StartLeben & KulturFilm, Musik, KunstBittersüße Melancholie in Kalkutta: Nevermind

Bittersüße Melancholie in Kalkutta: Nevermind

Mit der Trophäe für den Shootingstar des Indian Film Festivals 2026 im Gepäck feiert das bengalische Drama Nevermind einen großen Erfolg in Stuttgart. Regisseurin Chaiti Ghoshal gelingt hier ein faszinierendes Stück Filmkunst über vergrabene Emotionen und das ganz besondere Lebensgefühl einer Millionenmetropole, findet Rezensent Pascal Gras.

Amartya Ray reckt die Trophäe stolz in den Stuttgarter Nachthimmel. Der goldene Stern, den er als Shootingstar des Indian Film Festivals 2026 für seine Hauptrolle als Jude in Nevermind bekommen hat, ist mehr als wohlverdient. Emotionen – tiefe, ehrliche Emotionen – darum und um die besondere Stimmung der Millionenmetropole Kalkutta geht es in Nevermind.

Ein Wiedersehen in der Park Street

Mitten in Kalkutta verdient sich Jude seine Brötchen als junger Barmusiker. Chaiti Ghoshal nimmt uns mit in ein Leben mit Glanzlichtern, wenn Jude auf der Bühne steht, aber auch mit Schattenseiten – etwa den notorischen finanziellen Sorgen und undurchsichtigen Finanzdeals des Sängers. Das scheint aber nicht Judes wahres Problem zu sein. Vielmehr nimmt der Zuschauer seine Rastlosigkeit und Melancholie wahr, die unübersehbar in seinem Leben fernab der Bühne zutage treten.

Parallel dazu ist eine Frau mittleren Alters, gespielt von der in Westbengalen berühmten Schauspielerin Rituparna Sengupta, auf der Suche nach etwas oder jemandem. Dabei zieht sie auffallend unglücklich und geradezu ängstlich von einem Ort zum anderen innerhalb Kalkuttas. Irgendwann treffen die beiden in Judes Bar Nevermind in der legendären Park Street im Herzen der Stadt aufeinander.

Es macht zunächst den Anschein, als würden sie flirten. Die fremde Dame ist aber seltsamerweise extrem besorgt um Jude und leiht ihm sogar einen hohen Geldbetrag. Welcher Mensch würde so etwas tun, wenn man sich gerade erst wenige Stunden kennt? Die Antwort ist so simpel wie frappierend: Die Dame ist Judes Mutter, welche ihn als Baby gezwungenermaßen zur Adoption freigeben musste und ihn nun unbedingt wiederfinden wollte.

Kalkutta als eigene Persönlichkeit

Dieser Film ist jedoch weit mehr als seine reine Handlung. Laut Regisseurin Chaiti Ghoshal geht es vor allem darum, Emotionen zu transportieren und die sehr spezifische Stimmung Kalkuttas als eigene „Persönlichkeit“ dem Zuschauer näherzubringen. Was für eine Atmosphäre in Kalkutta herrscht, vermögen wohl nur Menschen zu sagen, die aus eben jener Stadt stammen und dort leben. Die Sichtweise Chaiti Ghoshals einzufangen, gelingt ihr jedoch auf beeindruckende Art und Weise.

Die unterschwellige Melancholie, welche Jude und seine Mutter den ganzen Film über begleitet, die Nebenhandlung über eine junge Geschäftsfrau, die gerade gefeuert wurde, der Nieselregen draußen vor der Bar oder Judes geheimer Rückzugsort mit Blick auf die Park Street – eine gewisse Traurigkeit schwingt immer mit. Gleichzeitig gibt es aber auch Freude und Euphorie bei unerwarteten Wendungen. Etwa wenn Jude seine Mutter nach anfänglicher Skepsis akzeptiert oder in der Nebenhandlung die junge Frau ihren Job zurückbekommt.

Dennoch will Jude mit seiner Mutter nicht zu deren Zuhause in England mitkommen, was zu einem bittersüßen Abschied im Nieselregen des nächtlichen Kalkutta führt. Oder die junge Geschäftsfrau, die von der guten Nachricht ihrer Wiedereinstellung gar nichts mitbekommt, weil sie einen Drink zu viel an der Bar hatte.

Moderne Handlung trifft auf klassische Filmkunst

Nevermind erzeugt beim Zuschauer eine melancholisch-bittersüße Grundstimmung, in der man sich in der Bar Nevermind durchaus wiederfinden könnte. Denn der Film zeigt, dass wir alle etwas gemeinsam haben: Emotionen und Grundstimmungen, positiv wie negativ.
Einziger kleiner Kritikpunkt ist die etwas isoliert wirkende Nebenhandlung um die junge Geschäftsfrau. Dies überdeckt aber in keiner Weise die Quintessenz dieses sehr stimmungsgeladenen Werks, das man durchaus dem Status der echten „Filmkunst“ zuordnen kann. Die melancholisch-bittersüße Ebene erinnert an die hohe amerikanische und französische Filmkunst der 60er- und 70er-Jahre.
Die reine Handlungsebene um das Leben von Jude und seiner Filmmutter ist hingegen sehr modern gehalten, sodass ein hervorragender Spagat gelingt. Dass Hauptdarsteller Amartya Ray alias Jude im echten Leben der Sohn von Regisseurin Chaiti Ghoshal ist, verleiht diesem anspruchsvollen Werk beim Transportieren der Emotionen noch einen ganz besonderen, persönlichen Touch.

Abschließende Bewertung: 9 / 10

Pascal Gras
Pascal Gras
Pascal Gras studiert Wirtschaftsrecht (LL.B.) und befasst sich leidenschaftlich mit gesellschaftspolitischen Fragen sowie dem deutsch-indischen Kulturaustausch. In seinen Beiträgen blickt er am liebsten über den Tellerrand hinaus: Er ordnet komplexe Themen ganzheitlich ein und beleuchtet sie gezielt aus einer rechtlichen sowie psychologischen Perspektive.

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Verwandte Artikel

Zuletzt kommentiert

- Anzeige -