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So., 25. Januar, 2026
StartCommunityDeutsch-indische GeschichtenTeil 4/5: Indiens Schattenmann im Europa der Diktaturen

Teil 4/5: Indiens Schattenmann im Europa der Diktaturen

Arathil Candeth Narayanan Nambiar bewegte sich zwischen Freiheit, Loyalität und moralischer Ambivalenz – von Kerala über Berlin und Moskau bis Hamburg. In der Weimarer Republik, im Nationalsozialismus und in der Bonner Republik war er Vertrauter von Nehru und Bose, arbeitete mit den Nationalsozialisten, leitete Propagandastrukturen und navigierte zwischen Journalismus, Revolution und politischem Kalkül. Ein Leben voller Widersprüche, lange verborgen hinter den großen Schlagzeilen der Geschichte.

ACN Nambiar, Bildquelle: The Modern Review, January 1926 – gemeinfrei

Es war weniger eine einzelne Figur als vielmehr ein „organisatorisches Erbe“ des Ersten Weltkriegs, das später auch Subhas Chandra Bose in Deutschland Handlungsspielräume eröffnete, wie mir die Historikerin Baijayanti Roy einmal in einem Interview erklärte [19]. A.C.N. Nambiar (1896-1986) wurde zu einem Akteur innerhalb dieser vorgeprägten Strukturen – und zugleich zu einem ihrer kompromisslosesten Vollstrecker, wie die folgende Recherche zeigt.

Berlin als Labor des Antikolonialismus

Die Geschichte der indisch-deutschen Beziehungen im frühen 20. Jahrhundert ist kein linearer Verlauf von Bündnissen, sondern ein Geflecht aus Opportunitäten, ideologischen Schnittmengen und taktischer Zweckgemeinschaft. Schon vor Nambiar existierte in Berlin ein Netzwerk indischer Nationalisten, Intellektueller und Aktivisten, die Deutschland nicht primär als ideologischen Verbündeten, sondern als geopolitischen Hebel gegen das Britische Empire betrachteten [2,3].

Eine zentrale Figur dieser frühen Phase war Virendranath Chattopadhyaya, besser bekannt als Chatto. Baijayanti Roy beschreibt ihn als „eine Art Pionier“, der „sukzessive die deutsche Regierung dazu brachte, ein gewisses Maß an Unterstützung oder zumindest Schutzraum für die indische Diaspora und ihre antikolonialen Aktivitäten in Deutschland zu bieten“ [19]. Unter Chattos Führung entstand 1914 das India Independence Committee, das im Ersten Weltkrieg versuchte, mit deutscher Hilfe den britischen Machtanspruch in Indien zu unterminieren [2].

Dieses Umfeld schuf ein institutionelles Fundament. Kontakte zum Auswärtigen Amt, verdeckte Unterstützungsstrukturen und ein grundlegendes Verständnis für die strategische Bedeutung Indiens wurden in Deutschland etabliert – lange bevor Subhas Chandra Bose oder Nambiar die politische Bühne betraten [3,4].

Taraknath Das: Ambivalenz und Rückzug

Auch Taraknath Das spielte eine prägende, zugleich ambivalente Rolle. Während des Ersten Weltkriegs aktiv, gründete er 1929 das Indien-Institut der Deutschen Akademie [21], um „gemäßigte indische Nationalisten“ zu fördern, wie Roy herausstellt. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 geriet diese Strategie in einen moralischen Graubereich. Taraknath Das wurde, so die Historikerin, „zu einem teilweisen Apologeten, ohne ein unkritischer Bewunderer zu sein“. Er verließ Deutschland 1934, ohne das Regime offen zu kritisieren. Was jedoch blieb, war ein institutioneller und ideologischer Resonanzraum. Das „Sonderreferat Indien“ des deutschen Auswärtigen Amts während der Nazizeit nahm später explizit Bezug auf die Strukturen des früheren India Independence Committee.

Nambiar: Marxist, Funktionär, Vermittler

A. C. N. Nambiar tritt im Mai 1923 in Berlin in Erscheinung. Ursprünglich marxistisch geprägt, bewegte er sich früh in den Kreisen um Chattopadhyaya: er schloss sich dem Indian News Service and Information Bureau (INSIB) an und veröffentlichte mit Chatto und anderen den Indo-German Commercial Review – Nambiar war überhaupt journalistisch sehr aktiv [1,2,3]. Ab 1927 pflegte er engen Kontakt zu Jawaharlal Nehru, der 1929 die Gründung des Indian Information Bureau (IIB) anregte, das bis 1931 vom Indischen Nationalkongress und dem deutschen Außenministerium unterstützt wurde [22]. Nambiars darauffolgendes Engagement in Moskau blieb nach seiner Wiederkehr nicht folgenlos: Im Februar 1933, kurz nach dem Reichstagsbrand, stürmten SA-Männer seine Wohnung am Berliner Kaiserplatz, misshandelten ihn, beschlagnahmten Unterlagen und verhafteten ihn [6]. Dank der Hilfe seiner Sekretärin und Partnerin Eva Geissler (später Walter), die einst mit Heinrich Himmler zur Schule gegangen war, später Kommunistin wurde und ebenfalls enge Kontakte zur Familie Nehru pflegte, kam Nambiar frei und floh nach Prag [7,8, 23].

1942 kehrte er jedoch im Rahmen von Boses Strategie nach Berlin zurück und wurde Teil des „Free India Centre“ [9,10], unterstützt von den Nationalsozialisten. Bose „überredete Nambiar, sich ihm trotz seiner anti-nazistischen Ansichten anzuschließen“, schreibt der Historiker Ole Birk Laursen [22]. Nach Boses Abreise übernahm Nambiar dessen Leitung des Zentrums. Von dort aus koordinierte er Kontakte, organisierte Propagandamaßnahmen, hielt Verbindung zu deutschen Behörden – und kooperierte, wie Roy nüchtern festhält, „erfolgreich mit den Nazis, einschließlich SS und Gestapo – das war keine Selbstverständlichkeit“ [19,11]. Nambiar warb unter indischen Kriegsgefangenen für Boses neue Einheit: die „Legion Freies Indien“, die später formal Teil der Wehrmacht und der Waffen-SS wurde [11]. Für Bose und Nambiar war sie gedacht als Instrument gegen die britische Kolonialmacht. Für die Soldaten jedoch bedeutete es, den Eid sowohl auf Hitler als auch auf Bose abzulegen – ein Akt, dessen moralische Ambivalenz bis heute nachhallt.

Nambiar gehörte 1942 zu den Mitbegründern der Deutsch-Indischen Gesellschaft (DIG) in Hamburg, die im Schatten der NS-Politik entstand [20]. Nach dem Krieg wurde die DIG zwar aufgelöst, doch 1950 beteiligte Nambiar sich mit ehemaligen Offizieren der Indischen Legion wie Adalbert Seifriz an einer Neugründung. 1974 und 1981 war Nambiar selbst im Vorstand der neuen DIG, und danach zum Ehrenmitglied ernannt – ein Symbol dafür, wie eng verflochten seine Wege mit Deutschland blieben [12,13].

Gerade hier wird Nambiar zu einer der widersprüchlichsten Figuren der indischen Unabhängigkeitsgeschichte in Europa. Seine Kooperation mit einem verbrecherischen Regime mag womöglich kein Ausdruck ideologischer Sympathie, sondern radikaler Zweckrationalität gewesen sein, getreu dem Motto „Der Feind meines Feindes ist mein Werkzeug“ [11,17]. Dennoch wirft diese Haltung unbequeme Fragen auf: Kann antikolonialer Widerstand durch Kollaboration entlastet werden? Oder verliert eine Befreiungsbewegung ihre moralische Integrität, wenn sie sich mit totalitären Regimen einlässt? Nambiar beantwortete diese Fragen durch sein Handeln und weniger durch Reflexion [17,18].

Bose und das organisatorische Erbe

Man muss festhalten, dass Subhas Chandra Bose ohne die Vorarbeit dieser Netzwerke kaum handlungsfähig gewesen wäre [2,3,4]. Doch die Vorstellung vom singulären Revolutionär greift zu kurz. Was Bose trug, war eine Infrastruktur, gewachsen aus Jahrzehnten politischer, ideologischer und organisatorischer Vorleistung [19].

Exakt dieser strukturelle Aspekt ist von Bedeutung: Der Übergang vom India Independence Committee zum Sonderreferat Indien, die deutschen Erfahrungen mit indischen Exilaktivisten und die über Jahre gewachsenen Kontakte in Verwaltung und Nachrichtendiensten bildeten die stille Voraussetzung für Boses Aktivitäten. Nambiar wurde innerhalb dieses Gefüges zu einem zentralen, operativen Bindeglied – nicht zum Ursprung, sondern zum besagten Vollstrecker einer bereits angelegten Zusammenarbeit [19].

Nach dem Krieg: Rückkehr und Kontinuität

Nach 1945 verschwindet Nambiar keineswegs in der Bedeutungslosigkeit. Nach 1945 kehrte Nambiar dank Nehru in den neuen indischen Staat zurück, nutzte seine bestehenden Netzwerke und arbeitete u.a. in der Schweiz, bevor er 1955 indischer Botschafter in der Bundesrepublik Deutschland wurde (bis 1958), wo er erneut in unmittelbarer Nähe zur Macht agierte. Diese Rehabilitierung sagt weniger über ihn als über die politische Amnesie der Nachkriegszeit: Der Kalte Krieg, neue Allianzen und wirtschaftliche Interessen schienen die alten Verbindungen zu verdrängen, und die Erinnerung an Nambiars Tätigkeit im Dienste Boses sowie seine Nähe zu nationalsozialistischen Machtstrukturen wurde leiser, unschärfer, beinahe unhörbar, existierten jedoch weiter [12,13,14].

Eine unbequeme Figur im Schatten

Und so steht im Schatten der großen Namen – Nehru, Bose, Gandhi – ein Nambiar als eine unkomfortable, widersprüchliche Figur. Seine Kooperation mit Nazis, SS und Gestapo macht deutlich, dass antikolonialer Idealismus und moralische Verantwortung nicht immer harmonieren. Sein Leben zeigt die radikale Spannung zwischen politischem Kalkül, Opportunismus und moralischem Risiko – ein Dilemma, das bis heute Fragen nach Schuld, Verantwortung und historischer Bewertung aufwirft – und besprochen werden muss [17,18].

Quellenangaben:

  1. „A Life in Shadow: The Secret Story of ACN Nambiar“ by Vappala Balachandran, Roli Books (2017)
  2. „ACN Nambiar: Netaji Subhash Chandra Bose deputy, Jawaharlal Nehru aide was Soviet spy, reveal British docs“, The Economic Times (2014)
  3. „Üben für die Unabhängigkeit. Das Indische Nachrichten- und Informationsbüro in Berlin-Halensee“, by Gerdien Jonker, Kolonialismus begegnen. Dezentrale Perspektiven auf die Berliner Stadtgeschichte (2024)
  4. „Hub of the Anti-Imperialist Movement: The League against Imperialism and Berlin, 1927-1933“, by Fredrik Petersson (2014)
  5. „Die indische Legion“, by Urmila Goel (2003)
  6. „Arathil Candeth Narian Nambiar, Indian Information Bureau, Berlin: assault and detention by Nazis and deportation from Germany Mar 1933-May 1939“, UK National Archives
  7. Die Abenteuer von Eva Wilhelmine Walter-Geissler (1900–1991): Revolutionen, falsche Pässe und versteckter Cognac, Züricher Wochenzeitung, by Martin Hamburger, 01.03.2001
  8. Eva Walter (1900–1991): „Mein Mann war so scheu, dass er monatelang kein Wort mit mir sprach“, Züricher Wochenzeitung, by Joanna Simonow, 07.12.2023
  9. „The Indian man in the concentration camp“, Indian Memory Project
  10. „A Beacon Across Asia: A Biography of Subhas Chandra Bose“, by Alexander Werth, Orient Blackswan (1996)
  11. „Die Indische Legion im Zweiten Weltkrieg: Interkulturelle Menschenführung zwischen Atlantikwall und Wehrmachtsgefängnis“, by Jan Kuhlmann (2015)
  12. „Subhas Chandra Bose und die Indienpolitik der Achsenmächte“, epubli Verlag, by Jan Kuhlmann, S. 350 (2015)
  13. „Festschrift zum 50-jährigen Bestehen der Deutsch-Indischen Gesellschaft 1953-2003“, by Hans-Georg Wieck, S. 29, S. 105 (2003)
  14. „Entspannung: Nehru nickte“, Der Spiegel (1957)
  15. „Übersicht über die Aufnahme der diplomatischen Beziehungen, die Errichtung der Auslandsvertretungen und ihre Dienststellenleiter*innen (Stand: 2025)“, Auswärtiges Amt
  16. „Arathil Candeth Narian Nambiar: collaboration with Nazis; activities in Europe; refusal of passport facilities“, UK National Archives
  17. „Files speak of Bose deputy’s espionage acts“, by Parvathi Menon, The Hindu, 23.06.2016
  18. „An enigmatic personality“, by Amiya K. Samanta, The Statesman, 17.06.2017
  19. „Baijayanti Roy: Indien im Blick der Nazis“, by Vikram Gandhawa, theinder.net, 31.10.2025
  20. „Gründung der Deutsch-Indischen Gesellschaft“, Hamburg, 11.09.1942
  21. „Chronik des Indien-Instituts e.V. in München“, München, 15.02.1929
  22. Dekoloniale – ACN Nambiar, by Ole Birk Laursen, 2024
  23. Teil 3/5: Intimität als Strategie: Nambiar, Roy und die Geissler-Schwestern im antikolonialen Kampf, by Vikram Gandhawa, theinder.net, 24.01.2026

„Indien im Schatten des Nationalsozialismus“ – alle fünf Teile im Überblick:

I. Der ideologische Wahn: Himmlers SS-Expedition nach Tibet
II. Die wissenschaftliche Antwort: Irawati Karve und die Schädelvermessung
III. Die politische Strategie: Eva Geissler – Intimität als antikoloniale Waffe?
IV. Die moralische Ambivalenz: Indiens Schattenmann A. C. N. Nambiar
V. Das tragische Ende: Noor Inayat Khan – Widerstand bis nach Dachau

Vikram Gandhawa
Vikram Gandhawa
Vikram (Choti) Gandhawa ist Kommunikationswissenschaftler und seit 2021 als Online-Redakteur für theinder.net tätig. Seine Themenschwerpunkte sind aktuelle Tages- und Wirtschaftspolitik sowie Postkolonialismus, seine Vorliebe investigativer Journalismus.

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