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Do, 22. Oktober, 2020
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Lotusblume

von Anant Kumar
1. Die Tochter Brahmas

Mit Recht weisen mir die weisen Inder
den Sitz des Brahma zu,
und damit umarmen meine Blätter
jedes Geschöpf:
die Götterfüße und die Schlammerde.

Mein weißer unschuldiger Kelch
und meine zarten Blätter
trinken
das Gottesgetränk,
das die Brahmanen mengen.

Und ich liege ungeniert
im Schlamm,
durch den die Unberührbaren trampeln:
die Kinder der Kotträger
der Aasverarbeiter
der Leprabettler.

Meine Blätter pflückt –
jede Hand.
Des Schlachters.
Des Mönches.
Gerne und allzugerne.

Nur wünsche ich mir reine Hände.
Hände – hübsch und sauber.
Und ein Herz – ein wenig selig.
Des Manneskörpers – zart und freundlich.

O Geliebter!
Zögere Dich nicht.
Meine weißen Blätter
für Dich tröpfeln
– Düfte.

Komm Geliebter!
Lösche
Erlösche

2. Der Shudra-Junge

Übervorsichtig berührt mich
zart
der Shudra-Junge.
Und dann blitzschnell
nimmt er seine Hand weg –
ängstlich verzweifelt.
Als lauerten um mich die giftigen Brahmanen-Bienen.

Meine schönen weißen Blätter
stehen noch erregter.
Und meine Düfte
überragen die heiligen Pasten.
Jene Sandelholz-Salben,
die auch die Stirnen der dummen Brahmanenkinder tragen.

Ach! Sie gehen
vorbei –
die Liebesrufe.
Der Shudra steht weiter
ängstlich
verzweifelt
und schmachtet –
in Schlingen verhaftet.
Der faulen fetten Brahmanen.

Und vergeblich
erbebe ich
vor Verlangen –
lange
zitternd

3. Die schmutzigen Brahmanenhände

Dieser Brahmane ist ein Lustmolch.
Und was für einer?

Er frisst die Opfergaben – unersättlich.
Und er möchte leertrinken – die dürren Kühe.

Er ist weit von einem Sadhu,
dem wandernden Gottessohn.
Und noch weiter vom Fakir, dem erleuchteten Bettler,
der den Brahma sucht – mit seiner Liebe.
Verlassen die Welt – in ihrer Rast.

Aber dieser Kastenkönig ist schmutzig
und falsch.
Er rezitiert fehlerhaft die Mantras.
Und seine Augen schauen voller Gelüste an –
auch mich, die Tochter Brahmas.

Und immer wenn mich seine schmutzigen Hände anfassen wollen,
verwelkt auf einmal
mein Kelch in seiner Jugend,
und es fallen auseinander –
meine vertrockneten Blätter:

ohne Düfte
ohne Tränen

Foto: (c) Manfred Mazi / pixelio.de

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