Demokratie gilt als Versprechen von Freiheit und politischer Selbstbestimmung. Doch was garantiert sie tatsächlich – und was verwechseln wir mit ihr? Dr. Shantanu Mukherjee geht dieser Frage in seiner aktuellen Kolumne nach.

Was ist eine Definition? Was muss sie leisten? Und was darf sie gerne leisten, muss aber nicht. In Bescheidenheit betrachtet, hat eine Definition kürzer zu sein als das, was sie definiert. Und um kürzer zu sein, muss sie einige Aspekte des Themas berücksichtigen, und einige andere ignorieren. Gewöhnlich: Das meiste ignorieren. Wenn so, dann muss die Frage gleich kommen: Was muss und was darf. Sophisten sprechen hier von notwendig und kontingent. Oft ist die Wahl eine Sache der Knappheit und der Eleganz.
Einer der klarsten Fälle ist die Geometrie Euklids. Die beginnt mit einer knappen Liste von Definitionen, Axiome genannt, die unbewiesen sind. Und dann wird, von den Axiomen ausgehend, eine großartige Menge – bewiesener – Schlüsse gezogen. Diese werden Theoreme genannt. Euklids Geometrie ist eine der herausragendsten Errungenschaften der Menschheit.
Es haust leider eine Schlange in diesem Garten Eden. Mit Euklid kann man alles Erdenkliche auf Erden meistern – außer der Erde selbst. Die gekrümmte Oberfläche der Erde ist Euklid nicht zugänglich, denn ihre Eigenschaften widersprechen dem Theorem der parallelen Geraden.
Hier gibt es zwei Möglichkeiten. (1) Schmeiß das fragliche Theorem (parallel) heraus um den Rest zu retten. Leider macht der Rausschmiss alles kaputt. Oder aber: (2) Euklid intakt lassen und eine nichteuklidische Geometrie erstellen – um genau und gerade diese eine „Schwäche“ Euklids zu tilgen. Und dieser zweite Weg wird tatsächlich seit etwa zweihundert Jahren verfolgt, um gekrümmte Flächen zu meistern.
Nun zur Demokratie. Ich möchte, Karl Popper folgend, ‚Demokratie‘ definieren als „Abwählbarkeit“ des Machthabers – und nicht Absetzbarkeit. Nicht mehr und nicht was anderes. Das ist das gesuchte Axiom. Zwei Bereiche sind aber wichtig.
- Die Fälle sind zahlreich, wo auf demokratische Wahlen eine diktatorische Ergreifung der Macht folgt, mithin eine Abschaffung des Parlaments sowie künftiger Wahlen. Das heißt: Demokratie ist kein Garant ihrer eigenen Fortdauer. Das heißt: Demokratie setzt augenblickliche Freiheit voraus, aber gebiert keine ewige.
- Was wenn sich Machthaber A von Machthaber B (meistens: Politische Parteien) kaum unterscheidet? Was wählt man zwischen dem Teufel und dem tiefen Meer?
In der Tat verhindert Demokratie die Hitlers und Maos nicht. Sie garantiert lediglich Absetzung einer Regierung mittels freier Wahlen. Ist dann diese knappe Definition elegant und unnütz? Zum Glück nicht. Freiheit rettet den Tag. Freiheit ist unabhängige Einzelentscheidung. Und diese Freiheit (Axiom) gebiert eine echte Judikative, eine freie Presse, ein freies Parlament (Theoreme). Und dem freien Fluss der Information erwächst, immer, eine Wahl jenseits vom Teufel und dem tiefen Meer. Und diese Koalition von Freiheit und Individualität nennt sich (politischer) Liberalismus.

Anm. d. Red.: Dr. Shantanu Mukherjee ist Sprachwissenschaftler, langjähriger Hochschullehrer und seit 2026 mit seiner eigenen Kolumne „Spektrum Europa“ für theinder.net tätig (Pressemitteilung).
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