Deutschland und Indien stehen vor einem der größten Rüstungsgeschäfte ihrer bilateralen Beziehungen. Sechs konventionelle U-Boote sollen gemeinsam von TKMS und Mazagon Dock Shipbuilders gebaut werden – mit Technologietransfer und Fertigung in Indien. Was wie ein neues Kapitel der Beziehungen erscheint, hat eine längere Vorgeschichte. Bereits Anfang der achtziger Jahre wurden deutsche U-Boote in Kiel und Bombay gebaut. Auch andere Marineprojekte folgten später dem Prinzip: deutscher Entwurf, indische Fertigung.

Deutschland hat seine internen Verfahren für das indische U-Boot-Programm Project 75(I), kurz P-75I, abgeschlossen. Der deutsche Botschafter in Neu-Delhi, Jasper Wieck, erklärte am 23. September, die Dokumente seien auf deutscher Seite finalisiert. Nun müssten die noch ausstehenden indischen Verfahren abgeschlossen werden. [1]
Geplant sind sechs moderne konventionelle U-Boote mit außenluftunabhängigem Antrieb. Partner sind die staatliche indische Werft Mazagon Dock Shipbuilders Limited (MDL) in Mumbai und der Kieler Marineschiffbauer TKMS. Aktuelle Schätzungen zum Vertragswert bewegen sich im Milliardenbereich; eine endgültige Vertragssumme ist noch nicht bekannt. [1]
Hinter dem Namen TKMS steht auch eine lange Kieler U-Boot-Tradition. Die frühere Howaldtswerke-Deutsche Werft (HDW) wurde Teil von thyssenkrupp Marine Systems; seit 2025 tritt das Unternehmen unter dem Namen TKMS auf. Für Indien ist diese Unternehmensgeschichte von besonderem Interesse: HDW und Mazagon Dock arbeiteten bereits vor mehr als vierzig Jahren beim Bau von U-Booten zusammen.
Gebaut werden soll in Mumbai
P-75I ist nicht als Lieferung von sechs fertig gebauten deutschen U-Booten angelegt. TKMS spricht selbst von sechs in Deutschland entwickelten Booten, die gemeinsam mit Mazagon Dock in Indien gebaut werden sollen. [2]
Das entspricht den Vorgaben des indischen Verteidigungsministeriums. Dessen Ausschreibung von 2021 verlangt sechs konventionelle U-Boote mit brennstoffzellenbasiertem Air Independent Propulsion System (AIP), modernen Waffen, Sensoren und Gegenmaßnahmen. [3]
Der außenluftunabhängige Antrieb ermöglicht konventionellen U-Booten längere Tauchzeiten, ohne zum Betrieb ihrer Dieselmotoren regelmäßig Luft aufnehmen zu müssen.
Mindestens ebenso wichtig ist der industrielle Teil des Projekts. Das indische Verteidigungsministerium verlangt Technologietransfer für Konstruktion, Herstellung und Wartung, einen hohen Anteil heimischer Fertigung sowie entsprechende Produktionslinien in Indien. Als langfristiges Ziel nennt es ausdrücklich, Indien zu einem internationalen Zentrum für U-Boot-Entwicklung und -Produktion zu machen. [3]
Damit geht es bei P-75I nicht allein um sechs neue Schiffe, sondern auch um den Ausbau einer eigenen U-Boot-Industrie.
Warum wieder Deutschland?
Die Vorgeschichte führt in das Jahr 1981. Während Indira Gandhi in Indien und Helmut Schmidt in der Bundesrepublik regierten, vereinbarte Indien die Beschaffung von U-Booten des deutschen Typs 209/1500. Deutscher Partner war die Howaldtswerke-Deutsche Werft (HDW) in Kiel, auf indischer Seite stand die damalige Mazagon Dock Limited in Bombay, heute Mumbai.
Die ersten beiden Boote der späteren Shishumar-Klasse wurden bei HDW in Kiel gebaut. Zwei weitere entstanden anschließend bei Mazagon Dock in Indien.
Welche Bedeutung diese Zusammenarbeit für Indien hatte, lässt sich einer späteren Mitteilung des indischen Verteidigungsministeriums entnehmen. Als Neu-Delhi 2005 den Bau französischer Scorpène-U-Boote vereinbarte, erinnerte das Ministerium ausdrücklich daran, dass zuvor zwei U-Boote deutschen Designs bei Mazagon Dock gebaut worden waren. Indien habe damit seine Fähigkeit zum Bau technisch anspruchsvoller U-Boote unter Beweis gestellt. [4]
In derselben Mitteilung findet sich ein weiterer Hinweis: Viele der beim damaligen Programm erworbenen Fähigkeiten und technischen Kenntnisse seien während der anschließenden rund 15-jährigen Unterbrechung wieder verloren gegangen, stellte das Verteidigungsministerium fest. [4]
Das ist für das heutige Programm aufschlussreich. Indien hat mit deutscher U-Boot-Technologie bereits einmal eigene Fertigungskapazitäten aufgebaut. Die aktuelle Ausschreibung geht einen Schritt weiter und verlangt ausdrücklich ein industrielles Ökosystem, das auch für spätere Projekte genutzt werden kann. [3]
P-75I führt damit zwei Werftstandorte erneut zusammen, die sich aus dem indischen U-Boot-Bau bereits kennen: Kiel und Mumbai.
Bremer Vulkan und die Aditya
Die maritime Zusammenarbeit beschränkte sich nicht auf U-Boote.
Im Juli 1987, während Rajiv Gandhi in Indien und Helmut Kohl in der Bundesrepublik regierten, wurde der spätere Flottenversorger INS Aditya bestellt. Gebaut wurde das Schiff bei Garden Reach Shipbuilders & Engineers (GRSE) in Kalkutta.
Die Aditya basierte auf einem modifizierten Entwurf des Bremer Vulkan in Bremen-Vegesack und knüpfte an die ältere Deepak-Klasse an. Bharat Rakshak beschreibt das Schiff als modifizierten Bremer-Vulkan-Entwurf der Deepak-Klasse und nennt Juli 1987 als Zeitpunkt der Bestellung. Am 3. April 2000 wurde die Aditya in Dienst gestellt. [5]
Auch die Antriebsanlage verweist auf die Verbindung beider Schiffbauindustrien: Die MAN-B&W-Dieselmotoren wurden nach Angaben von Bharat Rakshak bei GRSE in Indien montiert. [5]
Das Projekt unterschied sich technisch und wirtschaftlich vom U-Boot-Programm. Gemeinsam war beiden jedoch die Verbindung eines deutschen Entwurfs mit dem Bau auf einer indischen Werft.
Eine durchgehende deutsch-indische Rüstungskooperation entstand daraus nicht. Indien arbeitete in den folgenden Jahrzehnten mit unterschiedlichen internationalen Partnern zusammen. Im Marineschiffbau gab es jedoch bereits lange vor der heutigen „Make in India“-Politik Projekte, bei denen deutsche Konstruktion und Technologie mit indischer Fertigung verbunden wurden.

Vom Käufer zum Industriepartner
2006 erhielt dieser Ansatz eine politische Formulierung.
Die Verteidigungsminister Pranab Mukherjee und Franz Josef Jung unterzeichneten in Berlin ein Abkommen über die deutsch-indische Verteidigungskooperation. Die offizielle Mitteilung des indischen Verteidigungsministeriums trug die bemerkenswerte Überschrift: „Indo-German relationship to graduate from buyer-seller to partnerships.“
Mukherjee erklärte darin, die Beziehungen sollten sich vom klassischen Käufer-Verkäufer-Verhältnis zu Koproduktion, gemeinsamer Produktentwicklung und Technologietransfer entwickeln. [6]
Damit wurde ein Prinzip, das bei einzelnen Schiffbauprojekten bereits praktisch erprobt worden war, ausdrücklich zum politischen Ziel.
2019 wurde auch der Marineschiffbau genannt. In der gemeinsamen Erklärung der Regierungen von Angela Merkel und Narendra Modi sagte Deutschland zu, im Rahmen der geltenden Regeln die Ausfuhr militärischer Ausrüstung und den Technologietransfer nach Indien zu erleichtern. Beide Regierungen sprachen sich für gemeinsame Entwicklung und Produktion aus. Bei den maritimen Projekten wurden U-Boote ausdrücklich als Beispiel genannt. [7]
Im April 2026 unterzeichneten die Verteidigungsminister Rajnath Singh und Boris Pistorius schließlich eine Defence Industrial Cooperation Roadmap. Nach Angaben des indischen Verteidigungsministeriums standen dabei gemeinsame Entwicklung und Produktion von Rüstungsgütern, insbesondere bei Schlüsseltechnologien, im Mittelpunkt. [8]
P-75I steht somit nicht am Anfang dieser Entwicklung. Es wäre ihr bislang größtes Einzelprojekt.
Das sicherheitspolitische Umfeld
Auch das U-Boot-Programm selbst hat eine lange Vorgeschichte. Die offizielle Ausschreibung für P-75I wurde 2021 veröffentlicht, die indischen Planungen reichen noch weiter zurück. Das Projekt dient unter anderem der Modernisierung der konventionellen U-Boot-Flotte. [3]
Gleichzeitig verändert sich das maritime Umfeld Indiens. Pakistan baut mit chinesischer Unterstützung acht neue U-Boote der Hangor-Klasse. Ein Teil der Boote wird in China gebaut, ein weiterer bei Karachi Shipyard & Engineering Works in Pakistan. Auch dieses Programm verbindet ausländische U-Boot-Technologie mit Fertigung im Partnerland.
P-75I ist deshalb nicht als kurzfristige Reaktion auf das chinesisch-pakistanische Programm zu verstehen. Die parallele Entwicklung zeigt jedoch, welche Bedeutung moderne konventionelle U-Boote und eigene Produktionskapazitäten in der Region gewonnen haben.
Deutschland und Indien haben unterdessen ihre sicherheitspolitischen Beziehungen ausgebaut. Schon die gemeinsame Regierungserklärung von 2019 verband eine engere Zusammenarbeit der Verteidigungsindustrien mit dem gemeinsamen Interesse an Stabilität im Indischen Ozean. [7] Die 2026 vereinbarte Defence Industrial Cooperation Roadmap führt diese Linie fort. [8]
Technologietransfer mit Vorgeschichte
Für Indien wird deshalb nicht allein die Zahl der neuen U-Boote von Bedeutung sein, sondern auch, welche industriellen Fähigkeiten mit dem Programm entstehen.
Diese Erwartung ist keine Interpretation von außen. Das indische Verteidigungsministerium hat sie selbst in die Ausschreibung geschrieben: Technologietransfer bei Konstruktion, Herstellung und Wartung, Aufbau eigener Produktionslinien und schrittweise Entwicklung der Fähigkeit, komplexe Waffensysteme selbst zu konstruieren und herzustellen. [3]
Auch der historische Bezug stammt aus einer indischen Primärquelle. 2005 hielt dasselbe Ministerium fest, dass ein Teil des beim Bau der deutschen Type-209-U-Boote erworbenen Wissens während der anschließenden Produktionspause verloren gegangen war. [4]
Zwischen beiden Dokumenten liegen 16 Jahre. Zusammengenommen zeigen sie, weshalb bei P-75I neben dem eigentlichen U-Boot auch die industrielle Kontinuität eine so große Rolle spielt.
Eine Verbindung über vier Jahrzehnte
Der aktuelle Milliardenauftrag hat damit eine Vorgeschichte, die weiter zurückreicht als die jüngere sicherheitspolitische Annäherung zwischen Berlin und Neu-Delhi.
Anfang der achtziger Jahre arbeiteten HDW in Kiel und Mazagon Dock in Bombay beim Bau der Shishumar-Klasse zusammen. 1987 wurde die Aditya auf Grundlage eines Entwurfs des Bremer Vulkan in Bremen-Vegesack bestellt und anschließend bei GRSE in Kalkutta gebaut. 2006 erklärten beide Länder den Übergang vom Käufer-Verkäufer-Verhältnis zu Koproduktion, gemeinsamer Entwicklung und Technologietransfer zum politischen Ziel. 2019 wurden U-Boote ausdrücklich als mögliches Feld gemeinsamer maritimer Industrieprojekte genannt. 2026 folgte die Defence Industrial Cooperation Roadmap. [5][6][7][8]
Heute stehen mit TKMS und Mazagon Dock erneut Kiel und Mumbai im Mittelpunkt eines gemeinsamen U-Boot-Projekts.
Dazwischen liegen mehr als vier Jahrzehnte, wechselnde Regierungen und lange Unterbrechungen. Von einer durchgehenden deutsch-indischen Rüstungspartnerschaft kann deshalb kaum gesprochen werden.
Eine historische Verbindung im Marineschiffbau ist jedoch vorhanden. P-75I würde sie in einem Umfang fortsetzen, den keines der früheren gemeinsamen Projekte erreicht hat.
Quellen
[1] Jayanth Jacob: „India-Germany submarine deal finalised on German side, awaits Indian processes: Ambassador Wieck“, The New Indian Express, 23.09.2026
[2] „Milestone in Indian submarine program: TKMS enters contract negotiations with Mazagon Dock Shipbuilders (MDL) for P75(I) program“, TKMS, 11.09.2025
[3] „MoD issues RFP for construction of six P-75(I) submarines for Indian Navy“, Press Information Bureau / Ministry of Defence, Government of India, 20.07.2021
[4] „Contracts signed for construction of six Scorpene submarines“, Press Information Bureau / Ministry of Defence, Government of India, 06.10.2005
[5] „Aditya Class – Indian Navy“, Bharat Rakshak, abgerufen am 25.09.2026
[6] „India and Germany sign landmark agreement on defence cooperation – Indo-German relationship to graduate from buyer-seller to partnerships“, Press Information Bureau / Ministry of Defence, Government of India, 07.09.2006
[7] „Joint Statement during the visit of Chancellor of Germany to India“, Press Information Bureau / Prime Minister’s Office, Government of India, 01.11.2019
[8] „Raksha Mantri & his German counterpart hold bilateral talks in Berlin to bolster strategic defence partnership“, Press Information Bureau / Ministry of Defence, Government of India, 22.04.2026

