Abdul Ghaffar Khan gehört zu den bemerkenswertesten und zugleich widersprüchlichsten Figuren der indischen Unabhängigkeitsbewegung. In Indien wird er bis heute als „Frontier Gandhi“ erinnert – als muslimischer Pazifist und enger Weggefährte Gandhis. In Pakistan dagegen bleibt seine Rolle umstritten. Dort gilt er vielen zwar als bedeutender paschtunischer Führer und Gegner der britischen Kolonialherrschaft, zugleich aber auch als Politiker, der sich der Idee Pakistans nie wirklich anschließen konnte.

Gerade diese Ambivalenz macht Abdul Ghaffar Khan historisch interessant. Seine Biographie erzählt nicht nur von antikolonialem Widerstand, sondern auch von den ungelösten Spannungen, die die Teilung Britisch-Indiens bis heute prägen: zwischen Religion und Nationalismus, Zentrum und Peripherie, Indien und Pakistan.
Geboren wurde Khan 1890 in Utmanzai in der damaligen North-West Frontier Province, dem heutigen Khyber Pakhtunkhwa. Die Region bildete die unruhige Grenzzone zwischen Britisch-Indien und Afghanistan und galt den Briten als schwer kontrollierbar. Die koloniale Verwaltung betrachtete die Paschtunen als „martial race“, als kriegerisches Volk mit angeblich natürlicher Neigung zu Gewalt und Stammesfehden. Dieses Bild prägte die britische Grenzpolitik über Jahrzehnte.
Khan stellte sich früh gegen diese Vorstellung. Anders als viele antikoloniale Politiker seiner Generation begann er seine politische Arbeit nicht mit Parteigründungen oder Protestbewegungen, sondern mit Bildungsinitiativen. Schon als junger Mann eröffnete er Schulen für Paschtunen, darunter ausdrücklich auch Schulen für Mädchen. Für die konservative Stammesgesellschaft war dies ebenso ungewöhnlich wie für die britischen Behörden verdächtig. Mehrfach wurden seine Einrichtungen geschlossen, weil die Kolonialverwaltung Bildung als Träger antikolonialer Ideen betrachtete.
Khan war überzeugt, dass die Schwäche der paschtunischen Gesellschaft weniger auf koloniale Unterdrückung allein zurückging als auf innere Strukturen: Analphabetismus, Clanrivalitäten und eine Kultur der Vergeltung. Sein Ziel war daher nicht nur politische Unabhängigkeit, sondern gesellschaftliche Reform. Diese Verbindung aus Sozialreform, religiöser Moral und antikolonialer Politik unterschied ihn von vielen Zeitgenossen.
1929 gründete er die Bewegung der „Khudai Khidmatgar“ – der „Diener Gottes“. Wegen ihrer roten Kleidung wurden ihre Mitglieder bald nur noch „Red Shirts“ genannt. Die Bewegung entwickelte sich rasch zu einer Massenorganisation in den paschtunischen Gebieten der Nordwestgrenze. Ihr eigentlich ungewöhnlicher Charakter lag jedoch weniger in ihrer politischen Zielsetzung als in ihrer Methode: Khan verpflichtete seine Anhänger auf strikte Gewaltlosigkeit.
Das war in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Zum einen entstand hier eine pazifistische Bewegung nicht in einem urbanen oder akademischen Milieu, sondern in einer Stammesgesellschaft, die stark von Ehrvorstellungen und Waffenbesitz geprägt war. Zum anderen begründete Khan Gewaltlosigkeit ausdrücklich islamisch. Anders als Gandhi leitete er sie nicht aus einer universellen Philosophie ab, sondern aus religiöser Selbstdisziplin. Geduld, Selbstbeherrschung und Verzicht auf Vergeltung galten ihm als Ausdruck moralischer Stärke. „Ich werde euch eine Waffe geben, gegen die weder Polizei noch Armee bestehen können“, sagte er seinen Anhängern. „Diese Waffe ist Geduld und Rechtschaffenheit.“
Die britische Kolonialmacht reagierte auf die wachsende Bewegung mit massiver Repression. Einen Wendepunkt markierte das Massaker von Qissa Khwani in Peshawar im April 1930. Nachdem Khan verhaftet worden war, versammelten sich Tausende unbewaffnete Demonstranten im Basarviertel der Stadt. Britische Truppen eröffneten das Feuer. Augenzeugen berichteten später, dass die Demonstranten trotz der Schüsse nicht flohen, sondern weiter nach vorne traten. Selbst einzelne Soldaten verweigerten schließlich den Schießbefehl. Das Ereignis wurde zu einem Schlüsselmoment der antikolonialen Bewegung an der Nordwestgrenze.
Politisch stand Khan dem Indischen Nationalkongress nahe und entwickelte eine enge persönliche Beziehung zu Mahatma Gandhi. Dennoch blieb er stets eine eigenständige Figur. Anders als die Muslim League unter Muhammad Ali Jinnah lehnte Khan die Idee einer Teilung Indiens strikt ab. Er verstand sich zwar als gläubiger Muslim, hielt einen religiös definierten Nationalstaat jedoch weder politisch noch historisch für sinnvoll.
Diese Haltung isolierte ihn zunehmend. Während die Muslim League in den 1940er Jahren große Teile der muslimischen Bevölkerung mobilisieren konnte, blieb Khans Einfluss regional begrenzt. Seine Bewegung war vor allem unter Paschtunen stark; zu einer gesamtindischen muslimischen Kraft wurde sie nie. Kritiker warfen ihm später vor, die Dynamik der pakistanischen Bewegung unterschätzt zu haben.
Besonders konfliktgeladen wurde die sogenannte Paschtunistan-Frage. Khan forderte vor der Teilung zeitweise eine dritte Option für die paschtunischen Gebiete: weder Indien noch Pakistan, sondern ein autonomes oder unabhängiges Paschtunistan. Die britische Regierung lehnte dies ab. Nach der Gründung Pakistans rückte Khan später stärker von der Forderung nach Eigenstaatlichkeit ab und sprach häufiger von föderaler Autonomie innerhalb Pakistans. Das Misstrauen der neuen Staatsführung blieb jedoch bestehen. Viele pakistanische Politiker betrachteten ihn weiterhin als paschtunischen Regionalisten mit unklarer Loyalität gegenüber dem neuen Staat.
Tatsächlich verbrachte Khan nach 1947 viele Jahre im Gefängnis oder unter Hausarrest. Die Ironie seiner politischen Laufbahn besteht darin, dass der gewaltlose Gegner der britischen Kolonialherrschaft im unabhängigen Pakistan zu einer dauerhaft verdächtigen Figur wurde. Seine Nähe zum Kongress, seine Ablehnung der Teilung und seine Forderungen nach regionaler Autonomie machten ihn insbesondere für das sicherheitspolitische Establishment Pakistans problematisch.
Bis heute bleibt Abdul Ghaffar Khan deshalb Gegenstand konkurrierender historischer Deutungen. In Indien wird er häufig als Symbol hinduistisch-muslimischer Zusammenarbeit innerhalb der Unabhängigkeitsbewegung erinnert. 1987 verlieh ihm ein Jahr vor seinem Tod die indische Regierung den Bharat Ratna, die höchste zivile Auszeichnung des Landes. In Pakistan dagegen fällt die Erinnerung deutlich ambivalenter aus. Zwar tragen heute Straßen, Universitäten und der Flughafen von Peshawar seinen Namen, doch in der offiziellen nationalen Erinnerungskultur bleibt seine Rolle begrenzt. Seine politische Nähe zum Kongress und seine Haltung zur Teilung passen nur schwer in das nationale Gründungsnarrativ Pakistans.
Unter Paschtunen genießt Khan dagegen weiterhin erhebliches Ansehen. Besonders in Khyber Pakhtunkhwa gilt er vielen als Symbol einer politischen Tradition, die sich sowohl vom religiösen Extremismus als auch vom starken Zentralismus Islamabads abgrenzt. Seine politische Erbfolge lebt vor allem in der Awami National Party fort, die sich ausdrücklich auf ihn beruft. Auch neuere paschtunische Protestbewegungen greifen immer wieder auf sein Erbe zurück – weniger wegen seines Pazifismus als wegen seines Eintretens für politische und kulturelle Eigenständigkeit.
Die Geschichte Abdul Ghaffar Khans zeigt damit auch, wie unterschiedlich die Erinnerung an die Teilung Indiens bis heute ausfällt. Während Gandhi, Nehru oder Jinnah fest in den nationalen Erzählungen Indiens und Pakistans verankert sind, bleibt Khan eine Figur zwischen den Staaten und politischen Traditionen: antikolonialer Muslim, paschtunischer Reformer, Gegner der Teilung und zugleich einer der konsequentesten Vertreter gewaltloser Politik im Südasien des zwanzigsten Jahrhunderts.
Weiterführende Literatur:
- Rajmohan Gandhi — Ghaffar Khan: Nonviolent Badshah of the Pakhtuns, Penguin India, 2004.
Die wohl wichtigste moderne Biographie über Abdul Ghaffar Khan. Sehr detailreich, historisch präzise und zugleich gut lesbar. Rajmohan Gandhi verbindet Khans persönliche Geschichte mit der politischen Entwicklung Britisch-Indiens, der Teilung und der frühen pakistanischen Geschichte. - Eknath Easwaran — A Man to Match His Mountains: Badshah Khan, Nonviolent Soldier of Islam, Nilgiri Press, revised edition 1999.
Ein stärker essayistisch und philosophisch angelegtes Buch, das besonders Khans Verständnis islamischer Gewaltlosigkeit beleuchtet. Weniger akademisch, aber einflussreich für die internationale Rezeption Khans. - Mukulika Banerjee — The Pathan Unarmed: Opposition & Memory in the North West Frontier, James Currey, 2000.
Eine anthropologisch und historisch sehr wichtige Studie über die Khudai Khidmatgar-Bewegung und ihre Erinnerungskultur unter Paschtunen. Besonders relevant für die heutige Wahrnehmung Khans in Pakistan. - Akbar S. Ahmed — Resistance and Control in Pakistan, Routledge, 1991.
Der pakistanische Anthropologe Akbar Ahmed analysiert die politischen Spannungen zwischen Zentralstaat und paschtunischer Peripherie. Das Buch hilft zu verstehen, weshalb Abdul Ghaffar Khan bis heute politisch ambivalent betrachtet wird. - Stanley Wolpert — Jinnah of Pakistan, Oxford University Press, 1984.
Keine Khan-Biographie, aber zentral zum Verständnis seines Konflikts mit der Muslim League und der politischen Dynamik der Teilung Indiens. Wolpert beschreibt präzise die Gegensätze zwischen Jinnahs Staatsidee und Khans föderalem, pluralistischem Ansatz.






