Der Historiker Sumit Sarkar hat das Verständnis des modernen Indien über Jahrzehnte geprägt. Er schrieb über Nationalismus und soziale Bewegungen und stellte manche Gewissheit der indischen Geschichtsschreibung in Frage.

Sumit Sarkar gehörte zu den einflussreichsten Historikern des modernen Indien. Am 13. August 2026 ist der 1939 geborene Wissenschaftler im Alter von 86 Jahren gestorben.
Generationen von Studierenden begegneten ihm durch Modern India: 1885–1947. Das 1983 erschienene Buch wurde zum Standardwerk über die Zeit vom Aufstieg des Indian National Congress bis zur Unabhängigkeit. Sarkar erzählte diese Geschichte nicht allein über Gandhi, Nehru, Parteitage und Verfassungsfragen. Bauern und Arbeiter, Adivasi, Kastenbewegungen und regionale Proteste gehörten ebenso dazu.
Seine „history from below“ machte aus diesen Gruppen allerdings keine neuen Helden. Sarkar interessierte, wie politische Führung und gesellschaftliche Bewegungen aufeinander einwirkten. Nationalismus war für ihn keine geschlossene Bewegung, sondern von unterschiedlichen sozialen Interessen, regionalen Erfahrungen und mitunter gegensätzlichen Erwartungen geprägt.
Dieser Blick bestimmte bereits The Swadeshi Movement in Bengal, 1903–1908, seine Studie über die Bewegung gegen die Teilung Bengalens. Sarkar arbeitete mit Zeitungen, Pamphleten und Literatur und untersuchte die lokale Mobilisierung jenseits der bekannten politischen Akteure. Später beschäftigte er sich verstärkt mit Kaste und Geschlecht, religiösen Reformbewegungen, Alltagsleben und den Widersprüchen der kolonialen Moderne.
Sarkar kam aus der marxistischen Geschichtsschreibung, behandelte deren Kategorien aber nicht als Dogma. Soziale Klasse war für seine Arbeit wichtig, ohne Kaste, Religion oder kulturelle Identität hinreichend erklären zu können. Auch die Subaltern Studies, zu deren frühem Kreis um Ranajit Guha er gehörte, betrachtete er später kritisch. Die stärkere Hinwendung zu Diskurs und Repräsentation ging ihm zu Lasten der sozialen und materiellen Verhältnisse, die ihn als Historiker weiterhin interessierten.
Dass sich auch seine eigene Sicht auf die Geschichte verändern konnte, zeigte Modern Times: India 1880s–1950s. Mehr als drei Jahrzehnte nach Modern India aktualisierte Sarkar sein Standardwerk nicht einfach, sondern schrieb die Epoche neu. Inzwischen hatten Forschungen zu Kaste und Geschlecht, Umwelt, Stadtgeschichte und öffentlicher Kultur das Bild des modernen Indien erheblich erweitert.
Politisch machte Sarkar aus seinen Positionen keinen Hehl. Nach der Zerstörung der Babri-Moschee war er 1993 Mitautor von Khaki Shorts and Saffron Flags, einer kritischen Untersuchung der Hindu-Rechten. Das hinderte ihn nicht daran, auch die organisierte Linke zu kritisieren, etwa während der Konflikte um Singur und Nandigram in Westbengalen.
Von 1974 bis 2004 lehrte Sarkar an der Universität Delhi. Ehemalige Studenten erinnern sich an einen zurückhaltenden Hochschullehrer, der ein Argument entwickelte, Gegenbeispiele hinzufügte und damit vermeintlich sichere Schlussfolgerungen wieder in Frage stellte. Seine enorme Belesenheit musste dabei nicht ausgestellt werden.
Sarkars Bücher gehören weiterhin zur Grundausstattung der Geschichtsschreibung über das moderne Indien. Charakteristisch für seine Arbeit war die Gewohnheit, auch dort nach Widersprüchen zu suchen, wo sich längst eine plausible Erklärung durchgesetzt hatte.







