StartWirtschaftHandel & IndustrieUnternehmen setzen weiter auf Indien – Erwartungen an Freihandelsabkommen hoch

Unternehmen setzen weiter auf Indien – Erwartungen an Freihandelsabkommen hoch

Die wirtschaftliche Bedeutung Indiens für deutsche Unternehmen nimmt weiter zu. Das geht aus dem „German-Indian Business Outlook 2026“ hervor, einer gemeinsamen Umfrage der KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft und der Deutsch-Indischen Handelskammer (AHK Indien). Ein genauer Blick.

Demnach planen 80 Prozent der befragten Unternehmen, ihre Investitionen in Indien innerhalb der kommenden fünf Jahre auszubauen. 96 Prozent erwarten zudem positive Auswirkungen des Anfang 2026 abgeschlossenen EU-Indien-Freihandelsabkommens auf ihre Geschäftstätigkeit. An der Befragung nahmen 106 Unternehmen teil, darunter indische Tochtergesellschaften deutscher Konzerne sowie Unternehmen mit Indien-Geschäft in Deutschland. Die Erhebung wurde zwischen März und Mai 2026 durchgeführt.

Indien gewinnt strategisch an Gewicht

Die Umfrage zeigt, dass Indien für deutsche Unternehmen zunehmend mehr ist als ein reiner Absatzmarkt. 69 Prozent der Befragten sehen das Land als wichtigen Markt für ihre Produkte, 63 Prozent nutzen es als Produktionsstandort für die Region. Auch Dienstleistungen, Shared-Service-Center und Forschungsaktivitäten gewinnen an Bedeutung.

Bereits heute zählt mehr als zwei Drittel der befragten Unternehmen Indien zu ihren fünf wichtigsten Märkten weltweit. Zehn Prozent bezeichnen Indien sogar als ihren wichtigsten Einzelmarkt.

Die Ergebnisse bestätigen damit einen Trend, der bereits in den Vorjahresstudien sichtbar war: Deutsche Unternehmen integrieren Indien zunehmend in ihre globalen Wertschöpfungs- und Lieferketten. KPMG hatte bereits 2025 einen deutlichen Anstieg geplanter Investitionen sowie eine wachsende Rolle Indiens als Produktions- und Dienstleistungsstandort festgestellt. (KPMG)

Optimistische Erwartungen – aber keine Prognosen

Auffällig ist die hohe Zuversicht der Unternehmen. 73 Prozent rechnen bereits für 2026 mit steigenden Umsätzen in Indien, auf Sicht von fünf Jahren sogar 92 Prozent. Auch bei den Gewinnen überwiegen positive Erwartungen deutlich.

Diese Zahlen sollten jedoch nicht mit volkswirtschaftlichen Prognosen verwechselt werden. Die Studie misst die Einschätzungen und Erwartungen deutscher Unternehmen, nicht die tatsächliche wirtschaftliche Entwicklung Indiens oder die konkreten Auswirkungen des Freihandelsabkommens.

Dennoch verdeutlichen die Ergebnisse, wie stark Indien inzwischen als Wachstumsmarkt wahrgenommen wird – insbesondere vor dem Hintergrund einer schwachen Konjunktur in Deutschland und anhaltender Unsicherheiten in anderen Weltregionen.

Freihandelsabkommen als Hoffnungsträger

Besonders positiv bewerten die Unternehmen das neue EU-Indien-Freihandelsabkommen. Ein Viertel der Befragten plant bereits konkrete Maßnahmen wie den Ausbau lokaler Produktion, zusätzliche Exporte aus Indien oder neue Partnerschaften mit indischen Unternehmen.

Die Erwartungshaltung überrascht kaum. Sowohl KPMG als auch die Deutsch-Indische Handelskammer gehören seit Jahren zu den Befürwortern einer stärkeren wirtschaftlichen Integration zwischen Europa und Indien. Entsprechend spiegelt die Studie vor allem die Perspektive exportorientierter Unternehmen wider.

Welche langfristigen Auswirkungen das Abkommen tatsächlich auf Handel, Investitionen und Wettbewerbsfähigkeit haben wird, lässt sich derzeit noch nicht abschließend beurteilen.

Konkurrenz aus Indien wird ernster genommen

Bemerkenswert ist ein weiterer Befund der Umfrage: Deutsche Unternehmen sehen indische Wettbewerber zunehmend als Herausforderung.

Während aktuell lediglich 17 Prozent lokale Unternehmen als überlegen einschätzen, erwarten 46 Prozent, dass indische Wettbewerber innerhalb der kommenden fünf Jahre einen Vorsprung erlangen könnten.

Dies deutet auf einen Wandel der Wahrnehmung hin. Indien wird nicht mehr nur als kostengünstiger Produktionsstandort betrachtet, sondern zunehmend auch als Quelle eigener Innovationen, Dienstleistungen und international konkurrenzfähiger Unternehmen.

Bürokratie und Korruption bleiben Herausforderungen

Trotz des insgesamt positiven Bildes benennt die Studie weiterhin strukturelle Probleme. 58 Prozent der Befragten nennen Bürokratie als größte Hürde für ihre Geschäfte in Indien. 34 Prozent sehen Korruption als relevantes Hindernis.

Auch regulatorische Anforderungen werden weiterhin kritisch bewertet. Damit bestätigen sich viele Herausforderungen, die internationale Unternehmen seit Jahren bei Investitionen in Indien nennen.

Gleichzeitig bewerten die Unternehmen politische Stabilität, vergleichsweise niedrige Arbeitskosten und die Verfügbarkeit qualifizierter Fachkräfte weiterhin als wichtige Standortvorteile.

Zwischen Optimismus und Realität

Die Studie zeichnet insgesamt ein positives Bild des Wirtschaftsstandorts Indien. Allerdings handelt es sich um eine Befragung von Unternehmen, die bereits in Indien aktiv sind oder dort investieren wollen. Entsprechend spiegelt sie vor allem die Sicht jener Akteure wider, die von einer Vertiefung der Wirtschaftsbeziehungen profitieren könnten.

Als Stimmungsbarometer deutscher Unternehmen ist die Untersuchung aufschlussreich. Sie zeigt, dass Indien in den strategischen Planungen deutscher Firmen weiter an Bedeutung gewinnt. Ob sich die hohen Erwartungen an das Freihandelsabkommen und den Standort Indien erfüllen, wird sich jedoch erst in den kommenden Jahren zeigen.

Quelle: „EU-Indien Freihandelsabkommen wird zum Wachstumstreiber für deutsche Unternehmen“, 9.6.2026, Umfrage der KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft und der Deutsch-Indischen Handelskammer

Bijon Chatterji
Bijon Chatterji
Bijon Chatterji (*1978) ist Mitbegründer und Chefredakteur von theinder.net. Nach dem Biologiestudium in Braunschweig promovierte und forschte er rund zehn Jahre in Hannover, bevor er in die Industrie wechselte. Seit über einem Jahrzehnt ist er in globaler Verantwortung für Biotechnologieunternehmen tätig, u.a. mit besonderem Fokus auf Indien. Von 2012 bis 2016 war er Mitglied der Auswahlkommission des Programms "Deutsch-Indisches Klassenzimmer" der Robert Bosch Stiftung und des Goethe-Instituts Neu-Delhi. Seit 2018 ist er Mitorganisator des "Hanseatic India Colloquium" in Hamburg, referierte u. a. am IIT Bombay und nimmt seit 2023 auf Einladung der Bundesintegrationsbeauftragten an Dialoggesprächen im Bundeskanzleramt teil.

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