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Sex, Saxofon und ein orangefarbenes Badetuch

Ein aufgeknöpftes Hemd, ein knisternder Kamin und eine Frau im Badetuch. Mehr brauchte Bollywood 1969 nicht für eine seiner erotischsten Filmszenen. „Roop Tera Mastana“ wurde zum Klassiker – obwohl sich die beiden Hauptdarsteller nicht einmal küssen.

Ikonische Szene aus dem Bollywood-Film „Aradhana“ – Rajesh Khanna und Sharmila Tagore waren die großen Stars ihrer Zeit. Und der Film ein Aufreger. Illustration: KI-generiert

Draußen regnet es in Strömen. Drinnen steht Rajesh Khanna mit nassem, aufgeknöpftem Hemd vor einem Kamin. Sharmila Tagore hat ihre durchnässte Kleidung abgelegt und sich in ein orangefarbenes Badetuch gewickelt. Die beiden sind allein, das Feuer brennt, und eigentlich weiß jeder, worauf das hinausläuft. Nur die beiden scheinen sich noch nicht ganz einig zu sein.

Die Szene stammt aus dem Hindi-Film Aradhana, der am 27. September 1969 in die indischen Kinos kam. Das Lied dazu heißt Roop Tera Mastana, was ungefähr so viel bedeutet wie „Deine Schönheit ist berauschend“. Kishore Kumar singt, Rajesh Khanna schaut verliebt, Sharmila Tagore schaut zurück. Dann gehen beide langsam um den Kamin herum, nähern sich, entfernen sich wieder. Ein Kuss fällt nicht. Trotzdem ist die sexuelle Spannung kaum zu übersehen.

Für das indische Kino jener Jahre war das bemerkenswert. Erotik gab es in Hindi-Filmen durchaus, nur wurde sie bevorzugt durch die Natur dargestellt. Zwei Blumen, die sich berührten, waren ein beliebtes Mittel. Auch Vögel, Wellen und Gewitter mussten regelmäßig herhalten, wenn es zwischen Mann und Frau zur Sache ging. Das Publikum verstand diese Bildersprache. In Roop Tera Mastana durfte es ungewöhnlich lange zwei Menschen dabei beobachten, wie sie mit ihrem Verlangen rangen.

Und dann dieses Badetuch! Es ist groß, leuchtend orange und bedeckt alles, was bedeckt sein muss. Trotzdem dürfte es 1969 für einige Unruhe im Kinosaal gesorgt haben. Sharmila Tagore, die bereits zu den bekanntesten Schauspielerinnen Indiens gehörte, brauchte sich dafür nicht einmal besonders freizügig zu zeigen. Ihre Blicke und kleinen Bewegungen erledigten den Rest.

Was wie eine sorgfältig geplante Verführung aussieht, entstand übrigens aus Zeitnot. Das Set war bereits für eine andere Filmproduktion vergeben. Regisseur Shakti Samanta musste die Szene schnell abdrehen und entschied sich für eine ungewöhnliche Lösung: Das gesamte Lied sollte in einer einzigen, ununterbrochenen Kameraeinstellung gefilmt werden.

Das war technisch anspruchsvoll. Die Kamera fuhr auf einem Wagen um die beiden Schauspieler herum, während diese den Kamin umkreisten. Jeder Schritt musste stimmen, denn ein Fehler hätte bedeutet, wieder von vorne anzufangen. Nach ausgiebigen Proben gelang die Aufnahme beim zweiten Versuch.

Die Kamerabewegung hat noch eine weitere Besonderheit. Das Paar umrundet das Feuer ähnlich wie Braut und Bräutigam bei einer hinduistischen Hochzeitszeremonie. Nur sind Vandana und Arun, so heißen die beiden Figuren, zu diesem Zeitpunkt gar nicht verheiratet. Das macht die Anspielung durchaus pikant.

Zur richtigen Stimmung trägt vor allem die Musik bei. Die Melodie stammt von S. D. Burman, während sein Sohn R. D. Burman an der musikalischen Ausgestaltung maßgeblich beteiligt war. Heraus kam eine für die damalige Hindi-Filmmusik ungewöhnliche Mischung aus Jazz und lateinamerikanischen Rhythmen. Besonders auffällig sind das Saxofon von Manohari Singh und das Akkordeon, die sich zwischen den Gesangsstrophen geradezu miteinander unterhalten. Homi Mullan steuerte die perkussiven Klänge der duggi bei.

Über die Entstehung der Aufnahme kursiert eine hübsche Anekdote. Der Musikarrangeur Kersi Lord soll die Freiheit bekommen haben, musikalisch zu tun, was er wollte. Nur eines sei verlangt worden: Das Lied müsse unbedingt romantisch klingen. Das Ergebnis dürfte die Erwartungen erfüllt haben. Kishore Kumar singt mal weich und beinahe flüsternd, dann wieder mit voller Stimme. Das Saxofon klingt, als wolle es die beiden am Kamin noch ein wenig ermutigen.

Dabei geht es in dieser Szene um mehr als eine hübsche Frau und einen verliebten Mann. Vandana weiß, dass eine sexuelle Beziehung vor der Ehe gesellschaftliche Folgen haben kann. Sie zögert, weicht zurück, kommt wieder näher. Sie ist aber keineswegs nur das Objekt von Aruns Verlangen. Auch sie begehrt ihn. Und sie muss selbst entscheiden, ob sie diesem Verlangen nachgeben will.

Gerade darin liegt eine Besonderheit des Films. Eine Frau, die ihre eigene Sexualität wahrnimmt und darüber entscheidet, war im kommerziellen Hindi-Kino der späten 1960er-Jahre keine selbstverständliche Figur. Hier entscheidet kein Mann stellvertretend für Vandana.

Die Folgen der Begegnung sind für die weitere Handlung entscheidend. Vandana wird schwanger (upsi), doch Arun stirbt, bevor die beiden heiraten können. Plötzlich steht eine unverheiratete junge Frau mit einem Kind vor einer Gesellschaft, in der eine solche Schwangerschaft mit erheblicher Schande verbunden sein konnte.

Aradhana macht daraus keine einfache Geschichte über eine Frau, die für ihren Fehltritt büßen muss. Vandana ist die eigentliche Hauptfigur des Films. Ihre Liebe, ihre Mutterschaft und die Entscheidungen, die sie unter schwierigen Umständen trifft, bestimmen die Handlung. Bemerkenswert ist auch die Reaktion ihres Vaters, der die Schwangerschaft akzeptiert, statt seine Tochter zu verstoßen.

Der Film wurde ein mega Erfolg. Rajesh Khanna stieg zum Superstar auf, Kishore Kumar erlebte als Playback-Sänger einen neuen Höhepunkt seiner Karriere, und Roop Tera Mastana wurde zu einem der bekanntesten Lieder des Hindi-Kinos.

Heute, mehr als ein halbes Jahrhundert später, wirkt die Szene fast zurückhaltend. In indischen Filmen wird inzwischen selbstverständlich geküsst, und manche Musikvideos lassen an Deutlichkeit wenig zu wünschen übrig. Trotzdem besitzt das alte Lied einen Reiz, den viele aufwendiger inszenierte Liebesszenen nicht erreichen.

Weil die Kamera so wenig ausdrücklich zeigt, bleibt dem Zuschauer viel Raum für die eigene Fantasie. Jeder kann sich vorstellen, was nach dem Ende des Liedes geschieht.

Und vermutlich haben das 1969 auch ziemlich viele getan.

Das orangefarbene Badetuch jedenfalls hat indische Filmgeschichte geschrieben. Ganz ohne sich auszuziehen.

Nina Rao
Nina Rao
Nina studiert an der TU Dortmund und interessiert sich für den indischen Film. Gut gemachte Bollywoodfilme haben es ihr besonders angetan. Seit 2024 schreibt sie für theinder.net hauptsächlich Bollywood-Filmkritiken, die sie in deutschsprachigen Medien immer noch für unterrepräsentiert hält...

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