StartHintergrundKolumnenWas wir von Indien lernen könnten – wenn wir es zulassen

Was wir von Indien lernen könnten – wenn wir es zulassen

Wenn ich heute auf Indien blicke, sehe ich ein Land im schnellen Wandel. Mehr als 1,47 Milliarden Menschen leben dort; Indien ist inzwischen das bevölkerungsreichste Land der Erde. Städte und Alltag werden digitaler, der Wohlstand wächst. Zugleich sind manche Themen, über die ich schon vor Jahrzehnten geschrieben habe, erstaunlich aktuell geblieben. Ein Blick zurück lohnt sich daher.

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Photo by Ashwini Chaudhary (Monty)

Ein Laboratorium der Vielfalt

Indien war nie eine homogene Gesellschaft. Religionen, Sprachen, Ethnien und Traditionen existieren seit Jahrhunderten nebeneinander. Hindus stellen die große Mehrheit; beim bislang letzten Zensus von 2011 waren es knapp 80 Prozent, Muslime 14,2 Prozent. Hinzu kommen Christen, Sikhs, Buddhisten, Jains und viele andere Gemeinschaften.

Wenn ich auf mein langes Leben zurückblicke, sehe ich diese Pluralität nicht als Statistik, sondern als soziale Erfahrung. Das Zusammenleben war dabei keineswegs immer harmonisch. Auch heute erleben wir Spannungen und politische Auseinandersetzungen um religiöse Identität. Vielleicht liegt die indische Erfahrung gerade darin: Vielfalt ist kein Zustand, den man irgendwann erreicht hat. Sie muss immer wieder ausgehandelt und gelebt werden.

Mensch und Natur

In vielen indischen Traditionen steht der Mensch nicht außerhalb der Natur. Luft, Wasser, Feuer, Erde und Raum – die fünf Elemente – verbinden den Menschen mit seiner Umwelt. Flüsse können heilig sein, ebenso Berge, Bäume und Tiere.

Natürlich hat diese Vorstellung Indien nicht vor Umweltzerstörung bewahrt. Wer heute die Luftverschmutzung in Delhi oder den Zustand mancher Flüsse sieht, erkennt den Widerspruch sofort. Aber vielleicht macht gerade dieser Widerspruch die alte Vorstellung wieder aktuell: Wer seine natürlichen Lebensgrundlagen zerstört, schädigt am Ende sich selbst.

Das ist keine ausschließlich indische Erkenntnis. Aber Indien besitzt dafür eine sehr alte Sprache.

Maya in der digitalen Welt

Auch der Begriff der „Maya“ erscheint mir heute auf eigentümliche Weise aktuell. Er wird häufig verkürzt als Illusion übersetzt. Gemeint ist jedoch mehr: die Frage, wie zuverlässig das ist, was wir als Wirklichkeit wahrnehmen.

Wir leben inzwischen in einer Welt, in der Bilder, soziale Medien und virtuelle Räume unsere Wahrnehmung stärker bestimmen als je zuvor. Was ist wirklich wichtig, und was erscheint uns nur wichtig? Was bleibt, wenn die Oberfläche verschwindet?

Die alten Philosophen kannten weder Instagram noch künstliche Intelligenz. Ihre Frage aber kannten sie sehr wohl.

Der Körper und die Reise der Seele

In hinduistischen Denktraditionen ist der Körper nicht das letzte Ziel menschlicher Existenz. Er ist vergänglich; Atman, das Selbst, weist über ihn hinaus.

Das steht in einem interessanten Gegensatz zu einer Gegenwart, in der wir den Körper vermessen, optimieren und möglichst lange jung erhalten wollen. Auch Indien selbst ist längst Teil dieser Konsum- und Körperkultur geworden.

Dennoch scheint mir der alte Gedanke bedenkenswert: Der Wert eines Menschen erschöpft sich nicht in seinem Körper, seinem Besitz oder seiner gesellschaftlichen Stellung. Verzicht muss deshalb nicht Mangel bedeuten. Er kann auch Freiheit sein.

Verantwortung durch Dharma

Karma, Dharma und Wiedergeburt gehören zu den Begriffen indischer Philosophie, die im Westen bekannt geworden sind – und dabei häufig vereinfacht werden. Für mich liegt ein wesentlicher Gedanke darin, dass Handlungen Folgen haben und der Einzelne Verantwortung für sein Tun trägt.

Dharma bedeutet dabei weit mehr als eine allgemeine moralische Regel. Es beschreibt Pflichten, Ordnung und den richtigen Weg des Handelns, abhängig von Situation und Lebenszusammenhang.

In einer globalisierten Welt bekommt diese alte Frage eine neue Dimension: Welche Folgen hat mein Handeln für Menschen, die ich niemals kennenlernen werde? Für kommende Generationen? Verantwortung endet nicht dort, wo wir ihre Folgen nicht mehr sehen können.

Eine andere Vorstellung von Zeit

Die europäische Moderne ist stark von einer linearen Vorstellung geprägt: Entwicklung, Fortschritt, Wachstum. Viel indisches Denken kennt dagegen große Zyklen von Entstehung, Vergehen und Neubeginn.

Das bedeutet nicht, dass Indien gelassener wäre. Wer das heutige Land erlebt, sieht vielmehr eine Gesellschaft, die mit großer Ungeduld nach vorne drängt. Karriere, Wohlstand, Technologie und gesellschaftlicher Aufstieg bestimmen das Leben von Millionen Menschen.

Und doch gefällt mir an der alten zyklischen Vorstellung ein Gedanke: Keine Krise ist für immer, aber auch kein Erfolg. Vielleicht hilft diese Perspektive dabei, die eigene Gegenwart etwas weniger absolut zu nehmen.

Vorgelebtes Beispiel statt Mission

Einen Gedanken halte ich schließlich für besonders wichtig. Ich habe nie geglaubt, dass man andere Menschen zu seinem eigenen Lebensweg überreden sollte.

Überzeugungen gewinnen ihren Wert nicht dadurch, dass wir sie anderen aufzwingen. Sie müssen sich im eigenen Leben bewähren. Das Beispiel ist stärker als das Dekret.

Vielleicht ist dies das Einzige, was ich wirklich weitergeben möchte: Wir müssen indisches Denken nicht übernehmen. Europa muss nicht indischer werden und Indien nicht europäischer. Aber wir können einander aufmerksam genug zuhören, um gelegentlich die eigenen Gewissheiten infrage zu stellen.

Das wäre schon viel.


Anm. d. Red.: Bundesverdienstkreuz- und Tagore-Preisträger Jose Punnamparambil ist einer der bedeutendsten deutsch-indischen Publizisten der Gegenwart, u.a. Gründer der Zeitschrift „Meine Welt“ und seit 2025 als Kolumnist für theinder.net tätig (Pressemitteilung).

Alle bisherigen Beiträge von Jose Punnamparambil finden Sie hier.

Jose Punnamparambil
Jose Punnamparambil
Jose Punnamparambil (*1936 in Kerala) ist ein deutsch-indischer Journalist, Übersetzer und Kulturvermittler, der seit 1966 in Deutschland lebt. Mit seiner Zeitschrift "Meine Welt" und zahlreichen Übersetzungen indischer Literatur fördert der Bundesverdienstkreuzträger den interkulturellen Dialog zwischen Deutschland und Indien bereits seit Jahrzehnten.

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