theinder.net – Seit 20 Jahren das Indien-Portal für Deutschland – For 20 Years Germany's Premier NRI Portal – २० वर्षों से जर्मनी का प्रमुख भारत संबंधी वेबसाइट

Do, 22. Oktober, 2020
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Dreizehn Jahre Indernet

(von Bijon  Chatterji) Der Bitte von Dr. Urmila Goel einen Text zur Geschichte des Indernets zu verfassen, komme ich sehr gerne nach. Ich freue mich und bin erstaunt zugleich, dass das Indernet 13 Jahre nach seiner Gründung noch immer eine Faszination ausstrahlt und Gegenstand von Forschungsarbeiten geworden ist.

Die korrekte Bezeichnung des Internetprojekts ist theinder.net. Der Ausdruck Indernet hat sich sowohl bei den Gründern des Portals sowie bei zahlreichen Nutzern   umgangssprachlich bereits vor vielen Jahren eingebürgert und wurde darüber hinaus in wissenschaftlichen Arbeiten verwendet. Auch ich werde den Begriff Indernet im Folgenden verwenden.

Ursprünge und Gründung des Indernets

Die Gründung des Indernets geht auf das Jahr 2000 zurück. Ich war damals Student in Braunschweig und setzte mich in meiner Freizeit intensiv mit den Möglichkeiten und dem Potenzial des Internets auseinander. Ich wollte nicht bloß Informationen von dritter Seite konsumieren, sondern selbst im Internet aktiv werden. Auf diese Weise hatte ich schon einige Jahre zuvor meine erste Webseite online gestellt und diverse Internetprojekte initiiert.

Gleichzeitig beschäftigte ich mich tiefgründiger mit meiner ethnischen Herkunft und interessierte mich für indische Kultur, Politik und Geschichte. Bibliotheken und Dokumentarfilme waren für mich anfangs noch die Informationsquelle erster Wahl. Das Internet gewann jedoch stetig an Bedeutung, wenn auch die zu jenem Zeitpunkt dort verfügbaren Informationen zum Thema Indien begrenzt waren.

Das Jahr 2000 war symbolisch für den Beginn eines neuen Medienzeitalters. Zugleich wurde die Greencard-Debatte entfacht. Mit der Greencard sollte einem IT-Fachkräftemangel in Deutschland entgegengewirkt werden. Öffentlich wurde diese neue Regelung der damaligen Bundesregierung kontrovers diskutiert: Vertreter der Wirtschaft waren dafür, oppositionelle Politiker wie Jürgen Rüttgers stemmten sich mit Parolen wie „Kinder statt Inder“ dagegen. Bedauerlicherweise wurde diese Parole auch von den Republikanern im Landtagswahlkampf eingesetzt. Indien rückte dadurch unfreiwillig mit einem negativen Unterton in den Fokus der Öffentlichkeit. Denn plötzlich war nicht mehr die Rede von bunten Sarees, Ayurveda und Räucherstäbchen, wenn man über Indien sprach, sondern von indischen Computerspezialisten, die den Deutschen ihre Arbeitsplätze wegnehmen würden.

In dieser Phase, Frühjahr 2000, führte mich das Internet zurück zu Kristian Joshi und Soumya Datta, zwei Freunde indischer Herkunft aus dem Bremer Raum. Wir kannten uns bereits aus der Kindheit durch unsere Eltern. Völlig unabhängig voneinander hatten wir jeweils unsere persönlichen Webseiten ins Internet gestellt. Es war ein Zufall, dass wir uns dort mit Indien-Themen beschäftigten, gleichwohl es anfangs noch ironische Antworten auf die zu dem Zeitpunkt kritische Greencard-Diskussion waren. Nach zahlreichen E-mails griff ich zum Telefonhörer und war überrascht, dass Kristian und Soumya ähnliche Ideen und Vorstellungen hatten wie ich. Denn spontan verlinkten wir unsere Internetseiten miteinander und hoben enthusiastisch das erste kleine „Inder-Netzwerk“ aus der Taufe. Freunde und Bekannte schrieben fortan in unsere Online-Gästebücher und lobten uns für die interessanten und witzigen Inhalte.

„Ich finde the Inder nett!“

Wir spürten schnell, dass dieses „Drei-Personen-Netzwerk“ erst der Anfang einer Geschichte war. Wir gingen sehr pragmatisch vor und trafen uns persönlich – „offline“ sozusagen – bei Kristian im Städtchen Achim bei Bremen. Wir diskutierten über die neue negative öffentliche Wahrnehmung Indiens im Zuge der aktuellen Politik in Deutschland sowie darüber, dass die Öffentlichkeit durch das Internet unzureichend und bisweilen klischeehaft über Indien-Themen informiert würde. Wir wollten darüber hinaus der zweiten Generation der in Deutschland lebenden Inderinnen und Inder eine Austauschplattform liefern, sie miteinander vernetzen. Wir beschlossen die Gründung einer übergeordneten Internetseite und suchten nach einem Namen. „Gateway to India“ war uns zu langweilig. Dafür amüsierte uns ein bekannter Comic, in dem ein Deutscher seinem Hund, der einen Inder anbellt, mit den Worten „Inder nett!“ zurechtweist. Der Inder in diesem Comic ist verärgert und reicht dem Hundebesitzer mit den Worten „on line!“ eine Hundeleine.

Wir fanden die Bedeutung des Wortes „Indernet“ deswegen treffend, da sie eine humoristische Anlehnung an das „Internet“ und zugleich eine Abkürzung für unser „INDER-NETzwerk“ war, das wir faktisch bereits waren. Der bekannte Journalist Ranga Yogeshwar sagte mir einige Jahre später einmal, dass ihn das Wortspiel sehr erheitert habe: „Also ich finde the Inder nett!“. Einen exakten Gründungstag für das Indernet kann man allerdings nicht benennen, Juni 2000 ist als Monat jedoch richtig.

Schnell musste eine offizielle Web-Domain her, inder.net war bereits vergeben. Wir wichen auf eine andere Bezeichnung aus und entschieden uns eher aus der Not heraus für theinder.net (sprich: „the Indernet“), weil wir deutsch- und englischsprachige Leser ansprechen wollten und die Bilingualität des Namens unserer Plattform somit gut dazu passte. Für einige Zeit boten wir Informationen sogar auf Hindi an. Wir konnten jedoch dieses Unterprojekt aufgrund Zeitmangels nicht aufrechterhalten. Die Domain www.theinder.net wurde offiziell am 15. Juni 2000 registriert.

Um ein Personennetzwerk aufzubauen, suchten wir zunächst über persönliche Kontakte nach Inderinnen und Indern in Deutschland und Indien. Wir waren überrascht über den enormen Zulauf und merkten, dass es ein öffentliches Bedürfnis gab, eine gemeinsame Online-Plattform zu nutzen.

Kommunikation und Information

Zwei wichtige Elemente bestimmten vom ersten Tag an unser Projekt: Kommunikation und Information. Der kommunikative Aspekt unserer Plattform sollte in Form von Diskussionen der Nutzer untereinander erfüllt werden:

Wir stellten zunächst ein Gästebuch online, das stark in Anspruch genommen wurde („Hey, ich bin jetzt auch im Indernet!“). Da es bei den Gästebucheinträgen nicht bei einfachen Grüßen blieb, sondern auch Diskussionsthemen angestoßen wurden, erweiterten wir unsere Internetseite am 30. Juni 2000 durch ein virtuelles Forum. Jeder Leser konnte ohne Anmeldung ein beliebiges Thema erstellen oder an laufenden Diskussionen teilnehmen. Während überwiegend konstruktiv diskutiert wurde, z.B. zur Kaschmirpolitik oder der Identitätsfrage der 2. Generation, gab es hin und wieder störende Nutzer, die durch unqualifizierte Aussagen und Beleidigungen negativ auffielen. Hier lernten wir erstmals als Moderatoren zu agieren: wir definierten einen Verhaltenscodex und mussten im Rahmen dessen zeitweilig auch komplette Beiträge löschen sowie Nutzer verbannen. Ich erinnere mich, dass wir uns zum Spaß eine erzieherische Maßnahme erlaubten und kurzzeitig eine Plattform mit dem Namen „the Kindernet“ gründeten, auf die wir alle Störenfriede verwiesen, die den Codex nicht akzeptieren wollten. Diese Maßnahme sowie vor allem unsere systematische Moderation des Forums führten dazu, dass Störfaktoren minimiert wurden, jedoch auch die Nutzeranzahl sank.

Der informative Nutzen sollte durch die Rolle des Indernets als Onlinemagazin erlangt werden: Die ersten Themen lagen quasi vor der Haustür: wir berichteten vor Ort vom indischen Pavillon der EXPO 2000 aus Hannover. Die Deutsche Messe AG erkannte uns als Pressemedium an, nachdem wir dort persönlich vorstellig wurden und die Idee unseres Portals erklärten – dies war für uns ein wichtiger Schritt. Darüber hinaus berichteten wir im selben Jahr über Indiens Leistungen bei den Olympischen Spielen in Sydney sowie über indische religiöse Feste in Deutschland.

Wir erkannten die Anforderungen an eine Online-Community früh und konzipierten Newsletter, programmierten den ersten deutsch-indischen Chatroom und öffneten somit einen weiteren Kommunikationskanal für unsere Nutzer. Aufgrund unserer Vorkenntnisse in den Bereichen Grafikdesign, Programmierung und Vermarktung gelang es uns das Indernet einer interessierten Öffentlichkeit ansprechend zu präsentieren.

Das Diskussionsforum ersetzte das Gästebuch nach einiger Zeit komplett. Das Gästebuch schlossen wir 2003 endgültig, nachdem diffamierende Einträge Überhand nahmen und aufgrund dessen nicht mehr moderierbar waren.

Vom Inder-Netzwerk zum Indien-Netzwerk

Da viele deutsche Freunde unser Projekt unterstützten und wir niemanden aus Gründen der Toleranz ausgrenzen wollten, mutierte das Inder-Netzwerk zu einem Indien-Netzwerk. Später gründeten wir Indien Netzwerk e.V., der bis heute besteht und den wir als offiziellen Herausgeber unseres Internetprojektes verstehen.

Unsere Vision war die Gründung eines Portals, das sowohl eine deutsch-indische Online-Community als auch ein Online-Magazin integriert. Wir kreierten griffige Slogans wie „Kommunikation, Information, Unterhaltung“ und „Indien im Netz“, die sehr positiv aufgenommen wurden. Medien und Forscher schrieben über uns „Das Indernet ist am Puls der Jugend“, „Sprachrohr der Community“ und „Aus einem Kneipenwitz wurde theinder.net“. Manche bezeichneten uns auch als „Ethnoportal“.

Katalysatoren, Vernetzung und interne Strukturierung

Zwei Ereignisse dieser „Pionierzeit“ förderten und katalysierten die Vernetzung von Nutzern innerhalb des Indernets. Zum einen eine indische Kulturveranstaltung des Vereins für Indiens Entwicklung e.V. am 20. August 2000 in Köln und zum anderen ein Seminar des Jugendforums der Deutsch-Indischen Gesellschaft e.V. vom 3.-5. November 2000 in Königswinter („KöWi“). Anders als andere indische Jugendliche in Deutschland, die zum damaligen Zeitpunkt regional organisiert waren, wollten wir bundesländerübergreifend agieren und zögerten nicht, die Initiative zu ergreifen um aus Norddeutschland in den Raum Köln-Bonn zu fahren. Dort warben wir erfolgreich für unsere Ideen und vernetzten uns online wie offline mit anderen Jugendgruppen und Veranstaltern. Der Grund für unsere Reisebereitschaft lag jedoch wohl auch an der damals wenig ausgeprägten deutsch-indischen Jugendszene in Norddeutschland. Diese stand im Gegensatz zu jener in Hessen und Nordrhein-Westfalen, wo Jugendliche bereits sehr aktiv waren („Indian Night“, Frankfurt; „Indian Millennium Party“ und „Durga Puja“, Köln; „Soul of India“, Düsseldorf).

Wir als Gründer begannen fortan unser Portal personell zu strukturieren und feste Aufgaben zu verteilen. Während Kristian Joshi als „Creative Director“ dem Indernet sein markantes Logo und dem Projekt ein Gesicht gab, agierte Soumya Datta verantwortlich für die Bereiche Finanzen und Buchhaltung. Kristian sorgte für ein ansprechendes und hochwertiges Webdesign des Indernets, das zu einem eigenen Markenzeichen wurde. Ich übernahm die Koordination der redaktionellen Arbeit und akquirierte Redakteure, die unser Team verstärkten sollten. Während ich das Ressort „Bildung und Wissenschaft“ gründete, baute Kristian Joshi die Rubrik „Land und Leute“ auf.

Im Rahmen dieser Ereignisse stießen wir über unser Interesse am indischen Fussball schnell auf Arunava Chaudhuri, der von Remscheid aus das Portal indianfootball.com betrieb. Ich konnte Arunava für den Aufbau und die Leitung der Rubrik „Sport und Freizeit“ gewinnen. Arunava wurde einige Jahre später von Chris Punnakattu Daniel sowie von Daniel Ponattu unterstützt. Sujal Ghosh gründete das Ressort „Nachrichten und Medien“. Ihm schloss sich später u.a. Tobias-Grote Beverborg an, der uns durch seine journalistische Erfahrung bei der Deutschen Welle professionell unterstützen konnte. Udoy Chatterji wurde aufgrund seiner großen Erfahrung im IT-Bereich verantwortlich für die komplette technische Administration des Indernets und ist dies mit einer kleinen Unterbrechung bis heute geblieben.

Das Jugendseminar in KöWi war zwar nicht der einzige entscheidende Faktor für den Erfolg unserer Plattform, doch es war ein wichtiger Katalysator zu einem günstigen Zeitpunkt, der den Bekanntheitsgrad des Indernets beschleunigte. Das schnell erweckte Interesse der Medien an einer indischen Online-Community ist als ein weiterer wichtiger Erfolgsfaktor zu sehen. In seiner damaligen Form war das Indernet ein Exot in der Medienlandschaft und für Medien besonders interessant. Zeitungsartikel in den Kieler Nachrichten, dem Magazin Insight und der Tageszeitung führten bereits schnell nach Veröffentlichung zu gesteigerten Klickzahlen des Indernets.

Für einige Jahre waren unser Diskussionsforum und Chatroom die zentralen virtuellen Treffpunkte der 2. Generation und aller Indieninteressierten aus Deutschland, ganz gleich welcher Herkunft. Wir erhielten darüber hinaus Zulauf aus Österreich, der Schweiz und Indien.

Gründung einer Online-Redaktion

Nach Bildung einer Community gewann unsere Funktion als Onlinemagazin zunehmend an Bedeutung. Wir gründeten eine Online-Redaktion mit klaren Aufgabenverteilungen. Wir hielten einmal monatlich Redaktions-Chats ab, und tauschten uns rege per E-mail und über ein Redaktionsportal aus, auf das nur Redakteure Zugriff hatten. Ein zentrales Büro gab es nicht, alle Redakteure arbeiteten von Zuhause aus. Neben administrativen Ressorts wie Redaktionsleitung, Finanzen, Design, IT, Marketing und Pressearbeit, waren vor allem unsere Themen-Ressorts die Basis unseres Informationsangebotes, so etwa Politik, Wirtschaft, Unterhaltung, Sport und Kultur. Betty Cherian und Kathrin Rosi Würtz, die sich uns in KöWi anschlossen, gründeten die viel beachtete Rubrik „Frauen“, weil sie die Rolle der Frau in Indien zu Recht unterrepräsentiert hielten und die Interessen von Frauen stärker zum Ausdruck bringen wollten. Unser regelmäßig gepflegter Veranstaltungskalender wurde zu einem festen und sehr stark frequentierten Bestandteil unserer Internetseite. Wir veröffentlichten erstmalig regelmäßig Fotogalerien von Bollywoodparties, die ab etwa 2003 inflationär wie Pilze aus dem Boden sprießen.

Der öffentliche Zuspruch spornte uns soweit an, dass es Phasen gab, in denen Beruf, Studium und Privatleben zu kurz kamen und das Indernet Vorrang hatte. Durch unsere regelmäßige Präsenz auf Bollywoodparties und Kulturveranstaltungen, unter anderem als Medienpartner, stieg unsere Popularität schon in den ersten zwei Jahren nach Gründung enorm an. Teilweise wurden wir von fremden Personen mit „Seid Ihr nicht die vom Indernet?“ angesprochen. In dieser Phase stieß u.a. Sherry Kizhukandayil als „Netzreporter“ zu uns und berichtete regelmäßig über Bollywoodparties inklusive Fotogalerien. Sherry trug zum Aufbau der Rubrik „Unterhaltung“ bei. Das Indernet interviewte somit auch internationale Szenegrößen wie die Musiker Apache Indian und Badmarsh & Shri.


Probleme

So geschmeichelt wir uns anfangs aufgrund unserer Popularität zwar fühlten, führte ein solcher Bekanntheitsgrad auch zu Problemen. Die anfänglich einige Dutzend Unterstützer wuchsen mit der Zeit zu mehreren tausend, die sich online an Diskussionsthemen beteiligten oder unsere Artikel lasen. Eine Leserin sagte damals treffend: „Anfangs war das Indernet eine kleine vertraute Gemeinschaft, doch mit der Zeit wurde das Indernet anonymer“. Im Hinblick auf die Probleme unseres Erfolges ist jedoch auch Neid zu nennen, der sich in Teilen der Community breit machte. Es gab Gegenströmungen, die dem Indernet als Onlinemedium oder später als Veranstalter entgegenwirken wollten. Dies hinderte uns jedoch nie, unser Projekt weiterzuführen, spornte uns bisweilen sogar an. Veranstalter versuchten uns regelmäßig dahingehend zu beeinflussen ihre Parties besser als die ihrer Konkurrenten darstellen zu lassen und baten uns von einer kritischen Berichterstattung abzusehen. Darauf ließen wir uns jedoch nie ein und wollten nach wie vor objektiv über Veranstaltungen berichten. Dies war richtig, denn dadurch wurden wir in der Szene als ein seriöses und respektiertes Onlinemedium anerkannt und auch Medien wie die Times of India oder die Deutsche Welle kooperierten mit uns.

De facto vorherrschende Vorbehalte innerhalb der indischen Community, beispielsweise Nordindern gegenüber Südindern oder Indern gegenüber Pakistanis, interessierten uns vom Indernet nie. Es erfüllt mich daher mit Stolz, dass unsere Redaktion bunt gemischt war. Deutsche, Nordinder, Südinder, Pakistanis, Christen, Muslims, Hindus – unser Ziel war nichts weiter als eine gute Berichterstattung.

„Optimierte Zielgruppe“

Die Popularität des Indernets führte zu einer „optimierten Zielgruppe“, die plötzlich für Werbekunden interessant wurde. Unseren ersten Werbevertrag schlossen wir mit einem Reisebüro aus Köln, der für vergünstigte Flüge nach Indien warb und auf unser Portal aufmerksam geworden war. Dies ging einher mit unserer ersten groß angelegten Flyeraktion, mit der wir gezielt auf Veranstaltungen auf unsere Internetseite aufmerksam machen konnten. Mateen Memon verstärkte unser Team und wurde verantwortlich für den Bereich Marketing und Promotion. Er trug durch seine Erfahrung als Geschäftsmann maßgeblich dazu bei, dass in den Folgejahren weitere Werbeverträge mit Veranstaltern und Firmen geschlossen werden konnten. Wir bildeten somit finanzielle Rücklagen, um endlich unsere laufenden Kosten zu decken, die wir bis dato aus privaten finanziellen Mitteln gezahlt hatten und uns als Studenten auf Dauer nicht leisten konnten.

Diese neuen finanziellen Mittel ermöglichten uns zudem Veranstaltungen zu organisieren. Bis heute sind wir jedoch unserem Grundsatz treu geblieben, das Indernet ehrenamtlich zu betreiben. Finanzielle Einnahmen werden in die IT-Infrastruktur, Druck von Werbemitteln, Gewinnspiele und in projektbedingte Fahrtkosten reinvestiert.

Mateen gründete die Rubrik „Kultur und Gesellschaft“, die bis heute wichtiger Bestandteil des Portals geblieben ist. In diesem Zusammenhang sind qualitativ hochwertige Gastkolumnen zu nennen, etwa die des Schriftstellers Anant Kumar, Edith Truningers Reihe „Ewaabai“ sowie die englischsprachigen Kolumnen „Usha’s Corner“ von Usha Amrit und einige Jahre später „Nikki’s World“ von Gurpreet Rattan.

Steigende „Offline“-Aktivitäten

Rückblickend waren die ersten sechs Jahre die aktivsten des Indernets. 2000 und 2001 waren wir bundesweit unterwegs, um für das Indernet zu werben und eine Community aufzubauen. 2002 veranstalteten wir in Köln unsere eigene Community-Party „Indian Arena“, die damals teils unbekannte Gesichter aus dem virtuellen Raum zusammenführte. Wichtig war auch unser erster Fernsehauftritt bei arte, durch den wir uns bundesweit einer breiten Öffentlichkeit präsentieren durften. Um in den direkten Kontakt mit unseren Nutzern zu treten, veranstalteten wir 2002 die Aktion „Triff die Redaktion“ in Form von Stammtischen und Ständen bei Veranstaltungen, z.B. in Bonn und Berlin.

Im selben Jahr zeichnete uns Bundespräsident Johannes Rau in Berlin aus, indem wir zu den besten Integrationsprojekten Deutschlands gewählt wurden. Wir setzten uns karitativ ein, nachdem wir 2001 Spenden für Erdbebenopfer in Gujarat gesammelt hatten und dabei halfen 2002 durch das Sportturnier „International Indian Football Series“ in Remscheid eine Fussballschule in West Bengalen aufzubauen. Ich ließ es mir übrigens nicht nehmen, ausgerechnet Jürgen Rüttgers zu diesem Sportturnier einzuladen. Leider konnte er aufgrund terminlicher Verpflichtungen nicht teilnehmen, lobte die Initiative jedoch ausdrücklich.

In dieser Phase etwa bauten Assma Khan und später Samina Akbar unsere Sparte „Unterhaltung“ mit Fokus auf Bollywood aus und veröffentlichten unter anderem regelmäßig Filmrezensionen. Tomal Ganguly wurde Leiter des Ressorts „Wirtschaft“ und später bis heute verantwortlich für den Bereich Marketing.

2003 waren wir Mitveranstalter der ersten „Miss India Germany“ Wahl in Frankfurt/Main, 2005 unterstützten wir Opfer der Tsunamikatastrophe in Kerala durch die Einnahmen aus einer Bollywoodparty in Köln. 2006 wurden wir Partner der Biennale in Bonn und 2007 richteten wir in Hamburg die bis heute einzige Pressekonferenz des populären indischen Sängers Sonu Niigaam aus.

Redaktionell begannen wir Projektleiter zu benennen, die am Ort des Geschehens agieren konnten. Für die Berichterstattung von der Biennale in Bonn sorgte Kathrin Rosi Würtz als Koordinatorin für eine verstärkte Akquise neuer Redakteure, so etwa Julia Scho, die den Bereich „Kultur und Gesellschaft“ mit aktuellen Beiträgen reaktivierte. Die Redaktionsarbeit war bis dahin straff organisiert. Es gab monatlich Themenlisten, aus denen unsere Onlineredakteure wählen konnten und Abgabefristen für ihre Artikel erhielten. Artikel wurden kritisch begutachtet und teils zur Überarbeitung zurückgesandt, ehe sie endgültig publiziert wurden. Die journalistische Qualität der Beiträge wurde dadurch erhöht. Betty Cherian übernahm zu diesem Zeitpunkt den administrativen Bereich Personal und Recruiting, verwaltete die Themenlisten und betreute bestehende Redakteure und neue Bewerber.

Die Foto-Berichterstattung führten Netzreporter durch, die für uns regelmäßig Bollywoodparties besuchten, u.a. Jürgen Stein, Jency Kollamana, Navjot Kaur, Diptesh Banerjee und Assma Khan.

Das wissenschaftliche Interesse am Indernet ab 2004 haben wir aufmerksam verfolgt. Gleichwohl wir stolz darüber waren, dass das Indernet grundsätzlich auch aus akademischer Sicht wertvoll war, erlaubten uns diese wissenschaftlichen Studien andere Blickwinkel auf das Indernet, die wir als Macher nicht hatten. Darüber hinaus erlaubten wissenschaftliche Studien teils auch eine kritische Selbstreflexion.

Allen Erfolgen zum Trotz wurde es ab 2007 ruhiger um das Indernet. Ein Zusammenbruch in der IT-Infrastruktur sowie ein Hackerangriff hatten uns einige Jahre zuvor bereits zahlreiche Nutzerinnen und Nutzer gekostet, die auf andere Plattformen, die ihre Chance erkannten, auswichen. Nahezu alle Redakteure des Indernets hatten ihr Studium oder ihre Ausbildung abgeschlossen und widmeten sich nun ihrer beruflichen Karriere. Wir waren daher aus Zeitgründen nicht mehr in der Lage, unsere Diskussionsforen zu moderieren und ließen Kontinuität in der Redaktionsarbeit und Innovation vermissen. Das Diskussionsforum, das aus technischen Gründen irgendwann überhaupt nicht mehr funktionierte, schlossen wir endgültig, auch wenn uns bewusst war, dass diese Maßnahme die Zugriffszahlen senken und den zentralen Gedanken der Kommunikation eliminieren würde.

Die Klickzahlen sanken in der Tat, jedoch waren wir überrascht, dass noch immer zahlreiche Zugriffe von Lesern erfolgten, die sich vor allem für unsere Online-Artikel interessierten. Auch als die Aktualisierung in Form regelmäßig veröffentlichter Artikel berufsbedingt nicht mehr möglich war, waren es vor allem ältere Artikel zu allgemeinen Themen Indiens, die die Leserinnen und Leser nach wie vor interessierten.

Das Indernet verkleinerte sich durch den Weggang von Redakteuren personell und schränkte seine Aktivität in der Öffentlichkeit ein. Jedoch pflegten wir innerhalb der noch bestehenden Redaktion stets den Kontakt zueinander und diskutierten intern weiter über Indien und das Indernet.

„Totgeglaubte leben länger.“

Nach außen erschien das Indernet dem Betrachter als tot. Andere Online-Portale und Printmedien wurden in dieser Zeit gegründet und bereichern noch heute die Medienlandschaft. Zahlreiche Ideen und Konzepte, die das Indernet entwickelt und erfolgreich umgesetzt hatte, wurden von anderen Medien kopiert, sicherlich aber auch erweitert und besser gemacht.

Es gab einige Phasen in der Geschichte des Indernets, in denen wir komplett aufhören wollten, insbesondere als es ab 2006 ruhiger um das Internetprojekt wurde. Genauso häufig gab es jedoch Strömungen innerhalb der Redaktion, die den Idealismus und Enthusiasmus der Anfangszeit wieder aufflammen ließen.

Es keimte wieder Aktivität innerhalb der Redaktion auf, als die Kontakte zum Filmbüro Baden-Württemberg, die durch unsere Redakteurin Birgit Opitz seit 2005 bestanden, stetig intensiviert wurden . Unter Birgits Projektleitung veröffentlichten wir jährlich einen sehr ausführlichen Sonderteil zur Veranstaltungsreihe „Bollywood and Beyond“. Dieser Sonderteil ist bis heute der ausführlichste journalistisch aufbereitete Beitrag zu dieser Veranstaltung.

Birgit wurde verantwortlich für den Bereich Öffentlichkeitsarbeit und sorgte 2010 für den Eintritt des Indernets bei Facebook. Wir nutzten Facebook, um wieder gezielt mit Nutzern in Kontakt zu treten. Dieser Schritt war richtig, weil wir unser altes Netzwerk reaktivieren konnten und unserem Anspruch Kommunikation zu betreiben wieder ein Stück näher kamen. Wir freuten uns, dass das Indernet noch immer in den Köpfen präsent war und sich bei Facebook sogar eine Indernet-Fangruppe gebildet hatte, die die alten Kontakte pflegte. Die Mitglieder dieser Gruppe „theinder.net Supporters“ hatten sich vor vielen Jahren über das Indernet kennengelernt und wollten in Kontakt bleiben.

Unser Wunsch auch aus Indien aktiv sein zu können, erfüllte sich durch die Zusammenarbeit unter anderem mit Gurpreet Rattan und Jagat Mitra, die zu aktuellen Themen aus Neu Delhi berichteten. Darüber hinaus bereiste die Studentin Marléne Görtler 2010 Indien. Sie schrieb und fotografierte ausschließlich für das Indernet und wurde dafür mit einem Stipendium des DAAD gefördert. Diese Art der Auslandsreportage wurde öffentlich mit großem Interesse verfolgt.

Indernet 2.0

Wenn auch die mittlerweile technisch nicht mehr zeitgemäße Internetseite die ganzen Jahre über online war und hin und nur sporadisch Artikel erschienen, entschlossen wir uns das Indernet 2011 auch gedanklich wieder aufleben zu lassen und in Form eines Blogs neu zu starten. Ich wusste, dass das Indernet nicht mehr so sein würde wie früher, dafür jedoch reifer, erwachsener, kritischer, mit neuem Design und technisch der Zeit angepasst. Heute nach nunmehr 13 Jahren Indernet haben sich die Fanzahlen bei Facebook gesteigert und eine Regelmäßigkeit in der redaktionellen Arbeit ist wieder erkennbar.

Die Redaktionsleitung der Vergangenheit ist mit Tomal Ganguly, Udoy Chatterji, Soumya Datta und mir im Kern bestehen geblieben. Regelmäßige redaktionelle Telefonkonferenzen und Treffen finden statt. Freie Mitarbeiter bereichern heute in Form von qualitativ hochwertigen Artikeln unsere Plattform. Unter anderem konnten wir mit Jeyannathann Karunanithi einen Korrespondenten aus Chennai gewinnen.

Das klassische Diskussionsforum und der Chatroom sind der Facebookseite gewichen. Die zentralen Gedanken eines Indien-Netzwerkes mit „Kommunikation und Information“ bleiben bestehen. Nach wie vor wird das Indernet von Medien und Institutionen zu Indien-Themen zwecks Expertenmeinung oder Mithilfe gebeten. Seit 2012 bin ich Teil der Jury für das Bildungsprojekt „Deutsch-Indisches Klassenzimmer“, das von der Robert-Bosch-Stiftung und dem Goethe Institut Neu Delhi initiiert wurde. Eine interessante Aufgabe, für die meine Erfahrungen mit dem Indernet unersetzlich sind.

Das Indernet der Gegenwart muss sich den Bedürfnissen seiner Leserinnen und Leser anpassen. Bollywoodthemen spielen in der Tat eine große Rolle, doch sollen auch Themen in den Bereichen Politik und Wirtschaft stärker zum Tragen kommen sowie eine stärkere Berichterstattung von Veranstaltungen der deutsch-indischen Diaspora. Letztlich bleibt das Indernet jedoch ein Netzwerk, das von seinen Nutzern sowie Autoren lebt.

Bijon Chatterji
Bijon Chatterji
Bijon Chatterji, Jg. 1978, ist Mitbegründer und Chefredakteur von theinder.net. Er studierte Biologie an der TU Braunschweig und promovierte am Fraunhofer-Institut in Hannover. Nach Lehr- und Forschungstätigkeiten an der Medizinischen Hochschule Hannover ist Bijon heute als Director of Business Development für ein österreichisches Biotechnologieunternehmen tätig. Bijon wohnt in Hamburg, ist verheiratet und hat zwei Kinder.

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