus, als Europa es tut. Die OECD geht davon aus, dass bis 2030 – also in absehbarer Zeit – etwa 27 % aller Wissenschaftler und Ingenieure weltweit aus Indien stammen werden. Das sieht man auch, wenn man einmal über den Tellerrand blickt und sich zum Beispiel in den USA anschaut, wo Inder in der Tech-Branche zu finden sind: Zahlreiche Führungskräfte – ich nenne nur den Google-CEO Sundar Pichai – haben indische Wurzeln.
Das heißt, auf der einen Seite sind diese Staaten einfach stärker geworden. Auf der anderen Seite haben wir ein Selbstverständnis Europas, das sich verändert hat. Vergessen wir nicht: Europa lebte – zumindest in den letzten 400 Jahren – auch von einem gigantischen Gefälle kolonialer Strukturen. Indien, aber auch viele andere Länder des Südens, waren im Wesentlichen zunächst billige Rohstofflieferanten und später billige Arbeitsstätten. Sie bescherten Europa einen beträchtlichen Wohlstand. Doch genau dieser Transmissionsriemen beginnt allmählich, nicht mehr zu greifen, weil wir heute in einer Zeit leben, in der sich diese alten Machtgefüge global verändern.
Das führt zum einen dazu, dass in Europa große Verunsicherung herrscht. Es gibt viele Debatten darüber, wo Europa in Zukunft stehen wird und welche Rolle es als global player spielen kann – neben „Kontinenten“ wie den USA auf der einen, aber eben auch Clustern wie zum Beispiel den BRICS-Staaten auf der anderen Seite. Wir merken zudem, dass sich in gewisser Weise die Expertise, die es noch vor 30 oder 40 Jahren gab und die exklusiv im Westen verankert war – die besten Maschinen und Technologien kamen aus Deutschland, Europa und den USA –, inzwischen umgekehrt hat. Man merkt sehr schnell, dass das für Europäer viel schwerer zu greifen ist als für Inder oder Chinesen. Denn dort spürt man natürlich, dass es im Vergleich zu hier einen gigantischen Aufschwung gibt – und auch eine Lust auf Zukunft. In Europa hingegen, auch in Deutschland, merkt man eher, dass eine gewisse Zukunftssorge vorherrscht. Viele sagen, es wird unseren Kindern womöglich nicht mehr so gut gehen wie uns. Ich bleibe aber positiv, weil ich letztlich denke: Die Welt insgesamt wird gerechter und fairer.
Wenn man sich einfach einmal einen Globus nimmt und die Größe dieser Länder anschaut, ganz zu schweigen von der Zahl der Menschen – wir vergessen oft, dass allein auf dem indischen „Kontinent“ mehr Menschen leben als Europa und die USA zusammen auf die Waage bringen –, dann sollten wir hier in Deutschland durchaus mit Selbstbewusstsein, aber eben auch mit einer anderen Perspektive auf diese neue Art von globaler Zusammenarbeit und globalem Zusammenleben blicken.
Aber wir bemerken ja derzeit, wie die bestehende Weltordnung – eine auf gewissen Regeln basierende Ordnung mit Institutionen wie den Vereinten Nationen – durch Länder wie Indien und China herausgefordert wird. Was steckt Ihrer Ansicht nach dahinter? Haben diese Länder vor, die westlich dominierte Weltordnung auszutauschen gegen eine neue, an der sie selbst maßgeblicher mitbestimmen können? Wie sind Allianzen wie die BRICS – oder auch die zwischen China und Russland bzw. Indien und Russland – einzuordnen?
Ich nenne ein Beispiel: Wir haben es mit Institutionen zu tun, die in der Vergangenheit maßgeschneidert waren auf ein sehr dominantes Europa und die USA – also auf das, was wir den Westen nennen.
Nehmen wir den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen: Dort sind als ständige Mitglieder Frankreich, Russland, das Vereinigte Königreich, die USA und China vertreten. Indien fehlt. Man kann sich nun einen Moment lang fragen, ob es angesichts der Potenz einer so großen Nation fair ist, dass sie fehlt, ob es in Ordnung ist, dass Frankreich zwar dabei ist, aber kein lateinamerikanisches Land; und ob es angemessen ist, dass der afrikanische Kontinent überhaupt nicht vertreten ist.
Wir merken also, dass wir bei solchen Institutionen – wie auch bei vielen anderen Prozessen – immer noch mit einer alten Perspektive auf die Welt schauen und dass es dringend notwendig ist, diese Perspektive zu verändern.
Und nun gibt es zwei Möglichkeiten: Der eine Weg ist, die Perspektive zu verändern. Das würde bedeuten, dass der „Westen“ eine größere Offenheit an den Tag legt und tatsächlich anerkennt, dass die Karten neu gemischt werden müssen.
Wenn man das nicht tut und sich einigelt, geschieht das Gleiche auf der anderen Seite. Und genau das beobachten wir im Moment: All die Nationen, die bei uns nicht gehört werden, setzen sich zusammen. Das führt zu Ergebnissen wie den BRICS-Staaten und dergleichen. Das ist dann der andere Weg.
Ich persönlich glaube, dass wir gut daran täten, uns eine neue Offenheit und Ehrlichkeit im Umgang mit diesen Nationen zu eigen zu machen und uns nicht in ein Narrativ verleiten zu lassen, das nach Konflikt riecht und zu einem Gegeneinander führt.
Bedeutet das aus europäischer Sicht, dass wir zwischen den Stühlen sitzen – zwischen den USA auf der einen und neuen Bündnissen wie dem BRICS-Block auf der anderen Seite? Müssen wir uns dann für eine Seite entscheiden, oder sehen Sie eine realistische Perspektive, dass wir von beiden Seiten profitieren können?
Ich glaube, da sollte man zuerst einmal selbstbewusst und auch eigenständig handeln. In der Vergangenheit haben wir zu oft ein Europa gesehen, das zu stark in eine US-dominierte Welt eingebunden war. Das war das Ergebnis des Zweiten Weltkriegs und des Kalten Krieges. Aber jetzt braucht es eben auch die Initiative, zu sagen: Wir Europäer sind eigenständig, wir sind anders. Und nicht in jeder Frage, die mit globalen Themen einhergeht, müssen wir erst abwarten, was Washington sagt, um dann zu reden.
Das setzt allerdings ein selbstbewusstes Europa voraus – und momentan fehlt es an diesem Selbstbewusstsein. Derzeit gibt es ein sehr heterogenes Gefüge innerhalb Europas: bestimmte Nationen, die eher auf die USA hören, und andere, die sich vielleicht davon lösen wollen. Hinzu kommen wirtschaftliche Interessen, die zu einem Stillhalten führen. Aber das ist auf Dauer kein guter Weg.
Das Ganze hat meiner Ansicht nach damit zu tun, dass wir Europäer irgendwann begreifen müssen, dass es auf diesem Planeten kein Schwarz-Weiß gibt, sondern viele Länder, viele Kulturen und viele verschiedene Arten, mit Dingen umzugehen. Und dass wir nicht mehr der Meinung sein sollten, unsere Werte und unser System exportieren zu müssen. Denn genau das hat in der Vergangenheit nicht wirklich reüssiert.
Und wo sehen Sie Indien in diesem globalen Machtgefüge? Auf den ersten Blick scheint das Land ja auf der erstarkenden Seite zu stehen – gemeinsam mit China und den anderen BRICS-Staaten. Gleichzeitig hat Indien mit erheblichen Defiziten zu kämpfen, wirtschaftlich wie technologisch. Während China inzwischen mit dem Westen, insbesondere den USA, auf Augenhöhe konkurriert, ist Indien – was KI oder zentrale industrielle Fähigkeiten für Rüstungsprojekte betrifft – noch weit davon entfernt, sich selbst zu versorgen oder global führend zu agieren. Wo liegt Indiens Substanz? Ist Indien in Wahrheit vielleicht ein Papiertiger und sein Aufstieg eine Luftnummer?
Ich würde das nicht so sehen. Zunächst einmal gibt es zwischen China und Indien deutliche Unterschiede in der Entwicklung. China hat einen gigantischen Vorteil: nämlich, dass es mit Mandarin einen Großteil der Bevölkerung erreicht. Für Xi Jinping oder andere Staatslenker ist es ein Leichtes, in einer Rede praktisch alle Chinesinnen und Chinesen anzusprechen – oder zumindest den überwiegenden Teil. Das ist in Indien nicht der Fall. Wenn der indische Premierminister eine Rede auf Englisch hält, erreicht er nur einen kleinen Teil der Bevölkerung, nämlich die upper middle class und aufwärts. Viele andere bleiben außen vor. Wenn er auf Hindi spricht, erreicht er ebenfalls nur einen Teil der Bevölkerung.
Rein aus kommunikativer Sicht hat Indien also das große Problem, dass die Mehrsprachigkeit dieses „Kontinents“ einen Blocker für nationale Strategien darstellt – und für ein Nationalgefühl, wie es in China zu finden ist.
Der zweite Aspekt ist, dass Indien schon immer politisch eine Haltung der Unabhängigkeit verfolgt hat. Erinnern wir uns an Zeiten, als der Kalte Krieg herrschte: Damals gehörte Indien zu den blockfreien Staaten, wie man sie damals nannte, und konnte sowohl mit den USA als auch mit der damaligen Sowjetunion sprechen. Und ich sehe das heute genauso: Die Tatsache, dass Indien bei BRICS dabei ist, heißt eben nicht ipso facto, dass Indien jetzt gegen den Westen ist. Wenn man so will, ist das eher das Problem einer bestimmten Sichtweise, die im Westen häufig anzutreffen ist und dazu führt, dass man die Welt in gut und böse, in „zu uns gehörig“ oder „gegen uns“ einteilt. Aber das muss nicht die einzige Sichtweise sein, mit der man auf diese Welt blickt.
Was die Wirtschaft selbst betrifft, ist es so, dass Indien in einigen Bereichen fantastisch aufgestellt ist. Die Softwareindustrie ist ein Beispiel dafür. Vergessen wir nicht, dass die Zahl der ausgebildeten Softwareingenieure – und Ingenieure insgesamt – gigantisch ist, größer als das, was in Deutschland, Europa oder den USA zutage kommt. Da werden riesige Zahlen kluger Menschen hervorgebracht, weil die Bevölkerungszahl von über 1,4 Milliarden Menschen schlicht dazu führt, dass Indien über einen gewaltigen Brainpool verfügt.
Man sieht aber auch, dass viele dieser talentierten Menschen in die USA, nach Europa oder anderswohin gehen und dort ganze Branchen prägen. Heute finden sich zum Beispiel zahlreiche Inderinnen und Inder in führenden Positionen der Big-Tech-Unternehmen in den USA. Wer über den Google-Campus in Mountain View geht, hat mitunter das Gefühl, man könne ebenso gut in Indien über den Campus von Infosys laufen.
Was in Indien momentan vielleicht noch fehlt, ich betone ausdrücklich noch, ist das erwachte Selbstbewusstsein, wie wir es in China erleben. China hat lange Zeit akzeptiert, die Werkbank der Welt zu sein, hat dann aber allmählich begonnen, Dinge selbst herzustellen.
Ein einfaches Beispiel: die Autoindustrie. Die Elektromobilität ist in China sehr weit fortgeschritten – wahrscheinlich deutlich weiter als in den USA oder in Deutschland. Dieses Know-how führt natürlich auch zu einem anderen Bewusstsein. In Indien steht das noch aus.
Jetzt kann man sich fragen, warum – obwohl ironischerweise so viele Menschen aus Indien im Softwarebereich arbeiten und bei fast allen großen Produkten, sei es von Google oder etwa von Adobe, zahlreiche indische Programmierer beteiligt sind – es bislang noch keine entsprechenden indischen Produkte gibt. Also: Warum ist Google nicht indisch? Warum ist Adobe Photoshop nicht indisch? Das hängt mit einem Mentalitätswandel zusammen, der durch ein verändertes Selbstbewusstsein zustande kommt. Meine Erklärung ist, dass man in Indien noch zu egoistisch denkt und zu wenig strategisch. Was ich damit meine, ist, dass der indische Ingenieur, der wirklich fit ist, eher schaut, wo er vielleicht einen Job bei einem internationalen Unternehmen bekommt – und nicht so schnell auf die Idee kommt zu sagen: Hey, wir machen das selbst.
Irgendwann aber muss es Klick machen. Und das wird dann der Moment sein, in dem dieses Land tatsächlich beginnt, produktiv zu werden – nicht im Sinne des Dienstleisters, sondern im Sinne desjenigen, der eigene Produkte entwickelt.
Wie sehen Sie die Auswirkungen des Klimawandels auf Indien? Es gibt Prognosen, denen zufolge in einigen Jahrzehnten große Teile des Landes nicht mehr bewohnbar sein könnten. In diesem Jahr erlebte Indien einen besonders starken Monsun, der enorme volkswirtschaftliche Schäden verursacht hat. Wie bewerten Sie das perspektivisch? Wird der Klimawandel Indien zurückwerfen oder sind Sie weiterhin optimistisch?
Das wird auf der einen Seite überall auf der Welt ein Problem sein. Auf der anderen Seite müssen wir auch sehen, dass wir resilienter geworden sind.
Ein konkretes Beispiel: Ich habe meine Kindheit in Indien verbracht. Damals gab es nicht nur den Monsun, sondern auch zahlreiche Taifune, also Wirbelstürme und Ähnliches. Sehr viele Menschen starben, weil es keine verlässlichen Wetterprognosen gab. Das hat sich mit dem Aufkommen von Wettersatelliten schlagartig verändert – und heute sterben weit weniger Menschen als damals, weil man sich besser vorbereiten kann. Was nicht heißt, dass die Schäden nicht immens wären, aber man stellt sich darauf ein. Und ich bin zuversichtlich, dass Indien in den nächsten Jahren genau diesen Turnover hinbekommen wird, um an dieser Stelle besser gewappnet zu sein.
Wer durch Indien reist, erlebt im Grunde genommen einen „Kontinent“, der sich über verschiedenste Jahrhunderte erstreckt: Es gibt modernste Gebäude, und es gibt Lehmhütten. Diese Koexistenz von arm und reich, von fortschrittlich und fast mittelalterlich, ist einerseits durchaus reizvoll, andererseits aber auch ein Problem.
Das ist in China anders. Dort sieht man sehr viel deutlicher, dass es eine breitere Entwicklung gibt. Natürlich muss man auch dort unterscheiden – Küstenstädte wie Tianjin, Beijing oder Shanghai sind definitiv anders als Dörfer in den Gebirgsregionen von Sichuan. Aber die Unterschiede sind längst nicht so extrem wie in Indien.
Das war allerdings schon immer so und hat auch ein bisschen damit zu tun, dass in Indien die Gesellschaftsstrukturen noch immer viel zu stark gespalten sind. Die Bildungschancen sind zwar besser geworden, aber noch längst nicht dort, wo sie sein sollten. Wenn ich als Kind armer Eltern in Indien geboren werde, sind meine Bildungschancen dramatisch schlechter – und das ist nicht gut.
China hat meiner Ansicht nach hier deutlich vorgelegt: Es hat immerhin rund 400 Millionen Menschen aus der Armut geholt – eine phänomenale Leistung. Indien hat sich zwar ebenfalls verbessert, aber nicht im gleichen Tempo.
Das hat vielleicht auch damit zu tun, dass die Mentalität der Inder eine andere ist. Diese Kultur hat durchaus ihre Vorteile. Ich glaube nicht, dass die Inder jemals „in Reih und Glied stramm stehen“ werden. In Indien ist vieles immer ein bisschen chaotischer – aber genau das gehört eben auch zu diesem „Kontinent“.
Und wie schätzen Sie die gesellschaftlichen Konfliktpotenziale ein? Wir erleben derzeit eine hindu-nationalistische Regierung, große Armut unter den Muslimen und anhaltende Probleme mit der Unterdrückung von Minderheiten. Im globalen Demokratieindex von The Economist ist Indien zwar kürzlich wieder leicht aufgestiegen, war in den Jahren zuvor unter Modi jedoch abgesunken. Solche Probleme könnten Indiens Aufstieg mittelfristig massiv nach hinten werfen, oder?
Wenn man ganz ehrlich ist, dann ist das die Mine, die uns die Kolonialherren – nämlich die Briten – eingebaut haben. Erinnern wir uns: Indien war bis dahin eigentlich ein „friedlicher Kontinent“, auf dem Muslime, Hindus und Christen mehr oder weniger gut zusammenlebten. Mit der Unabhängigkeit aber wurde dieser Keil ganz bewusst eingetrieben – und zwar von außen. Die Feindschaft zwischen Muslimen und Hindus wurde regelrecht hineingetragen. Unglücklicherweise waren die Inder nicht intelligent genug, dieses Spiel zu durchschauen – mit der Folge, dass durch die Abspaltung West- und Ostpakistans, des späteren Bangladesch, eine riesige Fluchtbewegung ausgelöst wurde. Diese religiöse Spaltung ist ein Problem, das seither latent immer weiter schwelt.
In den 1980er-Jahren wurde die damalige Premierministerin Indira Gandhi von ihren Leibwächtern, zwei Sikhs, erschossen – was in brutalen Ausschreitungen zwischen Hindus und Sikhs mündete. Und auch die Konflikte zwischen Muslimen und Hindus flammen immer wieder auf.
Man muss allerdings eines dazu sagen – und das ist wichtig: In den hiesigen Medien gewinnt man leicht den Eindruck, dass einzig und allein diese Konflikte prägend für Indien sind. Aber Indien ist ein wirklich großes Land. Und auch in Europa gibt es Konflikte: Man denke an Nordirland, wo der Streit zwischen Protestanten und Katholiken bis heute andauert, an Katalonien in Spanien oder an den Kosovo-Konflikt – die Liste ließe sich fortsetzen. Europa hat in dieser Hinsicht keine schlechte track record.
Solche Spannungen sind also keine Eigenart Indiens, sondern etwas, das sich – leider Gottes – quer durch alle Nationen zieht. Eine inklusive und tolerante Politik ist dabei das beste Rezept gegen nationalistischen oder religiösen Hass.
Wir hatten eingangs bereits den Fachkräftemangel erwähnt. Überall heißt es, wir bräuchten dringend qualifizierte Arbeitskräfte aus dem Ausland. Und tatsächlich halten es immer mehr junge Menschen in Indien für denkbar, nach Deutschland zu gehen, um hier zu studieren oder zu arbeiten – obwohl es früher hieß, sie würden aufgrund der Sprachbarrieren eher die USA oder Großbritannien bevorzugen. Jetzt haben Sie ja bereits beschrieben, dass Indien eine Nation im wirtschaftlichen Aufbruch ist. Es braucht diese hervorragend qualifizierten Menschen also dringend selbst. Wie können wir sicherstellen, dass wir von Indiens starkem Bildungssystem und seinen Talenten profitieren, bevor die indische Wirtschaft sie „uns wegschnappt“?
Meine klare Antwort ist zum einen – das mag jetzt vielleicht etwas überraschend klingen –, dass wir in Deutschland und in Europa immer noch ein sehr koloniales Denken haben. Wir bedienen uns zwar nicht mehr der Ressourcen anderer Länder, indem wir sie uns einfach unter den Nagel reißen, aber wir machen heute im Prinzip dasselbe – nur etwas eleganter – mit Fachkräften. Das ist, ganz provokant ausgedrückt, ein Ausdruck kolonialen Denkens. Statt Sklaven in Afrika „zu klauen“ und auf Baumwollplantagen zu importieren, machen wir es jetzt ein bisschen eleganter. De facto entzieht man einem Kulturraum jedoch junge potente Menschen und nutzt dieses Potenzial für sich selbst.
Wenn man einen Moment lang darüber nachdenkt, was die eigentliche Motivation dahinter ist, dann gelangt man meiner Ansicht nach zu einem Punkt, an dem wir uns nicht mehr so sehr als Nation im engeren Sinne betrachten sollten, sondern einfach sagen: Wir haben eine Welt, die zusammenarbeitet.
Das kann in vielen Bereichen auch bedeuten, dass indische Softwareentwickler nicht zwingend in Bielefeld oder München sitzen müssen, sondern dass man kooperiert, auf Augenhöhe miteinander arbeitet und jeder seine Stärken einbringt. Das ist ein etwas anderes Modell – und ein anderes Motiv.
Dennoch haben wir in Deutschland natürlich ein Riesenproblem: Wir sind eine alternde Nation. Wie viele andere Länder haben auch wir ein gigantisches demografisches Problem. Hinzu kommt ein Know-how-Problem, weil wir in einigen technologischen Bereichen – Software ist nur ein Beispiel – nicht unbedingt weltweit an erster Stelle stehen.
Die Ursache dafür, dass junge Inder jetzt eher bereit sind, nach Deutschland statt in die USA zu gehen, liegt nicht in Deutschland, sondern an einer schwer kalkulierbaren US-Politik, die momentan alles dafür tut, einen Braindrain in die andere Richtung des Atlantiks stattfinden zu lassen. Wenn man sich die Debatten an US-amerikanischen Hochschulen anschaut, kann ich gut verstehen, dass junge Menschen, die vielleicht auch irgendwo anders studieren oder arbeiten wollen, die USA nicht unbedingt zu ihrer first choice machen.
Wenn wir von einer globalen Symmetrie sprechen, würde das ja bedeuten, dass vielleicht irgendwann auch Deutsche überlegen, Software oder Informatik in Indien zu studieren. Ich glaube, ein Austausch auf Augenhöhe ist genau das, wohin die Entwicklung in Zukunft immer stärker gehen wird.
Das setzt jedoch voraus, dass man sich sehr bewusst macht, welche Rolle man dabei hat. Denn unsere alte Rolle einer Minderheit, die den Rest der Welt dominiert – das waren die Kategorien des Kolonialismus – ist endgültig vorbei. Ich habe das einmal provokant ausgedrückt: Der Nullmeridian verläuft momentan durch Greenwich, also London. Früher verlief er mal durch Madeira, zwischendurch auch einmal durch Paris – und eigentlich müsste er heute entweder durch Beijing oder durch Delhi verlaufen. Denn das war immer der Referenzpunkt und Ausdruck von Macht.
Wir können uns ja einen Moment lang mal fragen, ob wir eine Welt akzeptieren würden, in der wir nicht mehr Weltmeister sind – sei es Exportweltmeister oder Know-how-Weltmeister –, sondern in der andere Nationen, in denen einfach sehr viel mehr Menschen leben, endlich zu ihrem guten Recht kommen und zu jener Blüte gelangen, die wir selbst einmal erlebt haben.
Denn vergessen wir eines nicht: Diese Blüte gab es ja früher bereits. Wir erwecken oft den Eindruck, Indien und China seien schon immer arm gewesen. Wenn man jedoch historisch zurückblickt, erkennt man, dass diese Länder vor der Kolonialisierung einmal sehr reich gewesen sind.
Daron Acemoglu, der Nobelpreisträger in Wirtschaftswissenschaften, hat ein sehr lesenswertes Buch geschrieben: „Why Nations Fail“. Darin erklärt er im Grunde, wie diese Entwicklungen zustande kamen. Und es ist ein Eye-Opener, zu verstehen, dass wir, wenn man es wirklich einmal auf die ganze Welt bezieht, nach einer zu lang anhaltenden Phase der Unfairness – nämlich kolonialer Ausbeutung und ihrer Folgen – nun in eine Welt kommen, die vielleicht, global betrachtet, eine bessere ist.
Zuversichtliche Worte zum Abschluss – vielen Dank, Herr Yogeshwar, für Ihre Zeit und für dieses Gespräch.









Den Ausführungen habe ich nichts entgegenzusetzen. Eine interessante Aussage von Herrn Yogeshwar ist, dass der Null-Meridian künftig vielleicht durch Peking oder Delhi laufen könnte.
Die zukünftig führende globale Stellung von Nationen wie China oder Indien sind ein Ausgleich für die jahrhundertelange systematische Ausbeutung durch europäische Kolonialherren. Es ist eine ausgleichende Gerechtigkeit, wie Herr Yogeshwar in etwa sagt.