Man wünschte, der indische Wirtschaftsnobelpreisträger Amartya Sen hätte den Untertitel seines Werkes zum Haupttitel erhoben. Denn „Die Illusion des Schicksals“ fasst seine Kernaussage in einer einprägsamen Kürze zusammen. Man könnte sich das Wahnsinnsgenie eines Nietzsche dahinter vorstellen – vielleicht als ironische Entgegnung auf einen Hegel.

Eine Grundaussage seines Werkes ist, dass die Menschheitsgeschichte nicht teleologisch, also nicht zielgerichtet verläuft. Es ist ein Paradox, dass er dennoch, mit seinem ganzen Optimismus, eine sicherere, bessere, gleichsam vorbestimmte Zukunft für die Menschheit sieht. Als ob ein Hintertürchen doch noch offen bleibt, nachdem man einen „Sinn“ in der Menschheitsgeschichte verneint hat.
In Ablehnung der Teleologie erinnert Sen an Darwin und dessen Nachfolge. Es gibt keinen „Plan“, keinen tiefen, verborgenen metaphysischen, gottgegebenen „Sinn“ im Standardverständnis der Evolution. Hier dient die „natürliche Selektion“ als Hintertürchen (Ist denn diese „Selektion“ minder metaphysisch?).
Sens Schrift plädiert für eine Welt ohne Konflikt und Kampf, jenseits all dem Hässlichen der aktuellen Welt.
Und da liegt der Hund begraben.
Das Buch ist trotz all seiner empirischen Details ein Rezept, keine Beschreibung. Das Grundrezept ist „globale Zivilgesellschaft“. Wer nur würde solchen Ehrgeiz – so selbstlos und grandios – als Träumerei abtun?
Sen lehnt Einzelidentitäten ab. Zurecht. Man ist nicht bloß ein Bengale, ein Biologe oder ein Christ, man ist vielmehr zugleich und immer all dies und mehr. Doch aus dieser richtigen Prämisse zieht Sen einen raschen – zu raschen – Schluss: Da wir offensichtlich so unterschiedlich sind, warum dann bloß einem vermeintlich vorgefertigten Schicksal, einer historischen Bestimmung nachhängen? Warum einer bestimmten Identität, ohnedies einmalig und illusorisch? Warum sich den vielen Fanatismen nicht lieber entledigen – der großen Illusion der Vorbestimmung?
Dies in der Tat ist ein Fanfarenstoß, eine große Predigt, sofern man bereit ist zu ignorieren, so wie es Sen anscheinend ist, dass unsere vielfältigen Identitäten einer Prioritätenhierarchie gehorchen. Und dort liegt die Krux. Ein arabischer Angler und ein israelischer können – und tun es auch so oft – In Harmonie und Freundschaft am Ufer verweilen. Aber in der Krise, wenn der Mob wütet und die eigene Existenz bebt, ist man doch so oft zuerst Araber oder Jude und nicht länger Hobbyangler. Dieser Präferenzwechsel wird geleitet durch Geschichte, Sprache, Herkunft. Man wird bei einer Explosion versuchen die eigenen Kinder zu retten und nicht zuerst die des Golfpartners.
Und der Mob wütet, Zivilisationen geraten aneinander. Übrigens: der große amerikanische Politologe Samuel Huntington, berühmt für seinen Aufsatz „Clash of Civilizations“, erschienen in Foreign Affairs (später erweitert als Buch) und Sens Lieblingsgegner, macht distinkte Trennungen zwischen Zivilisationen keineswegs zur Voraussetzung, damit die zusammenkrachen. In der existentiellen Krise obsiegt nicht die Exklusivität eines etwaigen Unterschieds, sondern dessen Prädominanz: Du bist, was er nicht ist. Inmitten allerlei Verbrüderung, und gar nicht so selten, beherrscht Animosität die Wogen.
In Berlin wie anderswo gibt es Schulen mit Null nicht-muslimischen Kindern, der kleine Rest längst hinausgeekelt.
Arabisch muslimische Studenten, sämtlich aus wohlhabenden Familien, keiner davon ein unterdrückter Palästinenser, sind in Hamburg gestartet, um die Zwillingtürme zu zerstören.
Islamische Terroristen zündeten Bomben und mordeten in London, in Madrid, in Paris, in Berlin, in Ägypten, in Bali – um nur wenige zu nennen.
Wegen seines Films gegen Islamismus wurde der niederländische Filmemacher Theo van Gogh erstochen auf den Straßen von – nicht Rawalpindi, sondern – Amsterdam.
Man könnte die Liste beliebig lang machen – oder sehr kurz – würde man hier Sens würdevollen Euphemismus „akzentuierte Religiosität“ verwenden, um alles Böse dieser Welt konzise zu nennen. In welchem Viertel welcher Stadt lebt denn Herr Sen? Man wundert sich. Nur mit Erheiterung kann man die Absurdität der Formulierung von Sen hier ertragen.
Wir gönnen uns einen Blick auf Sens Vergleich von Wirtschaftssystemen. Sen verabscheut Huntingtons Credo: „Kultur zählt“. In den Sechzigern, meint Huntington, waren die Wirtschaften Koreas und Ghanas in etwa gleich stark. Dreißig Jahre später ist der Abstand Koreas zu Ghana grotesk. Und er, Huntington, führt dies auf Unterschiede in „Kultur“ zurück. Sen lässt sich immerhin herab, zuzugeben, dass der Abstand real ist. Aber der kommt, so Sen, von besserer Bildung, engerer Bindung an USA etc. Ungern würde er das ‚Kulturzeug‘ zulassen. Interessanter hingegen ist das, was Sen lieber nicht erwähnt: Den lähmenden Einfluss, in Ghana wie einst in Indien, des Dogmas – der Staat wird es schon schaffen. Nehru, der erste Ministerpräsident Indiens, nannte das scheußliche Chaos, das er gezeugt hatte, „demokratischen Sozialismus“. Und just dieser „Sozialismus“ (= der Staat kann alles, der Markt nichts) erklärt Indiens und Ghanas langwierige Geiselhaft in Armut und Elend. Zwar hat Indien immer schon eine signifikante Industriellenschicht besessen. Aber ob Industrie, oder nicht: Indien war lang und streng verheiratet – in der Außenpolitik und in der Wirtschaft – mit der sterbenden Sowjetunion.
Sens Stil ist knapp und undramatisch – trotz der Tiefe und Reichweite seiner Mission. Er mag offenbar den Terminus ‚Dialektik‘, die Person M. Gandhi und die Institution Vereinte Nationen. Nun, das ist seine Wahl. Es ist das Abschlachten von Mensch durch Mensch, der Anblick von Kindern voller AIDS, von florierenden Milliardären und vom gemetzelten, niedergebrannten, vergewaltigten Sudan, die Sen so verzweifelt und Schmerzbeladen machen.
Aber er hört nicht auf bei Verzweiflung. Eines „älteren Erwachsenen“ Reise führe zu Licht und Harmonie. Aber: Ist all dies erreichbar am Ende des Tages? Sen sagt hier mit Zuversicht „ja“, gleichgültig wie gnadenlos unsere Geschichte auf das Gegenteil deutet. Hoffnung auf Erlösung führe uns zusammen vor einer großen Vision, zu unserer gemeinsamen Zukunft.
Leider ist hier ein Widerspruch zuhause, in dieser Vision immanenter Teleologie, welche Sen eifrigst ablehnt. Denn der Teleologe würde uns alle daran erinnern, dass das vorher-gesagte und bestimmte Schicksal mitgeformt und nicht vererbt wird, dennoch Teleologie ist.

Anm. d. Red.: Dr. Shantanu Mukherjee ist Sprachwissenschaftler, langjähriger Hochschullehrer und seit 2026 mit seiner eigenen Kolumne „Spektrum Europa“ für theinder.net tätig (Pressemitteilung).
Alle bisherigen Beiträge von Dr. Shantanu Mukherjee, bitte hier klicken.






