theinder.net – Seit 20 Jahren das Indien-Portal für Deutschland – For 20 Years Germany's Premier NRI Portal – २० वर्षों से जर्मनी का प्रमुख भारत संबंधी वेबसाइट

Sa, 24. Oktober, 2020
Start Default Homosexualität in Indien

Homosexualität in Indien

(von Urmila Goel) In der Section 377 des Indian Penal Codes steht: “Whoever voluntarily has carnal intercourse against the order of nature with any man, woman or animal, shall be punished with imprisonment for life, or with imprisonment of either description for a term which may extend to 10 years and shall also be liable to fine.”

Dieser Paragraph des Indischen Strafgesetzbuches geht auf koloniale Zeiten zurück. Das britische Empire hatte den Offences Against the Person Act (1861) nicht nur in England sondern auch in allen Kolonien eingeführt. Er kriminalisiert alle “unnatürlichen” Formen sexuellen Verkehrs. Damit ist die Section 377 nicht explizit ein Gesetz gegen Homosexualität. Folgt man dem Wortlaut ist jegliche Form von Sexualität strafbar, die nicht zur Zeugung von Kindern führen kann. Wenn man das Gesetz also eng auslegen würde, würden auch die meisten Ehepaare immer wieder gegen es verstossen. Aber so wird die Section 377 nicht ausgelegt. Die meisten Inder und Inderinnen verstehen sie als ein Gesetz gegen Kindesmissbrauch und vor allem gegen Homosexualität. Auch wenn nach dem Gesetzestext nicht die die homosexuelle Orientierung an sich strafbar ist. Denn er bezieht sich eigentlich nur auf den “unnatürlichen” sexuellen Akt. Damit folgt die Section 377 einer ähnlichen Logik wie die katholische Kirche. Deren Priester dürfen zwar homosexuelle Gefühle gehabt haben, es ist ihnen aber verboten diese auszuleben.

Die Section 377 wird tatsächlich nur selten benutzt, um Menschen vor Gericht zu stellen. Allerdings gab es Anfang Januar einen spektakulären Fall in Lucknow, bei dem vier Schwule festgenommen wurden. Das größere Problem ist aber, dass dieses Gesetz zusammen mit der generellen gesellschaftlichen Ablehnung von Homosexuellen, das Leben für sie sehr schwer macht. Immer wieder werden sie auf das Gesetz hingewiesen und ihnen weiß gemacht, dass sie nicht nur gegen das Gesetz verstoßen sondern auch “unnatürlich” sind. Familien sperren ihre Kinder ein, zwingen sie zu einer heterosexuellen Ehe oder setzen sie einer psychiatrischen Zwangstherapie aus. Viele Menschen, und auch Ärzte, in Indien glauben, dass Homosexualität eine Krankheit ist, die man heilen kann. Daher werden viele “Kranke” unter Medikamente gesetzt und bekommen Elektroschocktherapien, auch über Jahre hinweg. Polizisten machen immer wieder Razzien, erpressen, bedrohen, misshandeln und vergewaltigen insbesondere Schwule und Transsexuelle. Körperliche und psychische Gewalt gegen Homosexuelle und andere, die von der sexuellen Norm abweichen, sind in Indien traurige Normalität.

Dabei lässt sich Homosexualität im Verborgenen relativ gut leben. Noch immer gibt es eine starke Trennung von Männern und Frauen nicht nur in der Öffentlichkeit sondern auch im privaten Bereich. Während ein Mann und eine Frau keine öffentlichen Zärtlichkeiten austauschen dürfen, ist es normal wenn Männer Händchen haltend durch die Straßen gehen oder Frauen zusammensitzen. Es gibt also Möglichkeiten gleichgeschlechtliche Liebe zu leben, solange sie nicht zu offensichtlich wird. Und man muss sich an die Normen halten. Wer nicht heiraten will, fällt auf und bekommt Ärger. Der Mann, der lange Haare hat und sich feminin gibt, fällt genauso negativ auf wie die Frau mit kurzen Haaren und Männerkleidung. Wer zu seinem Anderssein stehen will, fällt auf, und bekommt die ganze Ablehnung der Gesellschaft und meist auch der eigenen Familie zu spüren. Die Kraft dafür haben nur wenige, viele entscheiden sich daher für ein heimliches Doppelleben.

Abweichungen von der Normalität haben ihren Platz nur am Rande der Gesellschaft. So sind etwa die Hijras eine eigene Community. Hijras sind Menschen, die entweder mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen geboren wurden, oder Männer, die als Frauen leben. In der indischen Gesellschaft haben sie ihre eigene Rolle, sie kommen zu Hochzeiten und Geburten, singen und tanzen dort. Sie haben ihre Aufgaben in den Ritualen, ihnen wird Geld gegeben, geachtet werden sie aber nicht.

In den letzten zehn Jahren haben sich viele Organisationen gegründet, die sich für die Rechte von Homosexuellen und anderen, die von der sexuellen Norm abweichen, einsetzen. In ihrer Arbeit sprechen sie allerdings selten von Homosexualität. Viele benutzen Bezeichnungen wie msm (‘men having sex with men’), ‘women attracted to women’ oder ‘same sex desiring’. Damit sprechen sie nur das sexuelle Verhalten an und unterstellen keine fest geschriebene (sexuelle) Identität. Ein anderer Begriff, der benutzt wird ist “queer”. “Queer” nennen sich jene, die sich nicht der sexuellen Norm unterwerfen wollen oder können. Neben Homo-, Bi- und Transexuellen sind dies, zum Beispiel, auch Heterosexuelle, die nicht heiraten wollen. Ein Auslöser für die Entstehung der queeren Bewegung war Ende der 1990er die Auseinandersetzung um den Film “Fire” von Deepa Metha. In ihm geht es auch um eine lesbische Beziehung. Die Hindu-Nationalisten hielten dies für “unindisch”, verbreiteten Terror und griffen Kinos an. Das wollten sich Schwule und Lesben nicht länger bieten lassen, und fingen an, öffentlich für ihre Rechte einzutreten. Eines ihrer Ziele ist die Abschaffung der Section 377 als ein erster Schritt zur Gleichberechtigung.

Mehr über Queerness und indische Tradition, über die Diskriminierungen Homosexueller, über die queere Bewegung, persönliche Porträts und Geschichten und vieles mehr gibt es im Schwerpunkt “Queer South Asia” auf den Seiten unseres Kooperationspartner suedasien.info

http://www.suedasien.net/themen/schwerpunkt0601_queer/editorial.htm

Übrigens: Auch in Deutschland gab es bis vor kurzem ein ähnliches Gesetz wie die Section 377. Der Paragraph 175 des Deutschen Strafgesetzbuches, der aus der Kaiserzeit stammt und während der Nazizeit noch verschärft wurde, galt bis 1969 und in abgemilderter Form sogar bis 1994.

Beliebte Artikel

Vorwort zum 20. Jubiläum

Liebe Leserinnen und Leser, theinder.net wird 20! Wir blicken auf eine ereignisreiche Zeit zurück, vor allem in den ersten...

Urmila Goel: “Dass das Indernet so alt geworden ist und diverse Krisen überlebt hat, ist etwas Besonderes”

Urmila Goel, geb. 1970, lehrt und forscht an der Humboldt-Universität zu Berlin in den Bereichen Europäische...

Aba Koikkara: “Soul of India – Eine Epoche der Malayalee-Jugend mitgestaltet”

Joyce Nagathil, Bindu Kolath und Aba Koikkara fanden sich Mitte der Neunziger Jahre zusammen, um...

sabuproductions: “Es war toll die Massen zu bewegen”

DJ Sabu (sabuproductions) gehörte ab Mitte der Neunziger Jahre bis Anfang des neuen Jahrtausends nicht...

Zuletzt Kommentiert

WP Twitter Auto Publish Powered By : XYZScripts.com