Auf seiner jüngsten Indienreise hat Peter Paul Pratter Eindrücke und Erkenntnisse gesammelt, die über Wirtschaftszahlen und Schlagzeilen hinausgehen. In Ausgabe 5 seiner Kolumne „India Rising – Der Wirtschaftsblick“ ordnet er seine Beobachtungen ein. Ein persönlicher Blick auf Indiens wirtschaftliche Entwicklung und ihre Dynamik.

Ich bin vor Kurzem nach Bengaluru zurückgekehrt. Es ist schon eine Weile her, seit ich das letzte Mal in diesem Teil Indiens war. Ich war gespannt darauf zu sehen, wie sehr sich die Stadt verändert hat, freute mich die Energie vor Ort aufzusaugen und aus erster Hand zu erfahren, wie die Menschen aktuell über eine stärkere Zusammenarbeit und Partnerschaften mit Europa denken.
Es war toll, wieder zurück zu sein, und wieder einmal sehr aufschlussreich. Lassen Sie mich daher ein wenig von dem teilen, was ich dieses Mal erlebt habe.
Veränderung ist sichtbar
Angekommen bin ich am brandneuen Terminal des Flughafens Bengaluru. Ich kannte dieses Projekt und war super gespannt darauf, es nach eher gemischten Erfahrungen am alten Terminal selbst zu erleben – und meine Begeisterung war keineswegs übertrieben. Es ist ein wunderschönes, nagelneues Gebäude mit moderner Infrastruktur und hochgradig nachhaltigen Eigenschaften von Holzstrukturen, Wasserelementen und mehr. Eine insgesamt hochmoderne Entwicklung, die in vielen Bereichen fortschrittlicher ist als das, was man von europäischen Flughäfen kennt.

Man verlässt den Flughafen über brandneue Straßen, zumindest bis man die Stadtgrenze erreicht. Während dieser Fahrt sieht man Metrolinien und Pfeiler aus Beton, die errichtet wurden, um Bengalurus Verkehrsprobleme zu lösen. Wie ich in Gesprächen mit Freunden herausgefunden habe, sollen diese Metrolinien nach mehreren Verzögerungen in den nächsten zwei Jahren phasenweise in Betrieb genommen werden.
Die Energie aufsaugen
Meine Woche begann damit, mich mit alten Freunden und Kontakten zu treffen, die ich im Laufe der Zeit geknüpft hatte und die ich endlich persönlich treffen konnte. Aus diesen tiefgründigen Gesprächen kann ich mit Sicherheit berichten, dass eine wachsende Zahl von Indern Europa als einen der zukünftigen Partner Indiens betrachtet. Indien entwickelt sich schnell, und das wachsende Interesse von außerhalb Indiens an wird wahrgenommen. Die Bereitschaft zur Zusammenarbeit beruht nicht nur auf solchen Chancen, sondern ist darin begründet, was Indien selbst anbieten kann. Obwohl natürlich Herausforderungen bestehen und offen darüber gesprochen wird, sind die Menschen zuversichtlich, was das Potenzial Indiens angeht. Und auch entsprechend Selbtbewusst.
Dennoch sieht sich dieses Potenzial oft mit Missverständnissen auf europäischer Seite konfrontiert, wie etwa der Unterschätzung der Zeit bis zur Marktreife, der Entscheidungsgeschwindigkeit und der Art und Weise, wie Geschäfte in Indien gemacht werden. Das bleibt genau der Grund, warum ich India Rising überhaupt ins Leben gerufen habe. Wir Europäer müssen verstehen, was vor Ort passiert.

Der Technologiesektor boomt
Einer der Hauptgründe, warum ich mich entschied Bengaluru genau jetzt zu besuchen, war die Zinnov Confluence, Indiens größte Konferenz für Technologie und Global Capability Center (GCC). Über 6.000 Teilnehmer, von lokalen und globalen Unternehmen bis hin zu den Bundesstaatsregierungen von Karnataka, Kerala, Punjab oder Uttar Pradesh, kamen zusammen, um über das Neueste in den Bereichen Tech, KI und die Rolle von GCCs zu diskutieren. Ich war nicht nur von der Organisation und der Präsentation tief beeindruckt, sondern wieder einmal davon, wie viel Wertschöpfung und Innovation durch GCCs in allen Sektoren geschaffen wird.

Dies sind technologische Entwicklungen, die aus Indien für Indien und die Welt vorangetrieben werden. Ich habe eine Masterclass für europäische Unternehmen zu den Chancen im Bereich KI moderiert, und die Erkenntnisse, die ich gesammelt habe, waren beachtlich. Europäische Akteure aus den Bereichen Bankenwesen, Medizintechnik, Konsumgütermarken, Technologie, Telekommunikation und Automobilindustrie berichteten, wie sie ihre Indien-GCCs nutzen, insbesondere bei der Vorantreibung grenzüberschreitender KI-Entwicklungen. Das oft als schwierig empfundene regulatorische Umfeld rund um KI wurde nicht als Hindernis gesehen, sondern als eine Frage des gesunden Menschenverstands, insbesondere in Bereichen mit sensiblen Datenumgebungen wie Personen- oder Medizinischen Daten. Der ordnungsgemäße Umgang damit ist ein Vorteil, den auch Indiens GCCs zu einem hohen Grad abdecken können.
Es war wieder einmal der Beweis, dass Deutschland und Europa insgesamt große Synergien mit Indien haben.
Herausforderungen bleiben bestehen
Auch wenn dies viele positive Erkenntnisse sind, bestehen Herausforderungen mit Sicherheit weiter und werden auch sehr offen diskutiert. Es wurde auch deutlich, dass viele Führungskräfte gemischte Erfahrungen mit deutschen und europäischen Partnern gemacht haben, wenn es um die Entscheidungsgeschwindigkeit, das Missverständnis von Indiens Potenzial und Fähigkeiten und so weiter geht, und ich denke, das ist ein klarer Engpass, der behoben werden muss. Diejenigen, die Erfahrung in der Zusammenarbeit mit US-Unternehmen haben, sehen deutliche Unterschiede und fordern mit Nachdruck, dass Europa einen Zahn zulegen und beschleunigen muss, wenn man einen Platz am Tisch haben möchte. Wenn ich mir die Chancen Indiens, die wesentlich höheren Investitionen aus Ostasien, Singapur oder den USA im Land im Vergleich zu Europa und den damit verbundenen zunehmenden Wettbewerb ansehe, teile ich diese Meinung ehrlich gesagt.

Dennoch berichteten Einheimische auch, dass Bengaluru ein Opfer seines eigenen Erfolgs ist. Immobilienpreise und Mieten schießen in die Höhe, die Lebenshaltungskosten steigen, und das trifft besonders die junge Bevölkerung. Der Verkehr bleibt ein großes Problem, und die begrenzte Verfügbarkeit von Gewerbeflächen schafft Engpässe für neue Markteintritte sowie für die öffentliche Immobilienentwicklung – Krankenhäuser, Schulen – gleichermaßen.
Es gibt viel zu berichten und zu besprechen. Aber ich kann nur empfehlen, es mit eigenen Augen zu sehen.
Quellen: Aufzeichnungen und Key Notes von der Zinnov Confluence 2026
Anm. d. Red.: Peter Paul Pratter ist Business- und Immobilienstratege, Gründer der Plattform „India Rising“ und seit 2026 Kolumnist bei theinder.net (Pressemitteilung).

