Bundesumweltminister Carsten Schneider ist zu einem viertägigen Besuch nach Indien gereist. Beim Deutsch-Indischen Umweltforum geht es um Kreislaufwirtschaft, Klimaanpassung und neue Technologien. Dahinter steht eine größere Frage: Wie weit reichen die gemeinsamen Interessen zweier Länder, die einander bei der grünen Transformation brauchen, aber keineswegs dieselben Vorstellungen davon haben?

Carsten Schneider reist nicht mit leeren Händen nach Neu-Delhi. Und er kommt auch nicht, um Indien die Energiewende zu erklären.
Das ist vielleicht die erfreulichste Nachricht seines viertägigen Besuchs. Wenn der Bundesumweltminister beim 4. Deutsch-Indischen Umweltforum über Kreislaufwirtschaft, Biodiversität, CleanTech und Klimaanpassung spricht, geschieht dies auf der Grundlage einer Zusammenarbeit, die konkreter ist, als es der etwas spröde Titel „Green and Sustainable Development Partnership“ vermuten lässt.
Deutschland hatte Indien 2022 zugesagt, bis 2030 mindestens zehn Milliarden Euro für die grüne Transformation zu mobilisieren. Rund fünf Milliarden Euro sind inzwischen eingesetzt oder für Projekte vorgesehen, überwiegend als vergünstigte Kredite. Das Geld fließt unter anderem in erneuerbare Energien und grünen Wasserstoff, elektrische Busse, Metro-Netze und klimaresiliente Stadtentwicklung. Anfang des Jahres kamen weitere Zusagen über 1,24 Milliarden Euro hinzu.
Schneiders Reise ist also eher Zwischenbilanz als Auftakt. Das Umweltforum selbst besteht seit 2008, zuletzt fand es 2019 statt. Rund 200 Teilnehmer aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft werden diesmal erwartet. Schneider bringt eine Wirtschaftsdelegation mit. Etwa 2.000 deutsche Unternehmen unterhalten inzwischen Niederlassungen in Indien, rund 700 produzieren dort.
Dass wirtschaftliche Interessen eine Rolle spielen, muss man nicht verschweigen. Indien muss Stromnetze, Speicher, Verkehrssysteme, Abwasserbehandlung und Recycling in einem Umfang ausbauen, den Europa kaum kennt. Deutsche Unternehmen besitzen auf einigen dieser Felder Technologien, die Indien gebrauchen kann. Indien wiederum bietet ihnen einen gewaltigen Markt.
Interessanter ist, wie sehr sich dabei die Rollen verändert haben. Indien ist längst nicht mehr nur Empfänger deutscher Entwicklungszusammenarbeit. Beide Länder arbeiten inzwischen auch in Drittstaaten zusammen. Anfang des Jahres wurde vereinbart, gemeinsame Projekte unter anderem in Ghana, Kamerun und Malawi auszuweiten. Das alte Verhältnis zwischen Geber und Empfänger beschreibt die Beziehungen immer schlechter.
Auch Indiens Energiewende verdient Anerkennung. Das Land muss den steigenden Energiebedarf von mehr als 1,4 Milliarden Menschen decken, seine Industrie ausbauen und zugleich den Energiemix verändern. Der rasante Zubau erneuerbarer Energien ist unter diesen Bedingungen beachtlich.
Schneider spricht deshalb zu Recht von einem Boom. Allerdings erzählt er nur die angenehmere Hälfte der Geschichte. Indien bleibt stark von Kohle abhängig. Und selbst die neue Energiewirtschaft schafft Abhängigkeiten: Bei wichtigen Vorprodukten der Solarindustrie ist Indien weiterhin erheblich auf China angewiesen. Neu-Delhi versucht deshalb, mit „Make in India“ mehr Wertschöpfung im eigenen Land aufzubauen.
Hier treffen sich deutsche und indische Interessen. Auch Berlin und Brüssel suchen nach Lieferketten, die weniger stark von China abhängen. Wenn Schneider Indien als wichtig für „resiliente Lieferketten“ bezeichnet, ist das keine beiläufige Formulierung. Umweltpolitik ist längst auch Industriepolitik.
Eine einfache Interessengemeinschaft ergibt sich daraus dennoch nicht.
Das zeigte sich ausgerechnet wenige Tage vor Schneiders Ankunft. Am 18. August trafen sich in Neu-Delhi unter indischem Vorsitz die Umweltminister der BRICS-Staaten. In ihrer gemeinsamen Erklärung griffen sie den europäischen CO₂-Grenzausgleich CBAM scharf an. Solche Maßnahmen seien einseitig, strafend, diskriminierend und protektionistisch.
Die EU will mit CBAM verhindern, dass europäische Unternehmen CO₂-Kosten tragen, während emissionsintensive Waren aus Ländern ohne vergleichbare Belastungen importiert werden. Indien sieht darin auch einen Schutzwall für die europäische Industrie. Neu-Delhi erinnert die Industriestaaten zudem daran, dass sie ihren Wohlstand über Jahrzehnte mit fossiler Energie aufgebaut haben und nun von Schwellenländern eine erheblich schnellere Transformation verlangen.
Schneider trifft damit auf eine Regierung, die Deutschland als wichtigen Partner der Energiewende betrachtet und gleichzeitig einen zentralen Bestandteil europäischer Klimapolitik für protektionistisch hält. Das ist kein Widerspruch, den ein Umweltforum beseitigen wird.
Indien möchte Kapital und Technologie, aber keine Übernahme europäischer Vorstellungen darüber, wie schnell und nach welchen Regeln seine Transformation erfolgen soll. Deutschland wiederum verfolgt legitimerweise eigene Interessen. Wenn deutsche Unternehmen an indischen Recyclinganlagen, Stromnetzen oder Verkehrssystemen verdienen, spricht das nicht gegen die Klimapartnerschaft. Sie dürfte sogar belastbarer sein, wenn beide Seiten wirtschaftlich profitieren.
Allerdings will Indien nicht auf Dauer Absatzmarkt für deutsche Umwelttechnik bleiben. Es möchte Batterien, Solartechnik, Elektrofahrzeuge und grünen Wasserstoff zunehmend selbst herstellen. Aus dem Kunden kann ein Wettbewerber werden.
Schneiders Besuch ist deshalb weder weltpolitisches Ereignis noch belangloser Ministertermin. In den großen indischen Medien hat seine Ankunft bislang wenig Aufmerksamkeit gefunden. Deutschland ist für Neu-Delhi wichtig, aber nicht exklusiv wichtig.
Gerade darin liegt vielleicht die Stärke des derzeitigen Ansatzes. Berlin scheint zunehmend zu akzeptieren, dass eine engere Beziehung zu Indien keine Gefolgschaft voraussetzt. Bei Handel, China und internationaler Klimapolitik werden beide Länder immer wieder unterschiedliche Interessen haben.
Wo sie zusammenfallen – bei sauberer Energie, Recycling, widerstandsfähigeren Städten, Finanzierung und neuen Technologien –, gibt es allerdings genug zu tun.
Eine strategische Partnerschaft muss nicht harmonisch sein, um nützlich zu sein.
Quellen:
- BMUKN: Deutschland stärkt Partnerschaft mit Indien im Umwelt- und Klimaschutz | Pressemitteilung
- Indo-German Environment Forum – New Delhi | Instagram
- BRICS-Umweltminister treffen sich zu Klimaschutz-Beratungen in Neu-Delhi | SNN
- GSDP Website
- Support to the Green and Sustainable Development Partnership | GIZ
- Toward an Indo-German Green Strategic Partnership | DGAP
- Indo-German Sector Dialogue Explores Opportunities for Cooperation in Climate Resilience and Environmental Technologies
- 4th Indo-German Environment Forum „Together for more resilience“







