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Teil 5/5: Tipu Sultans Erbin wurde im KZ Dachau erschossen

Eine Urenkelin Tipu Sultans, die als Funkerin für den britischen Geheimdienst im besetzten Frankreich arbeitete, überlebte das Naziregime nicht. Noor Inayat Khan, deren Name lange kaum bekannt war, zeigt, wie eine deutsch-indische Geschichte auf ungewöhnliche Weise zusammentrifft – und ein tragisches Ende findet.

Foto: Noor-un-Nisa Inayat Khan als Mitarbeiterin des britischen Geheimdienstes, gemeinfrei

Die Biografie von Noor-un-Nisa Inayat Khan wirkt auf den ersten Blick widersprüchlich: eine junge Autorin und Musikerin, geprägt vom Sufismus und einer pazifistischen Erziehung, die während des Zweiten Weltkriegs als Funkerin des britischen Special Operations Executive (SOE), eines geheimen Widerstandsdienstes für Sabotage und Spionage in von den Nationalsozialisten besetzten Ländern, im Pariser Untergrund agierte. Und doch fügt sich ihr Lebensweg bei genauer Betrachtung zu einem klaren historischen Bild, in dem sich europäische und indische Geschichte auf seltene Weise berühren. Im Zentrum steht eine Persönlichkeit, deren Name in den Archiven des 20. Jahrhunderts lange zu leise klang.

Khan wurde 1914 in Moskau geboren. Ihr Vater, der indische Musiker und Sufi-Lehrer Inayat Khan, hatte sich auf einer Reise nach Russland niedergelassen; über die Familie lässt sich die Linie bis zu Tipu Sultan, dem Herrscher von Mysore, zurückverfolgen. Kurze Zeit später zog die Familie nach London, später nach Frankreich, wo Noor in einer intellektuellen Umgebung aufwuchs, die Musik, Literatur und Spiritualität selbstverständlich verband. Ihr Studium an der Sorbonne und ihre musikalische Ausbildung im Pariser Konservatorium hätten zwanglos in eine bürgerliche Laufbahn als Autorin gemündet. Noch 1939 veröffentlichte sie ein Buch mit Nacherzählungen buddhistischer Legenden.

Mit dem Vormarsch der Wehrmacht änderte sich ihre Lebenswirklichkeit grundlegend. Die Flucht der Familie nach England 1940 war der biografische Wendepunkt, an dem Noor, entgegen ihrer eigenen pazifistischen Grundhaltung, beschloss, sich dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus anzuschließen. Anders als viele ihrer britischen Mitstreiter dachte sie über den Krieg stets in globaleren Zusammenhängen. Es ist überliefert, dass sie sich eine sichtbare Anerkennung indischer Beiträge im Kampf gegen das NS-Regime wünschte – in einer Zeit, in der das britische Empire noch kaum bereit war, koloniale Loyalitäten öffentlich zu würdigen.

Nach ihrem Eintritt in die Women’s Auxiliary Air Force wurde sie zur Funkerin ausgebildet und schließlich für den SOE rekrutiert, der verdeckte Operationen in von den Nazis besetzten Ländern koordinierte. Die Skepsis ihrer Ausbilder ist gut dokumentiert: Man hielt sie für zu empfindsam, zu vertrauensvoll, zu wenig geeignet für verdeckte Einsätze. Ihre technischen Fähigkeiten jedoch übertrafen die Erwartungen. Die Genauigkeit ihrer Morseübertragungen, beeinflusst durch ihre musikalische Schulung, war ein entscheidender Vorteil in einer Tätigkeit, bei der Sekunden über das Auffinden durch deutsche Funkpeilwagen entschieden.

Im Juni 1943 wurde sie mit dem Decknamen „Madeleine“ in der Nähe von Angers abgesetzt. Die Lage im Untergrund verschlechterte sich rasch; das Pariser Netzwerk „Prosper“ war bereits weitgehend zerschlagen. Noor entschied sich dennoch zu bleiben – ein Entschluss, der in den Einsatzberichten mehrfach erwähnt wird. Zeitweise war sie die einzige aktive Funkerin der Alliierten in Paris, ein Umstand, der die Bedeutung ihrer Tätigkeit weit über das gelegentlich vereinfachte Narrativ hinaushebt. Ihre Funksprüche hielten die Verbindung zu London aufrecht, als operative Strukturen bereits weitgehend zusammengebrochen waren.

Ihr Aufenthalt in Paris endete im Oktober 1943 abrupt durch Verrat aus dem eigenen Umfeld – nicht durch technische Fehler oder unvorsichtige Funkpraxis. Die Gestapo verhaftete sie in der Avenue Foch und verhörte sie über Wochen. Nach dem Krieg sagte der zuständige Offizier Hans Kieffer aus, sie habe keine belastbaren Informationen preisgegeben. Dieser Befund ist bemerkenswert, weil er in den Akten vergleichbarer Fälle selten ist.

Die folgenden zehn Monate verbrachte Noor Inayat Khan unter der Einstufung „Nacht und Nebel“ im Gefängnis von Pforzheim – eine Form der Isolationshaft, die für Gefangene vorgesehen war, die spurlos verschwinden sollten. Sie wurde gefesselt, geschlagen, mehrfach verlegt und dennoch blieb ihre Identität den Mitgefangenen lange unbekannt. Erst ein in eine Tasse geritzter Name und eine Adresse ermöglichten es später, ihre Spuren zu rekonstruieren.

Im September 1944 wurde sie gemeinsam mit drei weiteren Agentinnen nach Bayern transportiert. Am frühen Morgen des 13. September 1944 wurde sie im Konzentrationslager Dachau erschossen – jenem Lager, das 1933 als erstes der nationalsozialistischen Konzentrationslager errichtet worden war und in der Erinnerungskultur eine besondere historische Stellung einnimmt. Dass eine indischstämmige Intellektuelle, aus einer der bedeutenden Familien Südindiens stammend, ausgerechnet dort ermordet wurde, zählt zu den weniger bekannten, aber symptomatischen Verflechtungen europäischer und indischer Geschichte im 20. Jahrhundert.

Nach dem Krieg erhielt Noor Inayat Khan posthum das George Cross, die höchste zivile Tapferkeitsauszeichnung des Vereinigten Königreichs. Frankreich ehrte sie mit der Croix de Guerre. Erst in den vergangenen Jahren wurde ihre Rolle stärker historisch eingeordnet – als Teil einer widerständigen Tradition, die weder ethnisch noch national eindeutig zuzuordnen ist.

Noor Inayat Khans Biografie zeigt eindrücklich, wie eng die deutsch-indische Geschichte auch im 20. Jahrhundert miteinander verflochten ist. Ihre Lebensgeschichte verweist auf die moralischen, kulturellen und politischen Brücken, die zwischen Kontinenten existieren können – und die dennoch in Momenten äußerster Gewalt auf die härteste Probe gestellt werden. In ihr verbinden sich Herkunft, Überzeugung und Widerstand zu einer Erzählung, die weit über nationale Narrative hinausweist.

Quellen und weiterführende Links:


„Indien im Schatten des Nationalsozialismus“ – alle fünf Teile im Überblick:

I. Der ideologische Wahn: Himmlers SS-Expedition nach Tibet
II. Die wissenschaftliche Antwort: Irawati Karve und die Schädelvermessung
III. Die politische Strategie: Eva Geissler – Intimität als antikoloniale Waffe?
IV. Die moralische Ambivalenz: Indiens Schattenmann A. C. N. Nambiar
V. Das tragische Ende: Noor Inayat Khan – Widerstand bis nach Dachau

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