StartZeitgeschehenInternationale BeziehungenMinister Goyal in Berlin: Was folgt aus der deutsch-indischen Annäherung?

Minister Goyal in Berlin: Was folgt aus der deutsch-indischen Annäherung?

Indiens Handelsminister Piyush Goyal warb in Berlin für engere Wirtschaftsbeziehungen mit Deutschland. Hochrangige Gespräche und die Eröffnung eines neuen Indienzentrums unterstreichen das gegenseitige Interesse. Doch was wurde konkret erreicht, und welche Perspektiven eröffnet der Besuch?

Bundesministerin Reiche und Unionsminister Goyal bei der feierlichen Eröffnung des Indien-Zentrums der DGAP in Berlin, Foto: (c) Bundesministerium für Wirtschaft und Energie

Berlin. Indiens Handels- und Industrieminister Piyush Goyal hat am 22. und 23. Oktober in Berlin für engere Wirtschaftsbeziehungen geworben. Er traf Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche, Vertreter des Bundeskanzleramts und Führungskräfte deutscher Unternehmen. Gemeinsam mit Reiche eröffnete er das Indienzentrum der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP). Begleitet wurde er von einer Delegation aus rund 100 indischen Unternehmen und Start-ups, die anschließend auch in die Niederlande reiste.

Bei der Eröffnung sprach Reiche eine Schwäche der bilateralen Beziehungen an: Deutschland ist zwar Indiens größter Handelspartner innerhalb der Europäischen Union, Indien zählt jedoch nicht zu den zwanzig wichtigsten deutschen Handelspartnern. Der Warenhandel belief sich 2025 nach ihren Angaben auf rund 31 Milliarden Euro.

„Wir haben noch viel ungenutztes Potenzial“, sagte Reiche. Sie halte es für möglich, den Handel mindestens zu verdoppeln. Goyal setzte die Erwartungen noch höher an: Er brachte eine Verzehnfachung auf rund 310 Milliarden Euro ins Gespräch, allerdings ohne Zieljahr. Konkrete Pläne dafür sollten die Unternehmen entwickeln.

Die Zahlen machen deutlich, wie weit die wirtschaftlichen Beziehungen bislang hinter den politischen Erwartungen zurückbleiben. Dabei stellt sich auch die Frage, welche Unternehmen von einer engeren Zusammenarbeit profitieren könnten.

Industrie und Forschung im Mittelpunkt

Goyal sprach mit Führungskräften von Siemens Healthineers, Bayer und Fresenius über Kooperationen im Gesundheitswesen, in der Medizintechnik und der Pharmaindustrie. Weitere Treffen mit Vertretern von Volkswagen und Škoda, Bertelsmann sowie Knauf betrafen Investitionen, Technologie und industrielle Fertigung.

Auch die Forschung spielte eine Rolle. Mit Vertretern ausgewählter Fraunhofer-Institute erörterte Goyal eine Zusammenarbeit bei Mikroelektronik, Leistungselektronik, Batterietechnologien, Logistik und intelligenten Produktionsverfahren. Die Marschroute ist klar: Indien will seine industriellen Kapazitäten ausbauen und sucht dafür unter anderem deutsche Forschungspartner.

Goyal warb dafür, die Stärken beider Volkswirtschaften zu verbinden: deutsche Präzisionstechnik und Qualitätsstandards mit indischen Fertigungskapazitäten, digitalen Kompetenzen und Fachkräften. Produkte sollten künftig nicht nur in Deutschland oder Indien hergestellt, sondern gemeinsam für internationale Märkte entwickelt werden.

Reiche sprach außerdem von einem deutsch-indischen Wirtschaftsforum, das Unternehmen zusammenbringen und Investitionen fördern soll. Offen blieb, wie sich ein solches Format von bestehenden Gesprächsrunden unterscheiden würde. Bereits die Eröffnung des Indienzentrums war in ein vom Asien-Pazifik-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft mitorganisiertes Wirtschaftsforum eingebettet. Eine engere Zusammenarbeit bei Halbleitern und kritischen Rohstoffen war zudem beim Indienbesuch von Bundeskanzler Friedrich Merz im Januar vereinbart worden.

Neue Investitionssummen, verbindliche Forschungsprojekte oder Vertragsabschlüsse wurden nach den Berliner Gesprächen nicht bekanntgegeben. Die Treffen mit großen Konzernen und Forschungseinrichtungen lassen zunächst erkennen, auf welchen Gebieten beide Regierungen ihre Zusammenarbeit ausbauen wollen.

Was das Freihandelsabkommen für Unternehmen bedeutet

Für deutsche Unternehmen ist Indien ein wachsender Absatzmarkt, zugleich aber ein anspruchsvolles Geschäftsumfeld. Hohe Einfuhrzölle, Verwaltungsaufwand und unterschiedliche technische Anforderungen haben den Marktzugang bislang erschwert. Gerade kleinere und mittlere Unternehmen verfügen häufig nicht über dieselben Ressourcen wie internationale Konzerne, um solche Hindernisse zu bewältigen.

Hier könnte das im Januar ausgehandelte Freihandelsabkommen zwischen Indien und der EU Veränderungen bringen. Nach Angaben der Europäischen Kommission sollen die Zollsenkungen europäischen Exporteuren jährlich rund vier Milliarden Euro ersparen. Begünstigt wären unter anderem Hersteller von Maschinen, Fahrzeugen und industriellen Erzeugnissen.

Allerdings bedeutet ein Freihandelsabkommen nicht, dass sämtliche Handelshemmnisse verschwinden. Unternehmen müssen weiterhin Produktvorschriften erfüllen und den Ursprung ihrer Waren nachweisen, um Zollvergünstigungen beanspruchen zu können. Für kleinere Exporteure kann auch dies mit erheblichem Aufwand verbunden sein.

Goyal zeigte sich in Berlin zuversichtlich, dass das Abkommen innerhalb von vier bis fünf Monaten in Kraft treten könnte. Unternehmen sollten deshalb bereits jetzt Geschäftspartner suchen, Preise und Qualitätsanforderungen abstimmen und Lieferbeziehungen vorbereiten.

„Jetzt ist die Zeit, in der Partnerschaften geschmiedet werden müssen“, sagte Goyal. Wer erst nach Inkrafttreten des Abkommens beginne, werde Chancen verpassen.

Sein Zeitplan bleibt eine politische Erwartung. Die Europäische Kommission hat dem Rat im September 2026 die Unterzeichnung des Abkommens vorgeschlagen. Erforderlich sind unter anderem noch die entsprechenden Ratsbeschlüsse, die Unterzeichnung, die Zustimmung des Europäischen Parlaments und die Ratifizierung durch Indien.

Für Indien steht ebenfalls viel auf dem Spiel. Die Regierung von Premierminister Narendra Modi will die industrielle Wertschöpfung erhöhen und indischen Unternehmen den Zugang zum europäischen Markt erleichtern. Dafür müssen die Betriebe jedoch internationale Qualitäts- und Lieferstandards erfüllen. Das gilt besonders für kleinere indische Hersteller, die sich als Zulieferer deutscher Unternehmen etablieren wollen.

Ob das Abkommen auch dem Mittelstand auf beiden Seiten neue Geschäfte ermöglicht, wird daher wesentlich davon abhängen, wie einfach die vereinbarten Regeln in der Praxis anzuwenden sind.

Partner mit unterschiedlichen Interessen

Die wirtschaftliche Annäherung bedeutet keine außenpolitische Gleichrichtung. Indien verfolgt eine Politik strategischer Eigenständigkeit und pflegt Beziehungen zu den USA, Russland, China und Europa. Deutschland wiederum sucht zusätzliche Wirtschaftspartner, auch um internationale Lieferketten breiter aufzustellen.

Wie unterschiedlich die Positionen bleiben, zeigte sich beim Berlin Global Dialogue. Dort kritisierte Goyal den europäischen CO₂-Grenzausgleich CBAM. Er verwies auf die historische Verantwortung der Industriestaaten für den Klimawandel und warnte vor zusätzlichen Belastungen für Entwicklungsländer.

Die EU will mit dem Grenzausgleich verhindern, dass Unternehmen wegen strenger europäischer Klimaschutzvorgaben Wettbewerbsnachteile erleiden oder Produktion in Länder mit niedrigeren Klimastandards verlagert wird. Für Indien bleibt die Regelung ein handelspolitischer Streitpunkt.

Bei der Eröffnung des Indienzentrums schlug Goyal einen versöhnlicheren Ton an. Wirtschaftliche Sicherheit und offene Märkte müssten miteinander vereinbar bleiben; auch bei Energiewende und neuen Technologien seien gemeinsame Lösungen gefragt.

„Vertrauen ist heute die härteste Währung im Handel“, erklärte er. Dass dieses Vertrauen nicht mit Übereinstimmung in allen politischen Fragen gleichzusetzen ist, wurde während seines Berlin-Besuchs ebenfalls deutlich.

Ein neues Indienzentrum in Berlin

Mit dem neuen Indienzentrum der DGAP erhält die deutsche Beschäftigung mit Indien einen weiteren institutionellen Anlaufpunkt. Unter Leitung von Leo Wigger soll es politische und wirtschaftliche Entwicklungen analysieren und den Austausch zwischen Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft fördern.

Die stellvertretende DGAP-Direktorin Kira Vinke beschrieb das Zentrum als Ort, an dem deutsche und indische Perspektiven zusammengebracht und Ideen geprüft werden sollen. Zugleich betonte sie den Anspruch der DGAP auf einen offenen, auch kritischen außenpolitischen Diskurs.

Goyal formulierte eigene Erwartungen: Das Zentrum solle indischen Stimmen in Berlin eine Plattform bieten und indischen Akteuren helfen, Deutschland und Europa besser zu verstehen. Auch bei der Entwicklung langfristiger wirtschaftlicher Perspektiven könne es eine Rolle spielen.

Die DGAP versteht sich als unabhängiger außenpolitischer Thinktank. Gerade deshalb wird interessant sein, wie das Zentrum mit Themen umgeht, bei denen deutsche und indische Positionen auseinandergehen. Dazu gehören neben Handel und Klimapolitik auch sicherheitspolitische Fragen und Indiens Beziehungen zu anderen Großmächten.

Was bleibt vom Besuch?

Goyal kehrt mit einer Reihe hochrangiger Kontakte und weitreichenden wirtschaftlichen Erwartungen nach Indien zurück. Deutschland hat sein Interesse an indischen Investitionen und einer stärkeren Zusammenarbeit in Industrie und Forschung bekräftigt. Neue Großinvestitionen oder verbindliche Forschungsvereinbarungen wurden in Berlin allerdings nicht verkündet.

Auffällig ist, dass die Gespräche vor allem mit großen Unternehmen und etablierten Forschungseinrichtungen geführt wurden. Das ist bei einem Ministerbesuch wenig überraschend. Ob die politische Annäherung auch für mittelständische Unternehmen neue Geschäftsmöglichkeiten schafft, ist damit noch nicht beantwortet.

Entscheidend wird nun sein, wann das Freihandelsabkommen tatsächlich in Kraft tritt und wie stark Unternehmen davon profitieren. Ob sich der Handel zwischen Deutschland und Indien verdoppeln oder gar verzehnfachen lässt, bleibt offen.

Quellen

Bijon Chatterji
Bijon Chatterji
Dr. Bijon Chatterji ist Mitbegründer und Chefredakteur von theinder.net. Nach Studium, Promotion und Forschung in Braunschweig und Hannover wechselte er in die Biotechnologiebranche, wo er seit über einem Jahrzehnt internationale strategische Führungsaufgaben mit Schwerpunkt Indien wahrnimmt. Von 2012 bis 2016 gehörte er der Auswahlkommission des Programms „Deutsch-Indisches Klassenzimmer“ der Robert Bosch Stiftung und des Goethe-Instituts Neu-Delhi an. Seit 2018 ist er Mitorganisator des „Hanseatic India Colloquium“ in Hamburg, referierte unter anderem am IIT Bombay und nimmt seit 2023 auf Einladung der Bundesintegrationsbeauftragten an Dialoggesprächen im Bundeskanzleramt teil. Seit 2026 ist er Mitglied des Indo-German Media Network.

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