StartIndienGeschichteAls Indien unabhängig wurde, kannte es seine Grenzen noch nicht

Als Indien unabhängig wurde, kannte es seine Grenzen noch nicht

Am 15. August 1947 endete die britische Herrschaft über Indien. Doch der Staat, der in dieser Nacht entstand, war in vielem noch unfertig: Seine endgültigen Grenzen waren nicht veröffentlicht, die Eingliederung der mehr als 560 Fürstenstaaten war noch nicht abgeschlossen, und Indien war noch keine Republik. Selbst Gandhi fehlte bei den Feiern in Delhi.

Die Teilung auf dem Papier: Sir Cyril Radcliffe bei der Grenzziehung zwischen Indien und Pakistan. Im Hintergrund eine Karte des britischen Daily Herald vom 4. Juni 1947. KI-Illustration nach historischer Vorlage.

Indien war gerade zwei Tage unabhängig, als Millionen Menschen erfuhren, in welchem Land sie lebten.

Erst am 17. August wurde der sogenannte Radcliffe Award veröffentlicht, der die neuen Grenzen in Punjab und Bengalen festlegte. Während Jawaharlal Nehru in Neu-Delhi kurz vor Mitternacht seine später als „Tryst with Destiny“ bekannt gewordene Rede hielt, war die Grenze zwischen Indien und Pakistan noch nicht öffentlich bekannt. In Teilen des Punjab und Bengalens wussten die Menschen daher am Tag der Unabhängigkeit nicht mit Gewissheit, welchem der beiden neuen Staaten ihr Heimatort zugeschlagen werden würde.

Über den Verlauf dieser Grenze hatte ein Engländer entschieden, der Indien wenige Wochen zuvor zum ersten Mal betreten hatte.

Sir Cyril Radcliffe war Jurist, kein Geograph und kein Indienkenner. Gerade seine fehlenden Verbindungen zum Land galten als Voraussetzung seiner Unparteilichkeit. Im Juli 1947 kam er in Delhi an. Wenige Wochen blieben ihm und den beiden Grenzkommissionen, um Punjab und Bengalen aufzuteilen – Regionen, in denen Muslime, Hindus und Sikhs nicht in säuberlich getrennten Gebieten lebten und Eisenbahnlinien, Kanäle, Städte und wirtschaftliche Räume miteinander verbunden waren.

Am 12. August waren Radcliffes Entscheidungen fertig. Veröffentlicht wurden sie am 17. August.

Dazwischen lag die Unabhängigkeit.

Schon dieser merkwürdige Ablauf erzählt viel über den 15. August 1947. Indien hatte Jahrzehnte auf die politische Selbstbestimmung hingearbeitet. Als sie schließlich kam, vollzog sich der letzte Schritt mit erstaunlicher Geschwindigkeit.

Noch im Februar 1947 hatte der britische Premierminister Clement Attlee angekündigt, die Macht spätestens bis Juni 1948 zu übertragen. Dann kam Lord Louis Mountbatten als letzter Vizekönig nach Indien und verkürzte den Zeitplan erheblich. Am 3. Juni wurde der Teilungsplan bekanntgegeben. Am 18. Juli erhielt der Indian Independence Act die königliche Zustimmung. Nicht einmal einen Monat später sollte der British Raj Geschichte sein.

Dabei hatte die politische Bewegung, die auf diesen Moment zulief, bereits mehrere Generationen durchlaufen. 1885 versammelten sich in Bombay 72 Delegierte zum ersten Indian National Congress. Damals ging es noch nicht um die Loslösung vom Empire, sondern um politische Mitsprache, Verwaltungsreformen und eine stärkere indische Repräsentation. Erst über Jahrzehnte wurde daraus die Forderung nach vollständiger Unabhängigkeit.

Die Teilung Bengalens 1905 und die folgende Swadeshi-Bewegung trugen die Politik über die bisherigen Eliten hinaus. 1906 entstand die All-India Muslim League. Der Erste Weltkrieg, die repressiven Rowlatt Acts und das Massaker von Amritsar 1919 verschärften den Konflikt mit der Kolonialmacht. Unter Mohandas Karamchand Gandhi entwickelte sich der Congress zur Massenorganisation. Boykotte und Kampagnen des zivilen Ungehorsams erreichten Millionen Menschen. Der Salzmarsch von 1930 wurde zum bekanntesten Bild dieser Phase.

Doch zu diesem Zeitpunkt hatte sich etwas noch Grundsätzlicheres verändert: das politische Ziel. Ende 1929 erklärte der Congress in Lahore Purna Swaraj, die vollständige Unabhängigkeit, zu seinem Programm.

Und dafür hatte Indien bereits einen Feiertag.

Am 26. Januar 1930 beging die Nationalbewegung erstmals einen „Independence Day“. Siebzehn Jahre später wurde Indien tatsächlich unabhängig – nur an einem anderen Datum. Den 15. August hatte nicht der Congress gewählt. Mountbatten erklärte später, er habe sich für diesen Tag entschieden, weil der 15. August 1945 für ihn mit der japanischen Kapitulation am Ende des Zweiten Weltkriegs in Asien verbunden war. Für den ehemaligen alliierten Oberbefehlshaber in Südostasien hatte das Datum persönliche historische Bedeutung. Aus der Tradition der indischen Nationalbewegung stammte es nicht.

Der alte 26. Januar verschwand trotzdem nicht. Als Indien 1950 seine Verfassung in Kraft setzte, wählte es genau diesen Tag. Deshalb besitzt das Land bis heute zwei große staatliche Jahrestage: den Independence Day am 15. August und den Republic Day am 26. Januar. Der eine erinnert an das Ende der britischen Herrschaft, der andere an das Inkrafttreten der republikanischen Verfassung.

Denn auch das wird in der Rückschau leicht übersehen: Am Morgen des 15. August 1947 entstand noch nicht die Republik Indien.

Der neue Staat war zunächst ein Dominion. George VI. blieb als König von Indien Staatsoberhaupt. Und Lord Mountbatten, eben noch der letzte Vizekönig des British Raj, wurde erster Generalgouverneur des unabhängigen Indien. Jawaharlal Nehru übernahm das Amt des Premierministers. Erst am 26. Januar 1950 trat die neue Verfassung in Kraft und Indien wurde zur Republik.

Auch territorial war das Land noch nicht das Indien von heute. Neben den unmittelbar britisch verwalteten Provinzen existierten mehr als 560 Fürstenstaaten, deren Beziehungen zu den neuen Dominions neu geordnet werden mussten. Die große Mehrheit schloss sich Indien oder Pakistan an; einige Fälle wurden jedoch zu erheblichen politischen Konflikten. Hyderabad wurde 1948 in die Indische Union eingegliedert. Goa blieb sogar bis 1961 unter portugiesischer Herrschaft.

Der vielleicht auffälligste Abwesende der Unabhängigkeitsfeiern aber war kein Fürst und kein britischer Beamter.

Es war Gandhi.

Während Nehru in Delhi sprach, hielt sich Gandhi in Kalkutta auf. Die Stadt hatte im Jahr zuvor schwere hinduistisch-muslimische Gewalt erlebt. Gandhi nahm deshalb an den zentralen Feierlichkeiten in der Hauptstadt nicht teil. Der Mann, der außerhalb Indiens später wie kein anderer zum Gesicht der Unabhängigkeitsbewegung werden sollte, fehlte in ihrer berühmtesten Nacht.

Seine Abwesenheit verweist zugleich auf die zweite Geschichte dieses 15. August. Denn die britische Herrschaft endete nicht mit der Übergabe eines ungeteilten Landes.

Während des Zweiten Weltkriegs hatten sich die politischen Vorstellungen von Congress und Muslim League immer weiter voneinander entfernt. Die Muslim League unter Muhammad Ali Jinnah forderte schließlich einen eigenen Staat. Nach Kriegsende scheiterte der letzte britische Versuch, beide Seiten in einer gemeinsamen föderalen Ordnung zu halten. Gleichzeitig eskalierte die Gewalt zwischen Hindus, Muslimen und Sikhs.

So entstanden im August 1947 zwei Staaten – und eine Grenze, die Millionen Menschen in Bewegung setzte.

Besonders im Punjab flohen oder wurden Muslime in Richtung Pakistan vertrieben, Hindus und Sikhs in Richtung Indien. Ganze Dörfer und Stadtviertel wechselten ihre Bevölkerung. Flüchtlingszüge überquerten die neue Grenze; einige wurden zum Schauplatz von Massakern. Die genaue Zahl der Opfer ist bis heute umstritten. Sicher ist, dass die Teilung eine der größten Bevölkerungsverschiebungen des 20. Jahrhunderts auslöste.

Und während diese Bewegung bereits begonnen hatte, lag Radcliffes Grenzentscheidung noch unter Verschluss.

Erst am 17. August wurde offiziell bekannt, wo Indien endete und Pakistan begann.

Vielleicht liegt darin das treffendste Bild für die Unabhängigkeit vor 79 Jahren. Jahrzehntelang hatte die indische Politik darum gerungen, die britische Herrschaft zu beenden. Als dieser Augenblick schließlich gekommen war, waren wesentliche Fragen noch offen. Die neuen Grenzen waren nicht veröffentlicht. Die Integration der Fürstenstaaten war nicht abgeschlossen. Indien war noch keine Republik. Und Gandhi war nicht in Delhi.

Um Mitternacht endete ein Empire.

Der Staat, der an seine Stelle trat, musste erst noch entstehen.

Tina Singh
Tina Singh
Tina schrieb ihren ersten Artikel für theinder.net bereits 2005 und interessiert sich für gesellschaftliche Themen, Musik und Reisen. Heute ist sie im Touristikbereich tätig.

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