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Wer ist Dipak Talgeri?

Mahatma Gandhi steht bis heute für Gewaltlosigkeit, religiöse Verständigung und Indiens Unabhängigkeit. Doch sein politisches Vermächtnis bleibt umstritten. In einem Auszug aus seinem Roman Berlin-Bombay beleuchtet Anant Kumar anhand einer fiktiven Familiengeschichte die indische Freiheitsbewegung, die Teilung des Subkontinents und die politischen Spannungen, die schließlich zu Gandhis Ermordung am 30. Januar 1948 führten.

Statue of mahatma gandhi against a clear blue sky
Foto: https://unsplash.com/de/@sofia_induct

Professor Dipak Talgeri, ein äußerst gepflegter achtundfünfzigjähriger Mann in seinem Privatleben und ein renommierter indischer Germanist im Munde seiner fachlichen Welt, wurde im progressiv-kultivierten und zugleich rückständig-konservativen Bundesland Maharashtra als Sohn eines der wenigen bekannten indischen Philologen im britischen Indien geboren.

Damals, zu der Geburtsstunde Dipaks, existierte das heutige Bundesland Maharashtra im westlichen Teil Indiens nicht, sondern es gehörte ungeteilt zu einer zweifach größeren Region tituliert als Bombay Presidency, die die Kolonialherren als Erbe in der frisch gegründeten indischen Nation mit revidierten problematischen Grenzlinien hinterlassen hatten. Schon in den ersten Jahren nach der Unabhängigkeit vom britischen Joch gab es unterschiedliche Bewegungen indischer Ethnien, Völkergruppen und Regionen für die Absicherung ihrer Identitäten, für freie, gleichberechtigte Entwicklungen und gegebenenfalls für mehr Autonomie.

In seinen Jugendjahren sah Dipak tagtäglich vor seiner Haustür Demonstrationen Tausender. Über Lautsprecher dröhnten die Parolen örtlicher Anführer über das Kreieren eines Bundeslands aufgrund ihrer regionalen Sprache Marathi. Es gab wochen- und monatelang Krawalle und Straßenschlachten mit der Polizei, bis das neue Bundesland Maharashtra mit der Amtssprache Marathi letztendlich im Jahr 1960 geboren wurde.

Die Familie von Dipak, die sich erstrangig als nationalistisch und patriotisch betrachtete, und vor allem die Glorie des freien Indiens in die ganze Welt ausgestrahlt sehen wollte, verfolgte mit gemischten Gefühlen derartige regionale Konflikte, Bestrebungen und Spannungen im unabhängigen Indien. Daher war dem alten Talgeri die Geburt des Bundesstaates Maharashtra im freien Indien einerlei.

Dipaks Vater, Balkrishna Talgeri, gehörte zu den ersten wenigen Altphilologen von der indischen Seite, die nach der allerersten Euphorie über William Jones der Indo-Europäischen Sprachforschung wissenschaftliches Material beigesteuert hatten. Teile seiner Forschungen wurden umstritten unter dem Namen deutscher Indologen veröffentlicht. Der Gelehrte-Brahmane kümmerte sich in seinem Leben weniger um die Veröffentlichungen seiner Forschungen, sondern auf dem Gipfelpunkt der Indischen Freiheitsbewegung hatte er sich wie die vielen unzähligen Inder nur einem Menschen verschrieben. Dessen Name lautete: Mohandas Karamchand Gandhi, den das Volk unterschiedlichster Religionen, mehrerer Völkerstämme und mannigfaltiger Sprachen mit „Mahatama (Große Seele!)“, „Bapu (Unser Vater!)“ und „Gandhiji (Wegweiser!/Lotse!)“ rief.

Als eingefleischter Schüler von Mahatma Gandhi widmete sich Balkrishna Talgeri in seinen ersten Mannesjahren ausschließlich zwei Angelegenheiten:

Dem Wissen und der Befreiung Mutter-Indiens. Da der Großvater-Talgeri schon einer hochangesehenen Brahmanen-Familie Deshastha-Zweiges entstammte, lernte er sehr früh in der Sippschaft teils unbewusst und mühelos die indischen Veden und Upanischaden auswendig rezitieren. Zusätzlich zeigte sich bei dem Knaben Balkrishna eine außergewöhnliche Begabung für die lebendigen Sprachen und Mathematik schon in den ersten Schuljahren. Somit beherrschte der Brahmane das Englische, die Sprache der Kolonialherren, genauso wie das altindische Sanskrit.

Es waren die brodelnden zwanziger Jahre, als die indische Freiheitsbewegung erneut in Fahrt kam. Der Prophet Gandhi wirkte als Magnet auf die Inder. Durch sein selbstaufopferndes, gewaltloses, erschütterndes und nie aufhörendes Aufbegehren gegen die bluttriefenden Knüppel englischer Kolonialisten waren letztendlich die Reichen Indiens und die Mittelschicht aus der Lethargie ihres jahrelangen Sklavenlebens erweckt worden.

1917, Motihari in Ostindien: Der Übermensch Gandhi wurde in Ostindien mit seiner effektivsten Waffe bei seinem Champaran-Satyagrah (Gewaltlosen Widerstand) von den Briten festgenommen. Er, der ausgebildete Rechtsanwalt, war unterwegs und dokumentierte mittels der rechtlosen Bauern die Fakten und Handhabungen der Repressalien, mit denen die Engländer die Landwirte zwangen, ihre Grundstücke und ihre Hungerlohnarbeit für die Indigo-Industrien an die europäischen Pflanzer der Kolonialregierung zu verpachten, gegebenenfalls an sie zu verkaufen. Auf die Bittrufe unterjochter Bauern reiste Gandhi ins ostindische Champaran und setzte sich gewaltlos für ihre Rechte ein.
Die zähen, unangenehmen Indigo-Unruhen seitens ausgebeuteter Bauern ärgerten den englischen Bezirksleiter und die örtliche Verwaltung arg so wie das schnelle Krabbeln und das unaufhörliche Stechen einer winzigen Ameise im Rüssel eines bösartigen Elefanten. Der Bezirksleiter W. B. Heycock ließ den Stifter der angeblichen Beunruhigung festnehmen, und zwar mit der Begründung, dass der Aufenthalt von dem aus dem westlichen Teil eingereisten Inder Gandhi den Frieden des britischen Territoriums im östlichen Teil Indiens gefährden würde.

Die Festnahme von Gandhi, die ohne gesetzwidrige Tat erfolgte, musste allerdings innerhalb ein paar Tagen beendet werden, weil die Menschen, vor allem die Landwirte, aus allen Himmelsrichtungen, in großen Mengen in die Bezirkshauptstadt Motihari strömten. Der Fluss der anständig, halbmanierlich und armselig gekleideten Menschen beider Geschlechter hörte nicht auf, und sie alle versammelten sich vor dem Bezirksgericht Champarans in Motihari. Die Menschen ohne Waffen hörten mit ihren Parolen solange nicht auf, bis ihr knöcherner Wegweiser freigelassen wurde.

Jene erste umfangreiche Kraftprobe des gewaltlosen Widerstands erwies sich für die vielen, bevorstehenden Jahre des indischen Freiheitskampfes als Sieg. Nach Jahren seiner pazifistischen Großtaten in Südafrika unternahm Gandhi die ersten großen gewaltlosen Widerstände auf der indischen Erde zunächst im ostindischen Bundesland Bihar, wo später in den Jahrzehnten des unabhängigen, freien Indiens Lüge, Raub, Mord, Vergewaltigung, Armut, Hochwasser, Korruption, Gewalt … Bürgerängste im Übermaß walteten, und weiter walten.

Zu jener Zeit schwerfälliger Kommunikationsmedien, als sich die Nachricht der Festnahme Gandhis im ostindischen Bihar weit und breit wie Lauffeuer im riesigen geografischen Territorium des britischen Indiens verbreitete, boykottierte auch der Student Balkrishna wie Zigtausende seine Fakultät. Und anschließend verließ er seine Familie. Er begab sich auf den Weg nach seinem Idol, um dem kürzlich nach Indien zurückgekehrten Rechtsanwalt Mohandas aus Johannesburg zu folgen. Dipaks Vater Balkrishna kaufte sich eine Fahrkarte für die dritte Klasse der kolonialindischen Eisenbahn. Er setzte sich in den Zug mit der von Dipaks Oma vollgestopften Reiseproviantasche aus Nüssen, haltbaren Brotstückchen und gewürzten, halb konservierten Reisgerichten. Mit jenen einfachsten Mitteln fuhr der junge Mann in seiner Entschlossenheit zu Gandhiji nach Motihari in Ostindien. Sein junges Leben hatte einen jähen seelischen Wandel gespürt.

Während seiner ersten langen, mehrtägigen Zugfahrt sah Balkrishna Talgeri ein Stück vom mannigfaltigen indischen Subkontinent, indem die Züge von seiner Heimat an der Westküste hoch nordöstlich zu dem Tal des heiligsten Ganges fuhren. Bei der Begegnung mit all diesen kulturellen Reichtümern war der junge Balkrishna äußerst aufgewühlt und er schwor sich während der ganzen Fahrt wiederholt etwas wie Mantras. Balkrishna Talgeris Schwüre lauteten in nuce, so etwa: „Egal wie! Der unvergleichbaren, heiligen Mutter Indien die verlorengegangene Glorie zurückbringen!“ Die Urmutter Indien, die ihm als die Älteste und Heiligste auf der Erde galt, offenbarte sich lebendig vor den Augen des jungen Balkrishnas während dieser und vieler nachfolgenden Zugfahrten mit ihren allerlei unterschiedlichsten Kulturreichtümern. Zugleich war er von dem vorherrschenden Elend (Hunger, Armut, Krankheit, Unterdrückung, Analphabetisierung …) des indischen Volkes zutiefst betroffen. Der junge Mann stellte sich auf seinen Wanderungen und Wanderfahrten Fragen, diskutierte sie mit seinen Gleichgesinnten und mit scheinbar ungebildeten Indern und grübelte über Antworten, die sich als ergiebig und zugleich als mangelhaft erwiesen.

Mehrere fremde Invasoren, aus dem Kaspischen Meer, aus Makedonien, aus der Mongolei … aus Persien, hatten Indien attackiert und seine Reichtümer geplündert. Aber keiner der Eroberer konnte sich mit denen des britischen Empires messen, wenn es um Geschwindigkeit und Volumen exzessiver Ausbeutung und Raubgier ging. Indien war von den Briten würdelos zu einer mittellosen Hure gemacht worden. Selten hatte eine dermaßen ungeheuerliche Anzahl der Inder dauerhaft immer wieder an Hunger leiden und sterben müssen, darunter zwei katastrophale Dürren in Bengalen: 1770 ca. 10 Millionen Tote und 1943 ca. 4 Millionen Tote.

Mit Mahatma Gandhi reisten Balkrishna und andere Schüler durch das ganze Land, von Kashmir bis Kerala. Wie alle anderen Lehrjungen versuchte er die Lebenshaltung von Mahatma zweifelsohne mit zu praktizieren, und nebenbei studierte Balkrishna auf diesen Reisen um die Wiederherstellung indischer Integrität anhand einiger indischen Sprachen mit ihren hochentwickelten Sprachlehren ein. Die Grammatiken, die Bauelemente der Sätze, verglich er untereinander. Gewandt erkannte er den regionalspezifischen Bedeutungswandel der Begriffe eines Wortfeldes. Mit seinem absoluten Ohr nahm Balkrishna bei seiner Sprachstudie die tonalen Veränderungen in der Tibeto-Birmanischen Sprachfamilie wahr. Mal schien ihm bei seinen Sprachstudien, dass es für alle Sprachen ein universell-geltendes Sprachgesetz walten würde.
Die ersten Spracherkenntnisse von Balkrishna Talgeri wurden im Zeitfenster der dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts in Deutschland in Aufsätzen von Schülern des namenhaften Indologen Helmuth von Glasenapp veröffentlicht. Auf ihrer Forschungsreise hielten sich Manfred und Rudolf einige Tage als willkommene Gäste in der wohlhabenden Brahmanen-Familie an der westlichen Küste Indiens auf.

Sie wurden großzügig bewirtet. Zusätzlich ließen sich die beiden Fremden von dem indischen Philologen ohne Copyright euphorisch über seine Sprachforschungen erzählen. Balkrishna übergab den neugierigen Gästen sogar seine Notizhefte, die ihm Manfred und Rudolf aus Europa nach einigen Monaten wie versprochen zurückschickten.

Dass in den veröffentlichten Aufsätzen sein Name als ein indischer Wandererzähler vorkam, erfuhr Balkrishna Jahre später nach der Unabhängigkeit Indiens. Bis dahin war er zutiefst in den indischen Freiheitskampf verwickelt, und im Laufe dieser Jahrzehnte entwickelte er sich mehr und immer mehr zu einem spartanischen Schüler von Mahatma, von der Großen Seele. Das heißt: Sein Leben kreiste um die Wahrheit, Gewaltlosigkeit, Aufopferung des ICHs und um den absoluten Verzicht auf die Lüge. Dementsprechend wurden ihm in seinem fortschreitenden Leben die Erwähnung seines Namens und seiner Taten allezeit gleichgültiger. Der alte Talgeri, Dipaks Vater, begann wie sein Wegweiser Gandhiji seinen arbeitsreichen Alltag in der morgigen Dämmerung mit einer Anrufung des Allmächtigen. Voller Freude und stets emsig erledigte das selbstlose Familienoberhaupt die schweren und leichteren Aufgaben des Alltags. Abends, nach dem leichten Abendessen, sangen Kinder und Eltern im Altarraum Bhajans und Kirtans bei Sandelholzdüften zu Tonfolgen des indischen Harmoniums, bevor sie unter die Decke krochen.

Indien wurde befreit. Die weißen Pächter übergaben das Land denen, deren Ahnen sie es mit List, Lug und Trug … und zuletzt mit ungeheurer Gewalt über eine Zeitspanne von 200 Jahren nach und nach abgenötigt hatten. Der verwirklichte Traum wurde von allen Indern groß- und hochgejubelt: von Kashmir bis Kerala; von den hungernden Mittellosen und von Zamindars, den Großgrundbesitzern und Junkern. Die langersehnte Freiheit stand nach den zahllosen bestialisch-bluttriefenden Unterdrückungswellen seitens der GORASAHIBS letztendlich vor der Haustür! Balkrishna Talgeri konnte tief und stolz ausatmen. Gleich nach der Unabhängigkeit, als ein fesselloser Inder, heiratete er in seinen späteren Jahren Dipaks Mutter, eine der Gandhi-Mitschülerinnen.

In den turbulenten Jahren und Monaten, in denen Indien und Pakistan mit Blutbädern ihre Unabhängigkeiten erlangten, wurde die Große Seele Gandhi von einer beträchtlichen Anzahl der Minderheits- und Mehrheitsgruppen nicht gemocht, weil Mohandas vehement gegen die absurde und groteske Teilung des Indischen Subkontinents aufgrund zweier indischer religiöser Völkergemeinschaften, nämlich Hindus und Muslime, kämpfte. Die ausgeklügelte von der britischen Regierung minutiös durchdachte und über Jahrzehnte erprobte Teilungsidee musste jedoch in Erfüllung gehen. Und als die Spaltung doch stattfand, plädierte die Große Seele Gandhi im Unbehagen hinduistischer Mehrheit der Inder für das Wirtschafts- und Gemeinschaftswohl und für die gleichberechtigten Rechte des Bruderstaates Pakistan.

Und es fing die neue Ära des modernen Indiens der Opportunisten an, deren pragmatische Vertreter allmählich Gandhiji, den Wegweiser absoluter Wahrheit und unkorrumpierter Entwicklung, für einen utopischen Verrückten hielten. Manche Hindus hielten ihn sogar für einen Verräter, weil die Große Seele dem neu gegründeten pakistanischen Staat Fördergelder zukommen ließ. Also, in dem derartigen Hasswahn musste erst mal der Vater der Nation von einem radikalen Hindu erschossen werden, damit sich der Subkontinent samt seiner Demokratie auf einen Pfad begeben konnte, auf dem die gewählten Volksvertreter während ihres Mandats die Nation in einer beispiellosen Skrupellosigkeit ausbeuten konnten.

(Auszug: Berlin-Bombay, Roman, ADW Münster, 2016)


Anm. d. Red.: Anant Kumar lebt seit 1991 in Deutschland und zählt zu den profilierten deutschsprachigen Autoren indischer Herkunft. Er schrieb bereits zahlreiche Stücke für theinder.net, ist aber seit Oktober 2026 mit einer eigenen Kolumnensparte für theinder.net tätig (Pressemitteilung).

Alle bisherigen Beiträge von Anant Kumar finden Sie hier.

Anant Kumar
Anant Kumar
Anant Kumar, geboren 1969 im indischen Bundesstaat Bihar, lebt seit 1991 in Deutschland und zählt zu den profilierten deutschsprachigen Autoren indischer Herkunft. Der Germanist und vielfach ausgezeichnete Schriftsteller hat mehr als 30 Bücher veröffentlicht, darunter Romane, Erzählungen, Essays, Satiren und Lyrik. In seinem Werk verbindet er mit feinem Humor indische und deutsche Lebenswelten. Für theinder.net schreibt er regelmäßig in seiner Kolumnensparte "Goethe meets Gandhi" – mit Kolumnen, Essays und literarischen Miniaturen zwischen Literatur, Alltag und kulturellem Austausch.

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