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Do, 22. Oktober, 2020
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Ärzte für die Dritte Welt in Kolkata

(von Soumya P. Datta) Während meines dreiwöchigen Kolkata-Besuches habe ich das dortige, gleichnamige Projekt der Organisation Ärzte für die 3. Welt (Äfd3W) besucht. Die Äfd3W haben verschiedenste Projekte in den armen Gegenden der Welt. Die größten sind in den Philippinen, in Indien und in Bangladesh und werden zu zwei Dritteln aus Spenden und zu einem Drittel aus Bundesmitteln finanziert. 
Die dort tätigen deutschen Ärzte arbeiten ehrenamtlich in ihrem Urlaub oder im Ruhestand. In Kolkata ist der Hauptsitz mit Unterkunft für die etwa 8-12 Ärzte, einer Art Praxis und einer Säuglings-Peppelstation in Shibpur in Howrah. Von dort aus fahren die einzelnen Teams dann jeden Tag raus in einzelne Standorte in den Slums oder Dörfern. Namentlich sind das Tiljala (Slum entlang der Eisenbahn), Songrampur (abgelegenes Dorf), Chengail (Dorf), Bankra (armer Aussenbezirk), Brace Bridge (Hafen/Güterbahnhof, größeres Slumgebiet, Versorgung für rund 500.000 Einwohner!), Rajabazar (Ziegenmarkt, eh. aufgelöster Slum) Topsia und Bojerat (Industriegebiet, Busstation). 
Ein Team besteht aus 2 Ärzten und etwa 10 bis 12 Schwestern, einem Krankenwagen mit dem gesamten Material und Fahrer. Kommt man morgens an einem solchen Standort an, warten oft schon mehr als hundert Leute, die oft von weither angereist sind. Unter ihnen sind die ärmsten der Armen, Mütter mit Kindern und Schwerstarbeiter die sich sonst keine andere medizinische Behandlung leisten können. Die häufigsten Erkrankungen bei den Kindern sind Würmer, Hautparasiten, Mangel- und Fehlernährung, Eisen-, Zink- und Vitaminmangel (viele vegetarisch lebend), Infektionen (Lungenentzündung, Durchfall), Tuberkulose, Malaria, Masern und vieles andere. Bei den Müttern kann oft eine Schwangerschaftsversorgung durchgeführt werden, aber auch die 3-Monatsspritze zur Empfängnisverhütung wird angeboten. Darüber hinaus sind auch hier Wurm- und Hauterkrankungen, Eisenmangel sowie Geschlechtskrankheiten häufig. Tuberkulose und Malaria betrifft fast alle. Die älteren Männer leiden fast alle an einer chronisch obstruktiven Lungenkrankheit (COPD (asthmaartig)), welches auf die hohe Luftverschmutzung zurückzuführen ist. Die Luftverschmutzung in einer indischen Großstadt entspricht dem Rauchen einer Schachtel Zigaretten am Tag. 
Um all diese Krankheiten behandeln zu können, steht den Ärzten eine abgespeckte Version der WHO-Medikamentenliste zur Verfügung, die Basismedikamente wie Antibiotika und Schmerzmittel aus allen Gebieten beinhaltet. 
Wichtiger aber als die meist nur lindernde Akuttherapie sind alle Vorbeugemaßnahmen. So werden alle Kinder registriert und geimpft. Jedes Jahr sterben 2,1 Millionen Menschen aufgrund mangelnder Impfung, 500.000 Kinder sterben jedes Jahr an Masern. Grade in Indien sieht man sehr viel Masern mit schwersten Verlaufsformen. Die Mütter werden über Zubereitung von Nahrung, Abkochen von Wasser usw. unterrichtet. 
Ein großes Gebiet ist die Tuberkulose-Erkrankung. Ein Drittel (!) der Weltbevölkerung ist mit Tuberkulose infiziert. Die Übertragung findet per Tröpfcheninfektion statt, ein Kranker steckt jedes Jahr 10-15 neue Personen an. Die Therapie ist sehr langwierig und erfordert eine zuverlässige Mitarbeit der Patienten. So müssen über 6 Monate bis zu 4 verschiedene Medikamente regelmäßig eingenommen werden. Leider kommt es oft nach 1-2 Monaten mit Besserfühlen der Patienten zu einem Therapieabbruch. Dadurch entstehen resistente Bakterien, die dann noch kaum zu behandeln sind. In Kolkata sieht man neben der Lungentuberkulose auch alle anderen Formen der Manifestation, im Skelett, auf der Haut und in Lymphdrüsen. Es gibt auch staatliche Tuberkulosestellen und Sputumteststellen, aber gegen die große Masse der Bevölkerung kommen diese nicht an. 
Die Armut in Indien begegnet einem ja überall, nur wird sie im Alltag und vor allem auch von den gut situierten Einheimischen kaum wahrgenommen. So wird mit dem Rikshafahrer um jede Rupie gefeilscht, Bettler oft achtlos zur Seite geschoben. Durch den direkten Kontakt zu diesen Menschen durch dieses Projekt konnte ich selber erfahren, wie arm diese Leute wirklich sind. Als Beispiel sei ein 20 jähriger Junge genannt, der an einem Hochofen an der Eisenschmelze arbeitet. Er kam mit vielen alten Verbrennung an den Armen und im Gesicht, der Augen. Auf unseren Tipp hin, einfach langärmelige Sachen zu tragen, entgegnetet dieser, dass er keine langärmelige Kleidung besitze. Den meisten Arbeitern fehlt das Geld für Obst und Gemüse. Die Kinder werden oft im 2. Lebensjahr noch ausschließlich über die mütterliche Brust ernährt, da feste Nahrung Geld kostet. 
Auf der anderen Seite sind in den Großstädten überall neue Shopping-Zentren entstanden mit europäischen Preisen. Es gibt eine große Mittelschicht, die mehr Geld als je zuvor hat, Auto fährt und zu Pizza-Hut geht. 
Die Ungleichheit der Menschen aufzuheben und den Zugang der breiten Masse zu medizinischer Versorgung, Bildung und Nahrung bleibt auch im IT- und Atombomben-Zeitalter die größte Herausforderung Indiens.

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