StartCommunityIdentität"Home is where our heart is"

„Home is where our heart is“

Was bleibt von Identität, wenn man alle Etiketten abstreift? Schauspielerin India Antony erzählt in einem ebenso persönlichen wie nachdenklichen Essay von ihrer Suche nach Freiheit, Heimat und sich selbst – jenseits von Herkunft, Religion und gesellschaftlichen Erwartungen.

Foto: „Ich bin ein Dickkopf“, sagt India Antony. (c) I. Antony

Als ich ein junges Mädchen war, wollte ich alles andere sein als ein typisches indisches Mädchen.

Meine Mutter sagte immer, ein indisches Mädchen tut das nicht und dies nicht. Ich wollte aber genau das, und ich bin ein Dickkopf. Vor allem wollte ich frei sein. Mich so ausdrücken, anziehen und leben, wie ich das für richtig hielt. Mein bester Freund war 20 Jahre älter und Fotograf. Mein Lieblingsschriftsteller: Hermann Hesse.

Ich fing an zu reisen und gab mir einen neuen Namen: India, weil ich alles, was mit meiner alten Identität zusammenhing, zurücklassen wollte.

Um mich neu zu entdecken, zu schauen, wie mich ganz fremde Menschen wahrnahmen und ich sie. Beim gemeinsamen Tellerwaschen in einem Restaurant in Irland, working as a „professional“ dishwasher and waitress, ging es vor allem darum, Spaß dabei zu haben. Da waren Traveller aus Kanada, Südafrika und aus unterschiedlichen Ecken Europas, alle in Galway, um sich eine Auszeit, einen Stopp im so brisanten Leben, zu gönnen.

Ich bin katholisch erzogen worden. Die Kirche war genau vor unserer Haustür. Ich ging zum katholischen Kindergarten, zur Kommunion, zur Firmung. War Messdienerin, Lektorin, Gruppenleiterin und verabschiedete mich von allem, als ich aus Mettmann wegzog. Ich wollte meine eigene Wahrheit entdecken, ob ich wirklich glaubte und, wenn ja, woran, ob ich das überhaupt brauchte. Auf der Reise, auf der Suche.

Ich bin Schauspielerin, Ex-Sozialpädagogin, Schreiberin, Tellerwäscherin und habe unzählige andere Jobs gemacht.

Ich habe Menschen den Arsch abgewischt, sie geduscht und rasiert. Ihre Geschichten angehört, Menschen durchdrehen sehen und ich habe mit ihnen getanzt. Ich stand auf der Bühne, vor der Kamera, im Rampenlicht, und die Menschen haben mir applaudiert und mich wiedererkannt.

Inderin, Deutsche, katholisch, weiblich, ledig:

Aber das alles definiert mich nicht!

Ich liebe die deutsche Mentalität, die indische Spiritualität und die italienische Art zu leben. Ich liebe diese Welt und ich will dafür sorgen, in erster Linie wie ein Mensch, eben als Rosita, auf ihr zu leben.

Ich bin:

die Menschen, die mich geprägt haben, die ich geliebt und gehasst habe. Die Erlebnisse, die ich hatte, die schlimmen und schönen. Ich bin die Länder, die Kontinente, die ich gesehen habe, das Leid, die Freude, die Küsse, die Farben, die Poesie, die ich in mir trage, und die Wut!

In mir bin ich frei von allen Stereotypen, weil ich in mir zuhause bin. Und das bedeutet: Ich bin in Bewegung und verändere mich. Ich bin da zuhause, wo sich mein Herz geliebt, gewärmt fühlt. Das kann bei Menschen sein, in Ehrenfeld, in Kerala, inmitten von Reisfeldern oder einfach am Meer.

Ich bin ein Dickkopf. Ich hatte immer meine eigene Meinung, deswegen bin ich zuhause früher viel angeeckt, aber wenn ich etwas gelernt habe, dann ist es, jeden Menschen zu respektieren und sich selbst auch mit Respekt behandeln zu lassen. Und sich selbst mit Respekt und Liebe zu begegnen! Jeder Mensch hat eine Würde.

Und zu hinterfragen, alles immer zu hinterfragen!

Ich liebe Menschen, ich kann nichts dagegen tun, aber ich liebe sie. Aber manchmal gehen sie mir auch alle auf den Senkel und ich verschwinde ein paar Wochen, weil ich auch gerne alleine bin.

Manchmal sagen mir Menschen: „Rosita, das ist aber kein typischer indischer Name“, und auch bei meiner Herkunft haben sie Schwierigkeiten, mich einzuordnen. Warum muss man jemanden einordnen? Was weiß man dann mehr? Fühlt man sich dann sicherer, kann man dann wieder kategorisieren?

Neugierde schön und gut, aber es ist wohl instinktiv. Denn ich ertappe mich selber dabei, dass ich Menschen viele Fragen stelle.

I was made in heaven, born on earth, and I will decide where I go.

Veränderung ist Leben. Und die Sicherheiten, an denen man sich krampfhaft versucht festzuhalten oder sich stark zu fühlen, sind nicht echt, nicht bleibend. Die einzige Sicherheit, die ich habe, ist, dass ich auf das höre, was mir meine eigene innere Stimme, mein Bauchgefühl sagt, egal, ob mich jemand anlächelt, mir Komplimente macht oder mich anfaucht. Ob ich glücklich bin oder nicht, das spüre ich nur in mir.

Ich bin eine Kosmopolitin, Weltenbürgerin,

und solange wir nicht verstehen, dass diese Welt unser einziges Zuhause ist und wir zusammenhalten müssen,

dass die Gemeinsamkeiten größer sind als das, was uns trennt,

werden wir es nicht schaffen, in dieser Welt einen Ort zu erschaffen,

der uns Heimat ist.

Das Leben ist ein Abenteuer, Magie! Nichts ist, wie es scheint, wenn man mal genauer hinschaut und vor allem in sich hineinhorcht.

Home is where the heart is.

India Antony
India Antony
India Antony ist eine deutsch-indische Schauspielerin, die durch Rollen in Serien und Filmen wie 4 Blocks, Sturm der Liebe und Die Rosenheim-Cops bekannt wurde. Sie lebt in Deutschland und setzt sich für mehr Vielfalt und Repräsentation im Film und Fernsehen ein.

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