Die Sprache der Sehnsucht

Zwischen Bergedichtung, Erwartungsdruck und bedingungsloser Mutterliebe: Robin Leo Hoffmann porträtiert den indischen Musiker Anshuman und blickt dabei ehrlich auf den eigenen Kulturschock und die Suche nach Bindung.

Nachdenkliche Momente in Bir: Podcast-Host Robin Leo Hoffmann (links) entlockt Anshuman ehrliche Einblicke über Freiheit, Musik und familiäre Wurzeln. (Foto: Screenshot / Still Human)

Auf dem Rückweg revanchiert sich mein Künstlerfreund. Zwei Stunden habe ich ihn interviewt, bei ihm zuhause, habe ihm tiefe, ehrliche Fragen gestellt, wir haben über verletzliche Themen gesprochen.

„Das mache ich auch. Glaubst du, wir kommen da jemals raus?“ Ich kaue an meinen Nägeln. Bevor ich ja sagen kann, sagt er nein. Er hat es auch. Dann fragt er mich, was meine Komfortzone ist. Ich denke lange nach. Chaos. Das Chaos der Kreativität. Die Freiheit, die in der Anonymität einer Stadt wie Berlin entsteht. Die Freiheit beim Reisen. Meine Komfortzone ist allein sein.

Indien ist ein Land, das man nur erleben, nur erfahren kann. Es ist der Wilde Osten. Gangs, Clans und Korruption sind die Themen der letzten Abende. 1.600 gesprochene Sprachen und darüber der Versuch, ein Land mit rund 1,45 Milliarden Menschen zu vereinen. Ein Land mit einer Vielfalt, die für einen ganzen Planeten reichen würde.

In Bir fragt jeder Inder den anderen nach Herkunft, Beruf und Alter. Einerseits, um sich zu verbinden und die eigenen Chancen zu verbessern, andererseits, weil es für Inder selbst absurd überfordernd sein muss, ständig Tourist im eigenen Land zu sein. Wer in einem so großen Land lebt, muss auf andere zwischenmenschliche Ressourcen zurückgreifen.

Ein Freund von Anshuman sagte im Café, als wir uns kennenlernten, dass „Künstler meist ein reines Herz haben.“

Die Sprache der Kunst ist universell, die Sprache der Sehnsucht auch. Kunst will nichts. Wie die Liebe ist die Kunst frei. Sie will niemanden bekehren, überzeugen, belehren. Die Kunst lädt ein, die Kunst lädt auf, die Kunst liebt.

Anshuman lädt mich zu sich nach Hause in sein Elternhaus ein. Seine Eltern sind begeistert, mich kennenzulernen. Obwohl ich eine liebevolle, unterstützende und wohlwollende Art erlebe und er für indische Verhältnisse eine große Freiheit besitzt, ist die Präsenz der Familie spürbar. Zweimal unterbricht die Mutter das Gespräch subtil – sie bringt uns neue Drinks und Snacks oder bereitet im Hintergrund das Abendessen vor. Es ist nicht störend, es ist einfach da. Als ich ihn frage, ob er jemals wirklich allein sein kann, antwortet er grinsend, dass seine Eltern am Wochenende für ein paar Tage weg sind: Dann kann er alleine sein.

Im Gespräch selbst thematisiert er den inneren Konflikt zwischen eigenen Träumen und familiärer Verpflichtung. Mehrfach hatte er den Impuls, das Studium oder den Job abzubrechen. In Verzweiflung hat er sich durch sein Ingenieursstudium durchgeboxt, ständig hin- und hergerissen zwischen seinem Gefühl und dem Wunsch, die Erwartungen zu erfüllen. An einem Tag war er fest entschlossen, seinen Vater anzurufen und ihm zu sagen, dass er diesen Weg nicht mehr weitergehen möchte. Genau in dieser Sekunde rief der Vater von sich aus an, erkundigte sich herzlich, wie es ihm gehe und ob er etwas brauche. Diese bedingungslose Liebe bewegte ihn dazu, die Entscheidung um ein paar Jahre zu verzögern und seinen Eltern zuliebe erst einmal etwas „Ordentliches“ zu lernen.

„Wie weit würdest du für deine Kunst gehen? Hast du schon etwas dafür geopfert?“ „Meinen Job.“ „Hast du ihn geliebt?“ „Nö.“ „Dann ist es kein Opfer. Ein Opfer ist es nur, wenn es wehtut.“

Er versucht gar nicht erst, groß zu posen. Er gibt sich dem Gespräch hin, offen und warm, und steht zu seinen Fehlern. „Ich bin ein ganz normaler Mensch. Ich hab meine Macken. Ich lüg auch mal, ich bau auch Mist. Ich steh dazu.“ Ingenieur wollte er nie werden. Er wusste, dass das Singen seine Leidenschaft ist, hatte aber zunächst Angst, es seinen Eltern zu gestehen.

Auf die Frage, woher er seine künstlerische und sensible Veranlagung hat, antwortet er ohne Zögern: „Meine Mutter.“ Sie war es, die ihm das Singen nähergebracht hat. Während der Corona-Zeit nahm er mit ihr kurze Cover-Videos auf, von denen einige viral gingen. In vielen indischen Familien wird vor allem beste Ausbildung und Karriere erwartet – Eltern schaffen die Voraussetzungen, das Kind muss abliefern. Nicht so bei Anshuman. Er durfte sich entfalten, auch wenn der Weg holprig war. Als plötzlich erste Erfolge kamen – über eine Million Aufrufe für seinen ersten Song, Angebote aus Mumbai, Einladungen nach Delhi –, war er von der Welle der Aufmerksamkeit schlicht überwältigt. Er stammt aus einem kleinen Dorf in Himachal Pradesh und hätte sich nie erträumt, einmal durch Musik auf großen Bühnen zu stehen. An dem Abend, an dem er seine eigene Stimme fand, war er so glücklich, dass er weinte.

Seine Stimme hat er gefunden. Und sich selbst? „Noch nicht.“ Was ihn am meisten ablenkt, ist ausgerechnet seine Komfortzone. Seine Freiheit.

Wenn ich ihn frage, welche Rolle Liebe für ihn spielt, fällt es ihm schwer, Worte zu finden. Über Liebe kann er kaum sprechen, also schreibt und singt er darüber. Musik ist seine wahre Sprache.

Wieso schreiben Kulturen aus aller Welt über das Mythische? Wieso gibt es überall auf der Welt Rituale, die sich darum drehen, wie wir mit dem Übernatürlichen in Verbindung treten oder erkennen, dass wir es sind? Ich glaube, darin besteht eigentlich unsere größte Angst: anzuerkennen, dass wir übernatürlich sind, dass wir göttlich sind. Das ist doch absurd, denn wenn wir es anerkennen, was passiert dann? Nichts Schlimmes. Im Gegenteil. Alles öffnet sich.

Ich frage mich, ob ich gerade Liebe leben kann. Wir sind von Grund auf so in Individualität eingeschweißt, dass ich mich nicht traue, mich zu committen, dass ich fast schon Angst habe, mich auf eine Frau einzulassen, meine Freiheit aufzugeben, Kompromisse einzugehen.

Oder stimmt das alles nicht?

🎧 Podcast-Tipp: Das vollständige Gespräch mit Anshuman könnt ihr in der aktuellen Folge des Podcasts Still Human auf YouTube hören.

Robin Leo Hoffmann
Robin Leo Hoffmann
Robin Leo Hoffmann ist Schauspieler und Filmemacher aus Berlin. Für seinen Podcast Still Human reist er durch die Welt und interviewt Menschen verschiedenster Herkunft, um zu schauen, was uns vereint, wie wir voneinander lernen können und wie wir in diesen sich schnell ändernden Zeiten menschlich bleiben.

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