Was macht einen Ort zur Insel – seine Abgeschiedenheit oder unsere Erinnerung an ihn? Ausgehend von Graham Greenes „Under the Garden“ führt Anant Kumar zurück in das Motihari seiner Kindheit: zu geheimnisvollen Orten, Geistern, Straßenhändlern und einer Welt, die längst eine andere geworden ist. Ein Essay über Herkunft und Aufbruch, Kindheit und Erinnerung – und darüber, warum wir manche Inseln verlassen, ohne sie je ganz hinter uns zu lassen.

„Inseln sind Orte, entfernt vom Land. Sie liegen unbekannt von der Welt abgetrennt, abgeschirmt, abgeschottet. Und einer muss das Festland verlassen, um dieses neue, wenig Bekannte zu erschließen. Ja, man muss unterwegs sein … Und der Angekommene muss erkunden; zumal wenn er ankommt, weiß er in vielen Fällen nicht, ob der Ort eine Insel ist. Erst beim Erkunden und Erschließen erweist sich der abgelegene Ort als Insel. Sonst nicht.“ So etwas Ähnliches sagte der Fremde.
„Ja, es ist wichtig …“, fuhr er wiederholend fort, „ …dass man das Land erschließt, es erkundet. Und erst dabei feststellt, dass der Raum eine Insel ist. … Wüsste der Suchende schon von vornherein, dass es um eine Insel geht, würde sie keine Insel mehr bleiben … In jenem Fall ist sie längst Festland geworden.“ An dieser Stelle brachen wir beide gleichzeitig in Gelächter aus.
Es gibt eine Geschichte von Graham Greene, in der sich die Handlung um eine winzig kleine Hausinsel und um deren Geheimnisse dreht. In der Geschichte „Under the Garden“ wächst der Junge Winton auf einem Hof auf. Es gibt einen Haussee, und auf dem Haussee gibt es ein Inselchen. Dieser kleine, abgelegene Ort samt seinen Sträuchern und Pflanzen birgt in sich eine Menge Rätsel, die die Fantasien des Jungen von Tag zu Tag weiter beflügeln. Gerade abends, wenn es dämmert. Winton möchte auf die Insel und sie ausführlich erforschen. Ihre geheimen Schätze.
Eines Abends wird der Kleine richtig von seinem Entdeckungsdrang gepackt, er möchte die Geheimnisse des Haussees samt seiner Insel aufspüren. Beim Einbruch der Dämmerung versteckt sich Winton, während sein älterer Bruder ihn vergeblich sucht. Nur kurz, weil sich der gehorsame George vor der anbrechenden Dunkelheit fürchtet. Er zieht sich ins Haus zu Mom zurück. Der brave Junge.
Der jüngere Winton bleibt an jenem Abend lange weg. Er geht auf die Insel, auf seine Entdeckungsreise. Beim Erschließen des Unbekannten verschmelzen Raum, Größe und Bewusstseinsebenen. In der „realen“ Fantasie des Jungen dehnt sich der winzige geographische Raum zu einem unermessbaren geheimen Ort mit Riesenbäumen und Schluchten.
All dieses beschreibt und erzählt Winton als Erwachsener, als er erfährt, dass das Haus samt dem Garten und der Insel vom älteren Bruder verkauft wird. Beim Erinnern wundert er sich zutiefst über die wirkliche Größe des Inselchens im Haussee und über deren gewaltige Wirkung auf seine Kinderseele.
Der ältere George ist durch und durch ein Festlandjunge. Ein werdender Geschäftsmann, der dem „rationalen“ Leben nachgeht und ihm dann verhaftet bleibt. George heiratet, kriegt Kinder und hat ein Zuhause.
Winton bleibt dagegen eine Inselnatur. Einer, der immer wieder in den Zauber der irrationalen Geheimnisse gerät und ununterbrochen unterwegs ist, seine Mysterien zu entwirren. Berufe wechselnd und Orte verlassend, befindet er sich auch als Fünfzigjähriger auf der Suche.
Als ich Graham Greenes Geschichte „Under the Garden“ las, tanzte mir während der Lektüre die Stadt meiner Kindheit vor Augen.
Die ostindische Kleinstadt Motihari1 2 war damals klein, hübsch und voller Geheimnisse. Im Gegensatz zum heutigen überfüllten Ort, dessen halb asphaltierte Straßen voller Löcher vom Chaos aller erdenklichen primitiven und modernen Transportmittel zu zerplatzen drohen, von Pferde- und Ochsenwagen, Fahr- und Motorrädern, indischen und halbindischen Autos (Suzuki, Daihatsu, Ford, … ), Lastern und Bussen, Traktoren, Rikschas. Die Supermacht der Diversität Indien mit 1, 5 Milliarden Menschen, die sich wiederholt und funktionierend versöhnen müssen, stellt immer noch die Diskrepanzen der Welt, die in kleineren, autokratischen und etatistischen Ländern leichter zur Seite geschoben werden können, in Großformaten dar:-)
Zurück zur alten Zeit:
In den Ferien, als uns mein großer Bruder aus dem Internat besuchte, hörte man zwei liebkosende Kindernamen, deren Silben sich aufeinander reimten. Sobald jene Laute in vereinsamenden Abenden unsere Ohren erreichten, antworteten unsere Münder automatisch:
„Ja Papa, wir kommen“
Hierzu fällt mir eine kuriose, sehr amüsante Anekdote ein. Ein neuer Straßenhändler, dessen Stimme auffallend der von Papa ähnelte, begann in jener Zeit durch die Gassen unseres Wohnviertels zu kreuzen. Und immer wenn er den Namen seiner „Köstlichkeit aus Nüssen (Chole-Chole)“ laut rief, hörte ich meinen und den Namen meines Bruders in Papas Stimme. Prompt antwortete ich darauf wie ein Automat: „Ja, ich komme!“ Sofort wurde mir jedoch die Tatsache – auch nach meinem wiederholten Durchsuchen des Hauses – bewusst, dass weder Papa noch mein älterer Bruder am stillen Nachmittag da waren. Verwundert fragte sich meine Kinderseele, ob ich richtig gehört oder mir die Rufe bloß eingebildet hatte. Mein Kinderhirn rätselte. In den darauffolgenden Tagen hörte ich noch einige Male die merkwürdigen Rufe, auf die ich erst mechanisch antwortete. Dann wunderte ich mich. Es vergingen noch einige Tage, bis ich selbst der Sache nachging, und die Wirklichkeit peinlich lachend herausfand – einen Trödler!
Die Spielplätze meiner Kindheit waren die Straßen von Motihari. Damals war jenes ostindische Städtlein nicht überbevölkert, und die trockenen sauberen Straßen jedes Wohnviertels waren ideal für unsere Spiele: Marmorkügelchen, Kreiselräder, Badminton.
Und damals war Motihari von der großen Welt weit abgelegen. Es gab sehr viele Mango- und Litschibäume, duftende Zitronensträucher, breite große Felder, … , und sehr wenige Menschen. Es gab einzelne verfallene Hawelis3 und Bungalows, in denen beängstigende Bhuts, Jins und Tschuraels4 hausten.
Meine Kindheit auf jener Insel war gemächlich, verzaubert und hin und wieder verhext. Jeden Tag roch es immer wieder nach neuen unbekannten Ecken voller Rätsel, deren Geheimnisse mich von Neuem in ihren Bann zogen.
Die verhexten Abende in Motihari wiederholten sich und ähnelten sich, und zugleich waren sie fern von jedweder Langeweile.
Und ich verließ Motihari, und ich lebe heute auf dem Festland. Ja, wir verlassen Inseln. Vielleicht ungern, aber dafür nicht selten. Und manche von uns ununterbrochen reisen, vom Land auf die Insel und von der Insel aufs Land. Ach, wie selig, jene Hirten.
Fußnoten
1 George Orwell, Autor und britischer Kolonialbeamte, erblickte die Welt in dieser ostindischen Stadt (Bundesland Bihar), und Mahatma Gandhi startete 1917 Satyagrah, den gewaltlosen Widerstand.
2 Wortwörtlich übersetzt würde „Motihari“ heißen: Ort, der seine Perlen verlor.
3 Reichlich verzierte traditionelle Kaufhäuser in der Wüste von Rajasthan.
4 Bhuts, Jins und Tschuraels: Verschiedene weibliche und männliche Geisterformen.

Anm. d. Red.: Anant Kumar lebt seit 1991 in Deutschland und zählt zu den profilierten deutschsprachigen Autoren indischer Herkunft. Er schrieb bereits zahlreiche Stücke für theinder.net, ist aber seit Oktober 2026 mit einer eigenen Kolumnensparte für theinder.net tätig (Pressemitteilung).

