StartHintergrundKolumnenPunnams Welt: "Wo ist meine Heimat?"

Punnams Welt: „Wo ist meine Heimat?“

„Die Diskussion über Zuwanderung und Integration wird in Deutschland wieder sehr heftig geführt. Es geht um Flüchtlinge und Asylbewerber, um fehlende Wohnungen, überforderte Kommunen, Probleme in Schulen, Kriminalität und religiösen Extremismus. Solche Probleme dürfen nicht verschwiegen werden. Aber wenn aus der notwendigen Diskussion über Probleme eine allgemeine Angst vor Zuwanderern entsteht, sollten wir vorsichtig werden“, schreibt Jose Punnamparambil in seiner neuen Kolumne.

Foto: Jose Punnamparambil, aufgenommen von Joy Manikath (c)

Heute leben rund 21,8 Millionen Menschen mit Einwanderungsgeschichte in Deutschland, mehr als 26 Prozent der Bevölkerung. Sie selbst oder ihre Eltern sind nach Deutschland eingewandert. Viele besitzen die deutsche Staatsbürgerschaft, viele sind hier geboren und aufgewachsen. Ihre Kinder gehen hier zur Schule, studieren oder machen eine Ausbildung. Sie arbeiten in Krankenhäusern, Unternehmen, Universitäten, Verwaltungen und Handwerksbetrieben. Deutschland ist für sie Heimat geworden.

Ich lebe nun seit sechzig Jahren in Deutschland. Als ich 1966 aus Indien hierherkam, war dieses Land ein anderes. Damals sprach man von „Gastarbeitern“, weil man davon ausging, dass die angeworbenen Arbeitskräfte einige Jahre bleiben und danach in ihre Herkunftsländer zurückkehren würden. Viele sind aber geblieben. Ihre Kinder und Enkelkinder leben heute hier.

Seitdem sind aus unterschiedlichen Gründen viele andere Menschen gekommen. In den Jahren 2015 und 2016 nahm Deutschland sehr viele Schutzsuchende auf. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine im Jahr 2022 haben mehr als eine Million Ukrainer hier Schutz gefunden. Andere kommen aus europäischen und außereuropäischen Ländern zum Arbeiten oder Studieren, als Wissenschaftler, Pflegekräfte oder qualifizierte Fachkräfte. Deutschland ist längst ein Einwanderungsland.

Natürlich hat der Staat das Recht und die Pflicht, Zuwanderung zu steuern. Kein Land kann unbegrenzt Menschen aufnehmen. Es müssen Wohnungen, Schulen, Kindergärten, Sprachkurse und Möglichkeiten zur beruflichen Integration vorhanden sein. Wenn innerhalb kurzer Zeit sehr viele Menschen kommen, können Städte und Gemeinden überfordert werden. Darüber muss man offen sprechen dürfen, ohne deshalb als fremdenfeindlich bezeichnet zu werden.

Auch Integration gelingt nicht immer. Es gibt Menschen, die sich abschotten, es gibt religiösen Extremismus und Kriminalität, und es gibt Vorstellungen über Frauen, Familie, Religion oder Gesellschaft, die mit den Grundwerten einer freiheitlichen Demokratie nicht vereinbar sind. Eine tolerante Gesellschaft darf gegenüber Intoleranz nicht gleichgültig sein.

Wer dauerhaft in Deutschland leben will, muss die Gesetze dieses Landes respektieren, sollte die deutsche Sprache lernen und die demokratische Ordnung akzeptieren. Die Würde des Menschen, die Gleichberechtigung von Frauen und Männern, Religionsfreiheit und persönliche Freiheit gelten für alle.

Aber bedeutet Integration deshalb, dass ein Mensch seine eigene kulturelle Identität aufgeben muss? Ich glaube nicht.

Ein Mensch indischer Herkunft muss nicht aufhören, seine indische Kultur zu lieben, um ein guter deutscher Staatsbürger zu sein. Ein Mensch türkischer Herkunft muss seine familiären und kulturellen Traditionen nicht vergessen. Ein Muslim muss nicht aufhören, Muslim zu sein, ebenso wenig wie ein Hindu, Christ oder Jude seinen Glauben aufgeben muss. Entscheidend ist nicht, dass alle Menschen gleich leben, sondern dass sie gemeinsame Regeln akzeptieren.

Ich habe das in meinem eigenen Leben erfahren. Als ich 1966 nach Deutschland kam, war mir vieles fremd. Die Sprache, das Essen, das Wetter und viele deutsche Gewohnheiten musste ich erst kennenlernen. Auch ich war für die Deutschen ein Fremder.

Sechzig Jahre später ist Deutschland meine Heimat, aber Indien ist dadurch nicht aus meinem Leben verschwunden. Ich habe meine Herkunft und meine kulturelle Prägung nicht an der deutschen Grenze abgegeben. Beide Welten gehören zu mir. Vielleicht ist dies etwas, was eine Einwanderungsgesellschaft lernen muss: Ein Mensch kann mehr als einer kulturellen Welt angehören.

Das gilt besonders für die nachfolgenden Generationen. Ein junger Mensch, dessen Großeltern aus der Türkei oder aus Indien kamen, der aber in Hamburg, Köln oder München geboren wurde und hier zur Schule gegangen ist, kann nicht sein ganzes Leben als Ausländer betrachtet werden. Wenn wir von ihm erwarten, Deutschland als seine Heimat anzunehmen, müssen wir auch bereit sein, ihn als Teil dieser Heimat anzuerkennen.

Integration ist deshalb keine Aufgabe allein für die Zuwanderer. Auch die Aufnahmegesellschaft muss sich verändern. Menschen bringen andere Religionen, andere Speisen, andere Familiengeschichten und andere kulturelle Gewohnheiten mit. Eine pluralistische Gesellschaft bedeutet nicht, dass jeder die Lebensweise des anderen übernehmen oder gutheißen muss. Sie bedeutet, dass wir lernen, Verschiedenheit innerhalb gemeinsamer Regeln zu akzeptieren.

Deutschland hat von Zuwanderung enorm profitiert. Millionen Menschen mit Einwanderungsgeschichte arbeiten heute in diesem Land und tragen zu seinem Wohlstand bei. In Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen, in Wissenschaft und Technik, im Handwerk, in der Gastronomie und in vielen anderen Bereichen wäre Deutschland ohne Menschen aus anderen Ländern kaum noch vorstellbar.

Hinzu kommt, dass die deutsche Bevölkerung älter wird und seit Jahren mehr Menschen sterben, als Kinder geboren werden. In vielen Berufen fehlen Arbeitskräfte. Deutschland wird deshalb auch in Zukunft Menschen brauchen, die bereit sind, hier zu arbeiten, zu leben und Teil dieser Gesellschaft zu werden.

Das bedeutet nicht, dass jede Zuwanderung automatisch gut ist oder dass Deutschland jeden Menschen aufnehmen kann. Humanitäre Verpflichtungen, Asyl und Arbeitsmigration sind unterschiedliche Fragen. Ein Staat muss wissen, wer in sein Land kommt, wer bleiben darf und wer wieder gehen muss, wenn kein Aufenthaltsrecht besteht. Eine vernünftige Zuwanderungspolitik braucht Offenheit, aber auch Ordnung.

Auch Indien, das Land meiner Herkunft, hat über Jahrhunderte Erfahrungen mit kultureller und religiöser Vielfalt gemacht. Hindus, Muslime, Christen, Sikhs, Buddhisten, Jains und andere Religionsgemeinschaften leben dort zusammen. Die muslimische Kultur hat Indien in Architektur, Musik, Malerei, Literatur und Sprache tief geprägt. Das Taj Mahal ist nur das bekannteste Symbol dafür.

Indien zeigt aber auch, wie schwierig ein solches Zusammenleben sein kann. Es gibt religiöse Spannungen und Fanatismus und politische Kräfte, die Unterschiede zwischen Menschen benutzen, um Angst zu erzeugen. Eine pluralistische Gesellschaft entsteht nicht von selbst. Sie braucht gemeinsame Regeln und einen starken Rechtsstaat. Minderheiten müssen die gemeinsame Ordnung respektieren, und die Mehrheit muss bereit sein, Minderheiten als gleichberechtigten Teil der Gesellschaft anzuerkennen. Das gilt für Indien ebenso wie für Deutschland.

Wenn Menschen gegen Gesetze verstoßen, muss der Rechtsstaat handeln. Dabei sollte es keine Rolle spielen, ob jemand Müller, Punnamparambil, Yılmaz oder einen anderen Namen trägt. Wer eine Straftat begeht, ist für seine Tat verantwortlich, nicht seine ethnische oder religiöse Gemeinschaft.

In den sechzig Jahren, die ich in Deutschland lebe, hat sich dieses Land enorm verändert. Menschen, deren Familien aus Italien, Griechenland, der Türkei, Indien, Vietnam, Iran, Syrien und vielen anderen Ländern stammen, sind heute Ärzte, Pflegekräfte, Lehrer, Unternehmer, Wissenschaftler, Künstler, Handwerker, Politiker und Nachbarn. Im Jahr 2025 wurden mehr als 330.000 Menschen deutsche Staatsbürger.

Deutschland ist vielfältiger geworden und wird sich weiter verändern. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht mehr, ob wir eine pluralistische Gesellschaft wollen oder nicht. Wir leben bereits in einer solchen Gesellschaft. Es kommt darauf an, wie wir sie gestalten.

Dabei sollten wir weder naiv sein noch Angst haben. Integration braucht Zeit. Sie gelingt manchmal gut und manchmal weniger gut. Sie verlangt Anstrengungen von den Menschen, die nach Deutschland kommen, und Offenheit von denen, die schon hier leben.

Nach sechzig Jahren in diesem Land bin ich überzeugt, dass beides möglich ist: die eigene Herkunft zu bewahren und gleichzeitig zu Deutschland zu gehören.

Deutschland verliert seine Identität nicht dadurch, dass neue Menschen hinzukommen. Es verändert sich, wie sich Gesellschaften immer verändert haben. Entscheidend ist, dass wir bei allen Unterschieden eine gemeinsame demokratische und rechtsstaatliche Grundlage bewahren.

Deshalb: Keine Angst vor den Zuwanderern. Nicht weil es keine Probleme gibt, sondern weil Probleme mit Vernunft, klaren Regeln und Geduld gelöst werden müssen.

Auf diesem Weg sollten wir behutsam und zuversichtlich weitergehen.


Anm. d. Red.: Bundesverdienstkreuz- und Tagore-Preisträger Jose Punnamparambil ist einer der bedeutendsten deutsch-indischen Publizisten der Gegenwart, u.a. Gründer der Zeitschrift „Meine Welt“ und seit 2025 als Kolumnist für theinder.net tätig (Pressemitteilung).

Alle bisherigen Beiträge von Jose Punnamparambil finden Sie hier.

Jose Punnamparambil
Jose Punnamparambil
Jose Punnamparambil (*1936 in Kerala) ist ein deutsch-indischer Journalist, Übersetzer und Kulturvermittler, der seit 1966 in Deutschland lebt. Mit seiner Zeitschrift "Meine Welt" und zahlreichen Übersetzungen indischer Literatur fördert der Bundesverdienstkreuzträger den interkulturellen Dialog zwischen Deutschland und Indien bereits seit Jahrzehnten.

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Verwandte Artikel

Zuletzt kommentiert

- Anzeige -