StartHintergrundThemenschwerpunkteWie Indien auf Deutschlands politische Lage blickt

Wie Indien auf Deutschlands politische Lage blickt

Drei Wahlen innerhalb von zwei Wochen haben die politischen Kräfteverhältnisse in Deutschland verschoben. Auch indische Medien verfolgen den Aufstieg der AfD aufmerksam – allerdings mit teilweise anderen Fragen als deutsche Beobachter. Der Blick von außen zeigt nicht nur etwas über die AfD, sondern auch darüber, wie Deutschland inzwischen wahrgenommen wird. Eine Analyse.

Deutschland im Blick indischer Medien: Die Illustration zeigt den politischen Wandel der Bundesrepublik aus einer Perspektive von außen. Illustration: KI-generiert / theinder.net

Deutschland ist in indischen Medien selten Gegenstand ausführlicher innenpolitischer Berichterstattung. Man berichtet über die Bundesregierung, die Wirtschaft, deutsche Unternehmen in Indien oder die Beziehungen zwischen Berlin und Neu-Delhi – in Deutschland ist das übrigens nicht anders. Anders ist dieser September.

Am 6. September erhielt die AfD in Sachsen-Anhalt 43,8 Prozent der Stimmen. Die CDU, die das Land seit 2002 regiert hatte, kam auf 17,2 Prozent. Die AfD verfehlte damit zwar die absolute Mehrheit, erzielte aber ihr bislang stärkstes Ergebnis bei einer Landtagswahl. Der Landesverband wird vom Verfassungsschutz Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextremistisch eingestuft.

Zwei Wochen später wurde die AfD in Mecklenburg-Vorpommern erstmals stärkste Kraft bei einer Landtagswahl. Nach den Hochrechnungen am Wahlabend erreichte sie rund 38 Prozent; 2021 waren es 16,7 Prozent gewesen. Berlin lieferte am selben Tag ein anderes Bild: Dort gewann die Linke mit rund 26 Prozent erstmals die Wahl zum Abgeordnetenhaus. Auch die AfD legte jedoch deutlich zu, von 9,1 Prozent bei der Wiederholungswahl 2023 auf rund 16 Prozent.

Die drei Wahlen zeichnen kein einheitliches politisches Bild, zeigen aber eine deutliche Verschiebung der Kräfteverhältnisse: fast 44 Prozent für die AfD in Sachsen-Anhalt, rund 38 Prozent in Mecklenburg-Vorpommern und etwa 16 Prozent in Berlin. Für ausländische Beobachter ist das auch deshalb bemerkenswert, weil die Bundesrepublik lange als politisch ausgesprochen berechenbar galt.

In Indien wird nun verstärkt gefragt, was sich in Deutschland verändert hat

Ein Beispiel ist der Kommentar des früheren indischen Regierungsbeamten Krishnan Srinivasan in The Wire. Er bezeichnet die AfD ausdrücklich als „far-right“, beginnt seine Analyse aber nicht bei der deutschen Geschichte, sondern beim Versagen der etablierten Parteien, einen erheblichen Teil der Wählerschaft noch zu erreichen. Wirtschaftliche Stagnation, Migration, öffentliche Dienstleistungen und das Gefühl ostdeutscher Benachteiligung bilden für ihn den Hintergrund des Wahlerfolgs. Besonders beschäftigt ihn die deutsche „Brandmauer“: Wie lange, fragt Srinivasan, lässt sich eine Partei von Regierungsverantwortung fernhalten, wenn ihr Wähleranteil weiter wächst?

In Deutschland ist diese Frage untrennbar mit der Erfahrung des Nationalsozialismus und dem Konzept der wehrhaften Demokratie verbunden. Demokratie erschöpft sich nach diesem Verständnis nicht in parlamentarischen Mehrheiten; sie besitzt eine freiheitliche Verfassungsordnung, die auch gegen ihre Gegner geschützt werden muss. Von außen ist diese bundesrepublikanische Selbstverständlichkeit weniger selbstverständlich. Srinivasan fragt stärker nach politischer Repräsentation. Zugleich verschweigt er weder die Forderung nach „Remigration“ noch Nationalismus oder Russlandpolitik der AfD. Seine Kritik richtet sich vor allem gegen die Vorstellung, politische Isolation könne auf Dauer die Ursachen ihres Erfolgs beseitigen.

Der Indian Express kommt von einer ähnlichen Frage zu einer etwas anderen Analyse. Das Blatt sieht im Aufstieg der AfD eine Spannung zwischen Mehrheitsprinzip und verfassungsgebundener Demokratie. Was geschieht, wenn die institutionelle Abgrenzung gegenüber einer Partei bestehen bleibt, während deren gesellschaftliche Basis wächst? Die Brandmauer wird dabei nicht verworfen, sondern selbst zum Gegenstand der Debatte.

Bei der Suche nach Ursachen verweist der Indian Express neben Migration auf wirtschaftliche Unsicherheit, Infrastrukturprobleme und den Vertrauensverlust gegenüber etablierten Parteien. Zugleich bezeichnet die Zeitung die AfD durchgehend als „far-right“ und ordnet ihren Aufstieg in eine breitere europäische Entwicklung ein. Deutschland erscheint damit weniger als historischer Sonderfall denn als Teil einer Krise traditioneller Parteien, die auch in anderen Demokratien zu beobachten ist.

Einen unmittelbar deutsch-indischen Zugang wählt Scroll.in. Das Magazin fragt, was der Aufstieg der AfD für die in Deutschland lebenden Inder bedeutet. Der Beitrag beschreibt die Wahrnehmung mancher hinduistischer Migranten, die AfD richte sich vor allem gegen muslimische Zuwanderung und betreffe sie selbst daher kaum. Viele Inder kommen als Studierende oder qualifizierte Arbeitskräfte nach Deutschland und sehen sich nicht als Teil jener Migration, über die in der deutschen Asyldebatte gestritten wird.

Scroll.in hinterfragt diese Sicherheit. Damit geht es nicht mehr allein um Asyl und Grenzpolitik, sondern um die weiter reichende Frage gesellschaftlicher Zugehörigkeit. Das ist auch deshalb relevant, weil Deutschland in Indien gleichzeitig um Ingenieure, IT-Spezialisten, Ärzte, Wissenschaftler und Studierende wirbt. Die deutsche Migrationsdebatte wird in Indien vor diesem Hintergrund nicht nur als innenpolitischer Streit wahrgenommen.

Wie unterschiedlich die Deutungen ausfallen, zeigt das dem Rashtriya Swayamsevak Sangh nahestehende Magazin Organiser. Dort stehen illegale Migration, Islam und nationale Identität im Vordergrund. Die AfD wird als nationalistische Partei beschrieben, ihr Erfolg stärker als Reaktion auf Sorgen der Bevölkerung denn als Ausdruck politischer Radikalisierung gelesen.

Von einer einheitlichen indischen Sicht kann also keine Rede sein. Das regierungskritische The Wire, der liberal geprägte Indian Express, Scroll.in mit seinem Blick auf Migration und Diaspora und der nationalkonservative Organiser bringen unterschiedliche politische Erfahrungen in ihre Deutschlandbilder ein. Gerade diese Spannbreite ist aufschlussreich.

Doch ist der Unterschied zur deutschen Berichterstattung tatsächlich so groß?

Deutsche Medien setzen andere Akzente, beschäftigen sich inzwischen aber mit vielen derselben Fragen. Tagesschau.de untersuchte nach der Wahl in Sachsen-Anhalt ausdrücklich, weshalb die Einstufung als „rechtsextremistisch“ einen großen Teil der Wählerschaft offenbar nicht mehr abschreckt. Ein bemerkenswerter Befund: 43 Prozent der Wahlberechtigten sahen die AfD nach einer Befragung von Infratest dimap in der politischen Mitte und nicht rechts außen – nahezu ebenso viele, wie sie schließlich wählten.

Auch die Motive der Wähler ergeben ein komplizierteres Bild, als es die öffentliche Migrationsdebatte vermuten lässt. Eine Auswertung der Deutschen Welle auf Grundlage von Nachwahlbefragungen nennt soziale Sicherheit, Frieden in Europa und Wirtschaftspolitik als wichtige Faktoren. Der Deutschlandfunk verweist auf die starke Mobilisierung bisheriger Nichtwähler und große Unterschiede zwischen Altersgruppen und Geschlechtern. Bei Männern zwischen 35 und 44 Jahren erreichte die AfD in Sachsen-Anhalt nach Infratest dimap 58 Prozent.

Migration spielt eine wichtige Rolle, erklärt die Ergebnisse aber nicht allein. Wirtschaftliche Erwartungen, soziale Sicherheit, Unzufriedenheit mit den Regierungen und der Wunsch nach politischem Wechsel überlagern einander. Auch die Frage, wie mit einer immer stärkeren AfD parlamentarisch umzugehen ist, wird in deutschen Medien längst offen diskutiert.

Der Unterschied zwischen deutscher und indischer Berichterstattung liegt deshalb weniger darin, dass hier gewarnt und dort erklärt würde. Verschieden ist eher der Ausgangspunkt.

Die deutsche Debatte setzt häufig bei der Partei an: bei ihrer Radikalisierung, ihren Positionen, den Erkenntnissen des Verfassungsschutzes und der historischen Verantwortung einer Demokratie, die aus dem Scheitern der Weimarer Republik und der nationalsozialistischen Diktatur Konsequenzen gezogen hat. Danach richtet sich der Blick auf die Wähler.

In Teilen der indischen Berichterstattung ist die Reihenfolge umgekehrt. Dort stehen zunächst wirtschaftliche Unsicherheit, Migration, öffentliche Infrastruktur, die Unterschiede zwischen Ost und West und das Misstrauen gegenüber etablierten Parteien im Mittelpunkt. Erst danach wird gefragt, welche Partei diesen Unmut politisch aufnimmt.

Besonders auffällig erscheint aus der Entfernung die fortdauernde politische Kluft zwischen Ost und West. Mehr als dreieinhalb Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung erreicht die AfD in zwei ostdeutschen Flächenländern Stimmenanteile von annähernd 40 Prozent und mehr. Berlin zeigt zugleich, dass selbst im Osten Deutschlands keine einheitliche politische Entwicklung stattfindet. Dort gewinnt die Linke, während die AfD zwar stark zulegt, aber deutlich unter ihren Ergebnissen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern bleibt.

Damit verändert sich auch ein Deutschlandbild, das im Ausland lange Bestand hatte. Die Bundesrepublik galt als berechenbare Demokratie der politischen Mitte, geprägt von stabilen Koalitionen, wirtschaftlicher Stärke, europäischer Integration und einer besonderen Distanz zum politischen Extremismus. Die jüngsten Wahlergebnisse passen nur schwer in dieses Bild.

Für Indien kommt ein Widerspruch hinzu. Deutschland benötigt Zuwanderung und wirbt gezielt um indische Fachkräfte und Studierende. Gleichzeitig wird die innenpolitische Auseinandersetzung über Migration und Zugehörigkeit schärfer. Was in Deutschland als parteipolitischer Konflikt geführt wird, berührt damit unmittelbar Menschen, die Berlin und deutsche Unternehmen ausdrücklich für das Land gewinnen wollen.

Die indischen Beiträge liefern darauf keine gemeinsame Antwort. Dafür liegen The Wire, Indian Express, Scroll.in und Organiser politisch zu weit auseinander. Interessanter ist, welche Fragen sie stellen. Wirtschaftliche Unsicherheit, Migration, regionale Unterschiede und der Vertrauensverlust gegenüber den etablierten Parteien nehmen in vielen Beiträgen breiteren Raum ein als die deutsche historische Erfahrung.

Neu sind diese Erklärungen für deutsche Leser ja nun nicht. Auffällig ist ihre Gewichtung. Was hierzulande stark vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte und der wehrhaften Demokratie verhandelt wird, erscheint aus Indien zugleich als politische und gesellschaftliche Krise, wie sie auch andere Demokratien beschäftigt. Vielleicht liegt gerade darin der Wert des Blicks von außen: Er erklärt Deutschland nicht neu, aber er ordnet manches anders ein.

Quellen:

Bijon Chatterji
Bijon Chatterji
Dr. Bijon Chatterji ist Mitbegründer und Chefredakteur von theinder.net. Nach Studium, Promotion und Forschung in Braunschweig und Hannover wechselte er in die Biotechnologiebranche, wo er seit über einem Jahrzehnt internationale strategische Führungsaufgaben mit Schwerpunkt Indien wahrnimmt. Von 2012 bis 2016 gehörte er der Auswahlkommission des Programms „Deutsch-Indisches Klassenzimmer“ der Robert Bosch Stiftung und des Goethe-Instituts Neu-Delhi an. Seit 2018 ist er Mitorganisator des „Hanseatic India Colloquium“ in Hamburg, referierte unter anderem am IIT Bombay und nimmt seit 2023 auf Einladung der Bundesintegrationsbeauftragten an Dialoggesprächen im Bundeskanzleramt teil. Seit 2026 ist er Mitglied des Indo-German Media Network.

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