Wie eng waren Teile der indischen Unabhängigkeitsbewegung tatsächlich mit dem Nationalsozialismus verflochten? Neue Forschungen der Frankfurter Historikerin Dr. Baijayanti Roy stellen verbreitete Gewissheiten über Subhas Chandra Bose, den Hindutva-Nationalismus und die politische Instrumentalisierung der Geschichte grundlegend infrage.

Die in Westbengalen bis heute gepflegte, nahezu sakrosankte Verehrung für den Freiheitskämpfer Subhas Chandra Bose („Netaji“) beruht auf einer kollektiven historischen Amnesie: Ein aktuelles Interview der Historikerin Dr. Baijayanti Roy in The Daily Star bricht radikal mit diesem indischen Nationalmythos und legt unbequeme Wahrheiten offen, die in der offiziellen Geschichtsschreibung geflissentlich verschwiegen werden: Indische Nationalisten waren keine naiven Opfer ausländischer Propaganda, sondern spielten eine aktive Rolle bei der Aneignung und Umdeutung rassistischer Ideologien für eigene Machtansprüche.
Schon vor Boses Ankunft in Berlin im Jahr 1941 existierte in Bengalen ein florierendes Netzwerk für NS-Propaganda, maßgeblich vorangetrieben von indischen Intellektuellen wie Benoy Kumar Sarkar, der bereits 1933 die Bengali Society for German Culture gründete. Rechte Hindu-Nationalisten der Hindu Mahasabha und der Arya Samaj griffen die rassistische „arische Invasionstheorie“ der Nationalsozialisten und die Swastika-Symbolik dankbar auf, um eine angebliche historische Legitimation für eine hinduistische Vorherrschaft in Indien zu konstruieren.
Dass diese Allianz auf einer fundamentalen Selbsttäuschung und reinem Opportunismus beruhte, zeigt der eklatante Rassismus des NS-Regimes: Adolf Hitler und Alfred Rosenberg machten in ihren Schriften keinen Hehl aus ihrer tiefen Verachtung für die indische Bevölkerung, die sie rassistisch als „gefallene Arier“ deklarierten. Boses Proteste gegen diese Herabwürdigung blieben in Berlin wirkungslos. Erst als der Krieg gegen Großbritannien ab 1938 strategischen Pragmatismus erzwang, heuchelten die Nazis Unterstützung. Roy zieht eine klare, nüchterne Trennlinie zur demokratischen Mehrheit der Unabhängigkeitsbewegung: Während die Führung des Indian National Congress unter Gandhi und Nehru den Faschismus stets entschieden ablehnte, suchte eine rechtsgerichtete Minderheit den moralischen Bankrott im Bündnis mit dem NS-Staat.
Die ideologische Blaupause der RSS-Gründerväter
Diese historische Affinität zum Faschismus war kein Zufall, sondern tief in der Entstehung des modernen Hindutva-Nationalismus verwurzelt. Die Vordenker der heute herrschenden BJP und ihrer mächtigen Mutterorganisation RSS (Rashtriya Swayamsevak Sangh) machten aus ihrer Bewunderung für das NS-Regime kein Geheimnis. M.S. Golwalkar, der zweite Chef der RSS, lobte in seinem programmatischen Werk „We; or, Our Nationhood Defined“ (1939) explizit Hitlers rassistische Vernichtungspolitik. Die systematische „Säuberung“ Deutschlands von den Juden sei ein gutes Beispiel, aus dem man in Indien lernen und Nutzen ziehen könne. Für die RSS-Führung bildeten Muslime und Christen das indische Äquivalent zu den europäischen Juden – Fremdkörper, die sich der hinduistischen Mehrheitskultur bedingungslos zu unterwerfen hatten.
Dass die BJP heute dennoch Boses Erbe intensiv für sich beansprucht und ihn mit monumentalen Denkmälern inszeniert, entbehrt nicht einer bitteren Ironie. Historisch stand der überzeugte Sozialist Bose der sektiererischen und religiös-nationalistischen RSS zeitlebens extrem fern und verurteilte diese Gruppen für ihre Passivität im Kampf gegen die Briten. Die heutige Vereinnahmung dient der BJP vor allem dazu, die pazifistische Tradition des säkularen Congress-Erbes um Gandhi und Nehru politisch zu attackieren und dem eigenen autoritären Staatsumbau einen patriotischen Anstrich zu geben.
Kontinuitäten bis in die Gegenwart: Von der Reichskristallnacht nach Gujarat
Die Brisanz dieser tiefen historischen Verflechtungen reicht bis in die unmittelbare Gegenwart. Vor dem Hintergrund des rasanten Aufstiegs der BJP, die im Frühjahr 2026 erstmals die historische Machtbasis in Westbengalen eroberte, gewinnt die historische Warnung an ungeahnter Aktualität.
Wie weitreichend diese strukturellen Kontinuitäten sind, arbeitete Roy in einer detaillierten komparativen Analyse für das indische Nachrichtenportal The Wire heraus. Unter dem Titel „The Long Shadow of the Nazi ‚Kristallnacht‘ Fell on the 2002 Violence in Gujarat“ zieht die Historikerin auf Basis historischer Fakten präzise Parallelen zwischen den Novemberpogromen von 1938 in Deutschland und den verheerenden Ausschreitungen im indischen Bundesstaat Gujarat im Jahr 2002.
Besonders deutlich wird dies bei der staatlich legitimierten „Spontaneität“. Während NS-Propagandaminister Joseph Goebbels 1938 die systematischen Ausschreitungen gegen jüdische Bürger als gesunde, spontane Reaktion des Volkes deklarierte, stellte Gujarats damaliger Chief Minister Narendra Modi die Gewalt gegen Muslime in fataler Analogie ebenfalls als spontane Reaktion dar. Zudem nutzten organisierte Mobs in Gujarat gezielt offizielle Regierungsdokumente wie Wählerverzeichnisse, um gezielt muslimische Wohnungen und Geschäfte zu identifizieren und anzugreifen. Dieses Vorgehen erinnert strukturell direkt an die präzise Erfassung jüdischen Eigentums im Jahr 1938.
Gleichzeitig herrschte in rechtsnationalen Kreisen Indiens das Postulat eines gereinigten Bundesstaats, aus dem vermeintlich unreine Elemente entfernt werden müssten, was in der systematischen Schändung und Zerstörung von mindestens 527 Moscheen, Madrasas und muslimischen Friedhöfen gipfelte – ähnlich wie die Nationalsozialisten 1938 über tausend Synagogen niederbrannten.
Eine entscheidende rote Linie im Vergleich
Roy wahrt in ihrer Analyse die wissenschaftliche Sorgfalt und weist auf einen elementaren Unterschied hin, der die rechtliche und gesellschaftliche Lage im heutigen Indien von der totalitären Diktatur der 1930er-Jahre unterscheidet. Während die deutsche Presse 1938 durch Goebbels’ Propagandamaschinerie vollständig gleichgeschaltet war, bewahrte Indien im Jahr 2002 seine demokratischen Kontrollmechanismen. Mutige, kritische Berichte lokaler englischsprachiger Zeitungen und nationaler Medien machten das Grauen damals öffentlich und verurteilten die Untätigkeit der Behörden scharf.
Weiterführende Quellen
Wer die aktuellen politischen Verschiebungen in Indien und die tiefen historischen Wurzeln des modernen Hindutva-Nationalismus jenseits heroischer Mythen verstehen will, dem sei das instruktive Interview mit Dr. Baijayanti Roy dringend zur Lektüre empfohlen: Bengal Nazi Germany Connections | Bengal’s forgotten connections with Nazi Germany | The Daily Star.
Dazu passend auch eine Rezension des erwähnten Buches: Book review: „Baijayanti Roy – The Nazi Study of India and Anti-Colonialism“ sowie ein Interview mit der Historikerin: Baijayanti Roy: „Indien im Blick der Nazis“.
Die vergleichende historische Detailarbeit von Dr. Roy lässt sich zudem in ihrem ausführlichen Beitrag auf The Wire nachlesen: The Long Shadow of the Nazi ‚Kristallnacht‘ Fell on the 2002 Violence in Gujarat – The Wire.
Darüber hinaus weisen wir gerne noch einmal auf unsere 5-teilige Serie hin: Indien im Schatten der Nazis: Eine fünfteilige Spurensuche.
In diesem Vortrag der Historikerin beim Deutschen Historischen Museum Berlin spricht Dr. Roy zudem detailliert über die indische Legion im Dienst der Wehrmacht und ordnet die militärische Instrumentalisierung der indischen Kriegsgefangenen historisch ein:






