Der folgende Essay liest die biblische Überlieferung mithilfe indischer Weltkonzepte und macht dabei Muster sichtbar, die darauf hindeuten, dass die Kernmotive von Religionen, Weltanschauungen und Ideologien auf grundlegende psychologische und neurobiologische Strukturen unmittelbarer menschlicher Erfahrung zurückgehen.

An Weihnachten erinnerten Milliarden Menschen weltweit der Geburt Jesu. So auch die rund 30 Millionen Christen in Indien. Und auch Menschen mit hinduistischem Hintergrund, die in Deutschland geboren oder nach Deutschland zugewandert sind, begegnen jedes Jahr aufs Neue diesem zentralen Fest der europäischen Kultur.
Für viele wirkt die christliche Geschichte bizarr und schräg: ein Kind, geboren von einer Jungfrau, sein Vater angeblich Gott höchstselbst, politisch bekämpft, zieht hinaus in die Welt, verbringt Wunder, lässt sich am Ende verraten und stirbt für die Sünden der Menschheit einen grausamen Tod am Kreuz.
Doch wie bei vielen mythologischen Figuren und Geschichten lässt sich annehmen, dass es sich auch bei Jesus und den in der biblischen Überlieferung geschilderten Ereignissen nicht um fiktive Begebenheiten handelt, sondern um die Darstellung grundlegender Beziehungen zwischen uns und der Welt, wie sie in allen Kulturen und menschlichen Gesellschaften seit jeher auf mannigfaltige Weise beschrieben und erzählt werden.
Die Wissenschaft ist sich weitgehend einig, dass es sich bei vielen der im Neuen Testament erwähnten Protagonisten, einschließlich Jesus von Nazareth, um reale historische Figuren handelt. Die Versuche, zu beweisen, ob und dass Jesus wirklich gelebt hat, führen jedoch in die Irre. Denn sie sind für das Verständnis davon, wie Menschen Wissen über Generationen weitergeben, und vor allem dafür, zu verstehen, um was es in der Bibel geht und welche Relevanz es für jeden einzelnen Menschen hat, in keiner Weise ausschlaggebend (vgl. Claude Lévi-Strauss und Carl Gustav Jung).
Doch woher kommt es, dass die Geschichte Jesu in der Interpretation der meisten Kirchenpredigten entweder langweilig, skurril oder profan daherkommt und eher an die Tiefsinnigkeit eines durchschnittlichen Hollywood-Filmes erinnert denn an eine fundamentale, lebenstransformierende Botschaft?
Der Prophet gilt nichts im eigenen Land
Dass die eigene religiöse oder kulturelle Prägung für uns schwer erkennbar ist, liegt nicht an ihrer Komplexität, sondern an ihrer Selbstverständlichkeit. In der Hermeneutik spricht Hans-Georg Gadamer von Deutungshorizonten, innerhalb derer sich Bedeutung überhaupt erst bildet. Ein Horizont ist jedoch nur dann als solcher erkennbar, wenn er auf einen anderen Horizont trifft. Erst im Kontrast wird sichtbar, was zuvor als Realität galt. Thomas S. Kuhn beschreibt es für die Wissenschaft: „Innerhalb eines Paradigmas ist das Paradigma unsichtbar.“ Das bedeutet: Womit wir aufgewachsen sind, ist für uns so selbstverständlich und real, dass wir es nicht erkennen können, weil es die vertraute und fundamentale Struktur unserer Realität ist. Es ist wie mit der Sprache, deren Klang für den Muttersprachler niemals zugänglich ist.
Um also die Essenz der christlichen Lehre begreifbar machen zu können, hilft ein Blick über den Tellerrand. Vor diesem Hintergrund lässt sich die Bibel nicht nur historisch oder theologisch, sondern auch bewusstseinsphilosophisch und entwicklungspsychologisch lesen – insbesondere dann, wenn man sie mit Denkmodellen konfrontiert, die außerhalb ihres eigenen kulturellen Daseinsraums entstanden sind.
Die Trimurti
In seinem Buch „The 7 Secrets of Vishnu“ beschreibt der indische Bestsellerautor und Mythologe Devdutt Pattanaik die Bedeutung und grundlegende Struktur der Dreifaltigkeit im indischen Pantheon. Im Hinduismus gibt es drei Hauptgötter (Trīmurti), denen in der westlichen Wissenschaft und Populärmythologie vereinfachte Eigenschaften zugeschrieben werden: Brahma, der Schöpfergott; Vishnu, der Erhalter des Universums; und Shiva, der Zerstörer des Universums.
Pattanaik beleuchtet, was diese Eigenschaften exakt beschreiben und was die Essenz hinter diesen Zuschreibungen ist, indem er diese unter Zuhilfenahme verschiedener mythologischer Überlieferungen einengt und in einem modernen entwicklungsbiologischen und psychologischen Kontext identifiziert.
Sucht und Verführung
Der Legende nach schläft Vishnu als Nārāyana vor der Schöpfung des Universums auf dem kosmischen Ozean, unbedarft von jedweder Existenz. Keinerlei Art von Unterscheidung – nicht einmal Zeit und Raum – existieren für ihn. Als er aufwacht, erwächst Brahma, gebettet in einen Lotos, aus seinem Nabel. Vishnu ist im Zustand des „meditierenden“ Nārāyana entwicklungsbiologisch gesehen das ungeborene Kind im Bauch der Mutter. Es kennt – zugespitzt formuliert – keine Unterscheidung. Es ist wie ein Wassertropfen im Ozean, ohne Dualität von Subjekt und Objekt.
Brahma ist begabt mit Manas, kreativem Geist, und sein Wesen ist geprägt von Rajas: Rastlosigkeit, Antrieb und Leidenschaft, aber auch Gier und Unersättlichkeit. In diesem funktionalen Sinn ist Brahmas Rajas mit Schopenhauers Begriff des „Willens“ vergleichbar.
Nachdem er aus Vishnus Nabel emporsteigt, fängt Brahma sogleich an, Dinge zu erschaffen. In Prakriti, der formlosen Natur der Dinge, bringt sein schöpferischer Geist Ordnung in Form von Elementen, Pflanzen, Tieren und Menschen. Er ist getrieben von Neugier und fasziniert von seiner Kreation, von der er alsbald absorbiert wird und mit der er sich fortan zu identifizieren beginnt. Und: Er lässt sich von ihr hinters Licht führen. Diese Kraft der Beirrung ist Māyā, der Grund für die Halluzination, als die sich uns die Welt darstellt, wie es z. B. der Neurowissenschaftler und Bewusstseinsforscher Anil Seth formuliert. Brahmas Verhältnis zu Māyā ist schwierig. Denn er begehrt sie und jagt ihr nach. Das führt zu Eifersucht, Neid und Enttäuschung. Außerdem realisiert Brahma, dass seine Schöpfung eines Tages ein Ende finden wird. Diese Unsicherheit erweckt Angst in ihm.
Was in der Figur Brahma dargestellt wird, ist das Kind nach seiner Geburt. Es ist den Stimuli seiner Sinne ausgesetzt: verschiedene Kontraste von Licht, Temperatur, Berührung, Gerüche und Klang entfalten ihre Wirkung auf den kleinen Menschen. Das erste Mal halten Ereignisse und Veränderungen in das kognitive System Einzug – sowohl von außen als auch im und durch den eigenen Körper. Diese Ereignisse werden durch das biologische System entweder als angenehm oder unangenehm bewertet und gehen so als Erfahrung in sein Gedächtnis ein. Diese Erfahrungen konditionieren den Menschen und erschaffen dadurch seine Welt: Muster aus Unterscheidungen, Bewertungen, Anziehung und Abneigung. Je weiter sich das Kind entwickelt, desto stärker festigen sich diese Muster und nehmen Gestalt an. Die Konditionierungen bedingen das weitere Verhalten des Menschen nachhaltig. Sie erschaffen die Struktur der Welt, in der er sich fortan bewegt.
Das frühe Kind ist der Schöpfer der Welt, in der der spätere Mensch leben wird. Dies wurde in der modernen Wissenschaft zuerst von Jean Piaget formuliert, der postulierte, Kinder nähmen die Welt nicht passiv auf, sondern sie konstruierten stabile Modelle von Realität. Die dem zugrundeliegenden Annahmen sind heute von der Neurowissenschaft anerkannt und werden von kognitionswissenschaftlichen Theorien wie dem Predictive Processing gestützt.
Das heitere Spiel
Auch Vishnu, der Erhalter der Welt, bewegt sich in dieser Schöpfung und nimmt sie als Māyā wahr, lässt sich im Gegensatz zu Brahma jedoch von ihr nicht beirren. Denn er durchschaut ihren Trug und weiß, dass sie Schein ist. Doch er weiß auch, dass sie eine Funktion der Realität darstellt, und ist daher in der Lage, diesen Trug und die durch ihn hervortretenden Erscheinungen der Welt zu nutzen und zu kultivieren. Er und seine Gefährtin Lakshmi, die Personifizierung der materiellen Welt, sind ein eingespieltes Team.
Vishnu ist der „Manager“ des Lebens. Er weiß, dass seine Existenz in Māyā zeitlich begrenzt ist und nur eine vorübergehende Erscheinung des Daseins selbst. Und er weiß, dass er selbst nicht getrennt von diesem „Dasein an sich“, Brahman, ist. Er weiß, dass er ein Avatāra ist, eine Art Spielfigur, die durch Samsāra wandert, die durch Konditionierung erschaffene Welt, und mit ihren Erscheinungen in einer Art Spiel interagiert. In Form des Avatāras Krishna artikuliert er dieses Spiel, Līlā, als neckischen Schabernack und verführerischen Balztanz, dem die Menschen hoffnungslos verfallen sind.
Es gibt für Vishnu keinen Grund, sein Leben persönlich zu nehmen. Je nachdem, als welche Figur er in die Welt tritt, gelingt es ihm mühelos, seine Pflicht zu erfüllen und die Ordnung der Welt (Dharma) aufrecht zu erhalten. Und genau dies lässt ihn ein vollkommenes und erfülltes Leben leben: frei von Sorgen und Furcht, frei von Leid und existenziellen Problemen. Vishnu betritt Samsāra, das weltliche Spiel, in Form mehrerer Avatare im Abstand mehrerer tausend Jahre immer mal wieder. Er ist es, der als Krishna seinem Schüler Arjuna im Rahmen des indischen Epos Mahabharata mitten in der Schlacht in Form der Bhagavad Gita die Geheimnisse des Lebens nahebringt. Als mythischer König Rama durchreist er den gesamten indischen Subkontinent bis nach Sri Lanka, um seine Gefährtin Sita aus den Fängen des Dämonenkönigs Ravana zu befreien. Und auch Gautama Buddha wird als einer der Avatāras Vishnus gesehen.
Vishnu ist der befreite Mensch. Er hat das erfahren, was man im buddhistischen Kontext Erwachen nennt: das Erwachen aus Unwissenheit (Avidyā), das Durchschauen der Ich-Illusion (Anātmā) und das Erkennen der Bedingtheit aller Phänomene (Pratītyasamutpāda) – was zur Aufhebung von Gier, Hass und Verblendung, und schließlich zur Erlösung (Nirvāna) führt. Er hat es geschafft, seine Konditionierungen zu durchschauen und zu akzeptieren, ohne sich von ihnen vereinnahmen zu lassen. Er erkennt und nutzt sie mit Empathie für alle Lebewesen. Er steht in vollkommener Verbindung zum Dasein, artikuliert durch Liebe und frei von Angst.
Das Ende der Welt
Shiva, der Zerstörer der Welt, ist der Ādiyogī, der Ur-Yogi, der in Meditation versunken Samsāra abgeschworen hat. Er tanzt ekstatisch durch das Universum. Er schwelgt in Versunkenheit, nimmt Drogen und vereinigt sich in tantrischem Sex mit seinem weiblichen Pendant Pārvati. Shiva hat allen Erscheinungen und Formen entsagt. Er ist eins mit dem reinen Dasein, dem reinen Bewusstsein, Brahman. Er ist frei von jedweder Bedingung. Shiva ist grenzenlos, von allen Limitierungen unberührt. Als Herr über die Raumzeit, Mahakāl, steht er jenseits aller Unterscheidungen, unbedarft und unbeeindruckt vom kosmischen Spiel. Unter dieser Grenzenlosigkeit bricht die Welt der Formen und Unterscheidungen vollkommen zusammen. Sie ist zerstört.
Shiva ist der Mensch, der alle Konditionierungen, seien sie physikalisch, biologisch, evolutionär oder psychologisch, in Form- und Grenzenlosigkeit aufgelöst hat. Ein Zustand, der durch tiefste meditative Versenkung (Samādhi), Erkenntnis (Jnāna) oder spätestens durch den Tod erreicht werden kann.
Gott
Die Trinität im indischen Pantheon symbolisiert also unterschiedliche funktionale Modi oder Perspektiven der menschlichen Erfahrungswelt, von denen jeder Mensch mit Sicherheit zwei erlebt, nämlich „Brahma“, das durch Geburt unvermeidliche Leben in einer durch Prägung und Konditionierung erschaffenen Welt, sowie „Shiva“, der durch den Tod unvermeidliche Moment, in dem diese Welt sich auflöst.
Welchen funktionalen Bewusstseinsmodus symbolisiert nun also der Gott der Bibel? Das Alte Testament zeichnet eine Gestalt, die impulsiv und emotional erscheint. „Ich bin es. Siehe, ich will die Flut, das Wasser, über die Erde bringen, um alle Wesen aus Fleisch unter dem Himmel, alles, was Lebensgeist in sich hat, zu verderben. Alles auf Erden soll seinen Tod finden.“ wütet der Herr im Wechselbad seiner Gefühle. Verletzt und zornig bereut er sein Werk, denn er ist enttäuscht von der Bosheit der Menschen. Ganz und gar entgegen der Vorstellung von einem Wesen, das allwissend und über alle Dinge erhaben ist, nimmt er seine Schöpfung offenbar sehr persönlich.
Denn der Schöpfergott des Alten Testamentes ist das Kind, das die Welt des späteren Heranwachsenden erschafft. Er ist Brahma.
Die Trennung
Das „Trauma“ der Geburt und der frühkindlichen Entwicklung wird im Alten Testament eindrücklich geschildert: „Du darfst essen von allen Bäumen im Garten, aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn an dem Tage, da du von ihm isst, musst du des Todes sterben.“ wird Adam zwar noch von Gott gewarnt, doch als die listige Schlange Eva in ihren Bann zieht, ist die Versuchung unvermeidbar: „Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.“ Das Kleinkind wird zu Gott, dem Schöpfer der Welt, in der es existiert, geformt durch die Konditionierung aus „Gut und Böse“, aus 0 und 1, also Unterscheidung, die frei nach Claude Shannons Informationstheorie oder John Archibald Wheelers berühmtem Ausspruch „It from Bit“ nichts anderes ist als Information. Erst durch die Identifikation mit dieser konditionierten Existenz entsteht das Konzept von der Vergänglichkeit, die das Ende dieser Existenz bedeutet.
Das Kind kann nicht anders, als von seinen Sinnen und dem, was sie an Formen, Tönen, taktilen Reizen und Gefühlen hervorbringen, verführt und absorbiert zu werden. Dies führt unweigerlich zur Identifikation des Menschen mit seiner Schöpfung und zu der daraus resultierenden Selbsterkennung: der Verwechslung des eigenen Wesens mit der durch Konditionierung geschaffenen Welt, Samsāra.
Dies ist die Geburt des Egos. Das Kind beginnt, sich als Individuum wahrzunehmen, getrennt von anderen Individuen – und getrennt vom „Himmlischen Vater“, wie er im Neuen Testament genannt wird: „Shiva“, dem reinen Bewusstsein, das es bereits im Mutterleib war und das jetzt immer mehr überschattet wird von Māyā. Bevor er Adam und Eva verbannt, spricht Gott: „Nun aber, dass er nur nicht ausstrecke seine Hand und nehme auch von dem Baum des Lebens und esse und lebe ewiglich.“ – die Schattenseite der Gestaltwerdung der Welt in Unterscheidungen ist, dass fortan auch in Leben und Tod unterschieden wird und das Ego dadurch ein tragisches Ende findet.
Der Sündenfall ist eingetreten: die Trennung vom reinen, zuschreibungsfreien Dasein selbst, im Vedanta Brahman genannt, im Buddhismus auch als Shūnyatā, „Leere“ oder „Nichtheit“, umschrieben, ist die Entfremdung des Menschen vom Himmlischen Vater.
Während nämlich der Schöpfergott des Alten Testamentes, „Gott“ oder „Herr“, die Funktion von Brahma verkörpert, versinnbildlicht der Gott des Neuen Testamentes eben die Funktion dieses „reinen Daseins an sich“.
Der König der Welt
„Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, ihn anzubeten.“ erkundigen sich die Heiligen Drei Könige nach dem Christkind. Wie der Sprössling eines armen Zimmermanns Abkömmling eines Herrschergeschlechts und künftiger Fürst eines Volkes sein soll, erscheint an dieser Stelle noch schleierhaft. Doch im weiteren Verlauf des Neuen Testamentes wird immer deutlicher: Jesus ist nicht derjenige, der über die Erde herrscht, sondern derjenige, der die durch Konditionierungen geschaffene materielle Gestalt des Daseins beherrscht.
Jesus ist der Herr über Samsāra. Er ist „Vishnu“ oder „der Buddha“, ein erwachtes Wesen. Jesus ist der Prozess der Erkenntnis, die zu diesem Erwachen führt, in personifizierter Form. Jesus hat das kosmische Spiel durchschaut.

„Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden.“ So verkörpert er das Mitgefühl. Und die Wunder, die er vollbringt, sind keine Heilungen im medizinischen Sinne, sondern Befreiung von der Verblendung durch die Konditionierung, die Ursache für Welt, Sünde und Leid ist. „Als nun Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: Sei getrost, mein Kind, deine Sünden sind dir vergeben.“ Das Vergeben der Sünden ist das Befähigen – oder die Erlaubnis –, diese Konditionierungen zu durchschauen und hinter sich zu lassen. Es ist die Gnade Gottes. Denn der Gelähmte leidet nicht unter seiner Lähmung, sondern darunter, dass er die Lähmung als eine Bedingung empfindet. Wenn unsere „Sünden vergeben“ sind, also wenn unsere Konditionierungen keine Rolle mehr spielen, dann ist es egal, welche Krankheiten oder Gebrechen wir haben: Wir sind geheilt. Denn die Einschränkung kann unser Gemüt und unsere Heiterkeit nicht mehr berühren. Dies erkennt, wer erwacht ist und den Zustand von Moksha, Nirvāna oder Erlösung erlangt hat, also von „Brahma“ zu „Vishnu“ oder „Buddha“ geworden ist.
„Wer sein Leben findet, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden.“ Wer in Samsāra bleibt, wird unter dem Eindruck des Konzeptes des Todes und der Vergänglichkeit leiden, bis er stirbt. Wer Samsāra aufgibt, indem er den Weg Jesu, Buddhas oder Vishnus geht, der wird in der Lage sein, sein Leben aus dem Vollsten zu schöpfen und darin aufzugehen in bedingungsloser Liebe und mit allen Möglichkeiten, ohne Ängste und Einschränkungen.
Seine Konditionierungen überwinden kann, wer im Hier und Jetzt lebt, achtsam, unbeeindruckt vom eigenen Ego: „Darum wachet; denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt. … Darum seid auch ihr bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, da ihr’s nicht meint.“ – Jesu Ankunft ist das Eintreten der Erkenntnis, die zum Erwachen führt.
Jesus als Weg der Erkenntnis lässt den Menschen seine Konditionierungen durchschauen und damit die Trennung vom reinen Dasein, wie es im Mutterleib herrschte, überwinden: „Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt.“
„Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben. Wer aber dem Sohn nicht gehorsam ist, der wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt über ihm.“ Denn wer seine Konditionierungen durchschaut, für den hat das Konzept „Tod“ keine Bedeutung mehr. Wer weiter in Samsāra verweilt, der wird zeitlebens dem impulsiven Kind ausgeliefert sein, das der Schöpfer dieser konditionierten Welt ist.
Verrat und Verlust
Aus dieser Welt jedoch lässt es sich nicht so einfach heraustreten: Jesu Leben endet mit einem schrecklichen Verrat und Vertrauensbruch eines seiner Jünger. Judas verkörpert den Teil im Menschen, der nicht bedingungslos an den Weg der Erkenntnis glaubt. Judas’ Hingabe an Jesus ist begrenzt durch Rationalität und Gier. Der Verrat, den er verkörpert, ist die Sabotage durch den Verstand, der unweigerlich während des Bewusstwerdungsprozesses auftritt und das Erwachen infrage stellt. Der konditionierte Verstand des Menschen wehrt sich gegen die Auflösung des Egos. Ebenso kann Judas als die Notwendigkeit gelesen werden, dass der erwachende Mensch sein Ego, also seine Identität und die von ihm geschaffene Welt, zwangsläufig „verrät“ oder „übergibt“, indem er sie verneint und in ein „neues Leben“ überführt. Jesus wusste, dass er verraten werden wird. Denn es war unvermeidlich. Der Kreuzweg, den er sodann beschreiten muss, ist das Leid, das zu unendlicher Last anwächst, während die letzten Reste von Ego und Verstand sich gegen die Auflösung stemmen.
„Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ – so zerfließen am Kreuz die Erfahrungen der konditionierten Figur, des Schöpfergottes, des Kindes, welches das fundamentale Trauma der Trennung des Menschen von seinem Ursprung erzeugt hat, in herzzerreißender Verzweiflung, bevor Jesus als erleuchtetes Wesen aufersteht und sich schließlich wieder mit seinem Vater, dem formlosen Dasein, Shiva oder Brahman, im Himmel, vereint.
Jetzt, da die Subjekt-Objekt-Trennung sich aufgelöst hat, ist Gott nicht länger als etwas objektivierbares „Anderes“ erfahrbar. Gott ist „verschwunden“. Im Vedanta heißt es: „Tat tvam asi“, du bist das. Du bist Brahman, Shiva, das reine Dasein der Natur Vishnus. Es hat nie etwas anderes gegeben als diese Nondualität.
Die Bibel liefert sich damit letztendlich – sicherlich zur Überraschung der meisten Christen – selbst den Beweis, dass Gott nie existiert hat.






