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Do, 6. Oktober, 2022
Start20 Jahre theinder.netJubiläumsinterviews: Ein Fazit

Jubiläumsinterviews: Ein Fazit

Foto: (c) Kristian Joshi

theinder.net feierte in diesem Jahr 20-jähriges Bestehen. Dazu sprachen wir mit Szene-Gurus, die uns in zwei Jahrzehnten aktiv oder passiv begleiteten und ihre Spuren in der „deutsch-indischen Arena“ hinterließen. Ich wage in drei Kapiteln einen sortierten Blick auf ein wahrhaftig buntes Potpourri.

Greencard, Identität, Zugehörigkeit und Integration

Die Wissenschaftlerin Urmila Goel hat theinder.net seit Gründung mit begleitet und seit 2004 intensiv beforscht. Sie findet, dass es etwas „Besonderes ist, dass das Indernet so alt geworden ist und diverse Krisen überlebt hat“. Sie hat das Portal im Hinblick einer kritischen Migrations- und Rassismusforschung untersucht und es in ihrer Habilitation sowie in ihrem neuen Buch „Das Indernet“ verarbeitet. Sie war Mitherausgeberin des Buches „Inderkinder“ und genauso erzürnt über die negative Stimmungsmache „Kinder statt Inder“ wie Unternehmer Rafiq Iqbal: Er verfolgte die Greencarddiskussion vor 20 Jahren intensiv und sagt heute, dass „‚Kinder statt Inder‘ schadhaft für Deutschland und für viele peinlich“ war. Er teilt die Ansicht, dass die Greencard für Deutschland ein Flop war und Inder „statt nach Deutschland doch lieber in die USA auswanderten“. Heute vermag er es besser zu machen, vermittelt erfolgreich indische IT-Fachkräfte nach Deutschland und sprach als Experte mit Bundeskanzlerin Merkel. Eine weitere Mitherausgeberin von „Inderkinder“ ist Nisa Punnamparambil-Wolf, die über ihr Leben zwischen zwei Welten erzählt. Nisa hat sowohl in Deutschland als auch in Indien gelebt und konnte beides direkt miteinander vergleichen. Ihre Ausführungen sind berührend, erheiternd und lehrreich zugleich. Dazu passend beschreibt die Choreographin Sandra Chatterjee das Dilemma ihrer Zugehörigkeit so: In Deutschland wird sie aufgrund ihres indischen Aussehens gleich in eine Schublade gesteckt, in Indien wiederum galt sie als „die deutsche Cousine“. Es freue sie jedoch, dass ihre indischen Verwandten einen Entwicklungsprozess durchmachen, denn „mittlerweile bin ich nicht mehr die deutsche Cousine, die im Sommer zu Besuch kommt“ und fühlt sich integriert. „Integration ist für Molly Ponattu anders als für jemanden, der bereits in Deutschland geboren wurde. Frau Ponattu halte ich für beispielhaft für gelungene Integration: vor vielen Jahrzehnten kam sie als Krankenschwester aus Kerala nach Deutschland und setzte sich gemeinsam mit ihrem Mann Jose für den deutsch-indischen Dialog ein. Gemeinsam leitet das Ehepaar heute die Zweigstelle der Deutsch-Indischen Gesellschaft in Hagen und bewiesen auch im konstruktiven Miteinander durch Projekte der 2. Generation großes Engagement. Allen voran steht der Dialog zwischen beiden Kulturen. Auch dem Schriftsteller Anant Kumar, in Indien geboren und bereits seit Jahrzehnten in Kassel ansässig, war diese Kulturbrücke zwischen Indien und Deutschland immens wichtig. Und er ist fest davon überzeugt, dass „die Verbreitung demokratischer Werte zur gewaltlosen Bekämpfung des Rechtsextremismus beitragen“ werden.

Generation 2.0 – Jugendszene, Community und Rassismus

Sabu Mathew gehört zu den ersten DJ’s der deutsch-indischen Jugendszene. Er stammte aus der klassischen Hiphop-Szene und verstand es diese mit indischen Klängen zu neuen Remixes zu verbinden. Durch die Partyreihe „Indian Night“ wurde DJ Sabu sehr populär und eine Rivalität mit seinem DJ-Kollegen Arun Raghav (leider konnten wir ihn nicht für ein Interview gewinnen), der eigene Parties veranstaltete, solle es nie gegeben haben. Ich fand es interessant, als einer der Mitbegründer dieser Partyreihe, Ashley Williams, mir erzählte, dass „die erste Indian Night eine Reaktion darauf war, dass wir als Gruppe Schwierigkeiten hatten gemeinsam in einen Club reinzukommen“. So veranstalteten er und Freunde als Jugendgruppe „Sandhikta“ eine eigene Party, die bis heute Maßstab und so etwas wie die „Mutter aller indischen Parties in Deutschland“ geworden ist. Es ist spannend, dass auch Roman Chowdhury mit seinen Freunden der Eintritt in eine Diskothek verwehrt wurde: „Fast immer waren es männliche Besucher mit sichtbarem Migrationshintergrund, die abgewiesen wurden (…) von kahl rasierten Hünen mit grüner Fliegerjacke und Springerstiefeln (…)“. Auch er entgegnete diesem Alltagsrassismus mit der eigenen Partyreihe „Munich Masala“. Roman trifft es auf den Punkt, als er sagt, dass seine und unter anderem die Aktivitäten von theinder.net so manchen Südasiaten der 2. Generation („2nd Generasian“) „beim Self-Empowerment begleitet haben“. Wie Roman gehört auch Aba Koikkara zu einer Handvoll Party-Pioniere, die die deutsch-indische Jugendszene mitbegründet und geprägt haben. Die Partyreihe „Soul of India“ genießt noch heute bei Malayalees der 2. Generation Kultstatus. Gemeinsam mit Joyce Nagathil und Bindu Kolath wollte Aba Koikkara die Malayalee-Jugend zusammenführen – und hat dies wie seine anderen Mitstreiter aus dem Bundesgebiet zweifelsohne geschafft. Eine Community begann zu leben und ein Musiker wie Diptesh Banerjee, der besser als Rapper Diptesh MC bekannt ist, tauchte buchstäblich in das neu entstandene Gemeinschaftsleben ein, das zuvor nur auf lokalen Ebenen stattfand. Bei ihm beobachtete ich einen ausgeprägten Idealismus, der ihn bis heute antreibt. Auch er erzählt von bewegenden Alltagserfahrungen mit Rassismus, die ihn bis heute beeinflussen.

Pressefreiheit, Indien-Welle, Bollywoodfieber, Musikszene

Rainer Hörig zeigte mir eine andere Perspektive: ein Deutscher, der nach Indien auswandert und Integration von der anderen Seite beschreibt. Er lebte „dreißig Jahre in Indien“ und habe „dieses tolle Land“ als seine „Heimat betrachtet“. Als Vollblutjournalisten verletze es ihn jedoch, dass die Meinungs- und Pressefreiheit in Indien unter der aktuellen Regierung Modi eingeschränkt sei. Dies bestätigt auch die Journalistin Priya Esselborn, die die dortige Situation als „ziemlich beschämend“ bezeichnet. In einem Themenwechsel erinnert sich Priya an „den Höhepunkt der Indien-Welle“ 2005, denn „Indien war hip, modern und vielseitig“, während ihrer Schulzeit war stets von „Hungersnot, Kinderarbeit, Gandhi und Yoga“ die Rede. Diese „180 Grad-Wendung fand ich beachtlich“, sagt sie. Die Filmexpertin Nina Lobinger hat mit dafür gesorgt, dass der Bollywoodfilm in Deutschland ernst genommen und zugleich salonfähig wurde. Sie stellt jedoch fest, dass „einem Phänomen wie einem Hype genau das zu eigen ist, nämlich dass es wieder aufhört“. Musiker Manmander Singh Kahi, der mit dem Künstlernamen Mans K auftritt, leugnet keineswegs, dass er von diesem Bollywoodboom profitierte und sich heute als Künstler etabliert hat. Sherry Kizhukandayil wird dabei eine besondere Rolle zuteil, weil er Auftritte von Mans K und Panjabi MC organisierte und letzterem in Deutschland zum Durchbruch verhalf. Sherry verkörpert einen Typus, angefangen bei theinder.net selbst, der einer kreativen deutsch-indischen Künstlerszene einen Raum verschaffte. Dies untermauert der Musiker Jamiro Vanta, der am Mikrofon fester Bestandteil dieses „Bombay Boogie Soundsystems“ wurde. Während er den Künstler Apache Indian als Vorreiter in der Szene sieht („Er war der erste braune Typ, der irgendwas Cooles gemacht hat“) und schon 2001 für theinder.net interviewen durfte, entwickele sich eine Szene und eine Community fernab des Ursprungslandes weiter: „best of both worlds“ hält er hier für ein gutes Stichwort. Dass beide Welten sich sehr gut im Einklang befinden können, beweisen Petra Klaus und Binu Kurian: sie haben mit den „Indian Vibes“ eine alternative Partyreihe begründet, die dem „Asian Underground“, also der südasiatischen Musikszene aus Großbritannien, angelehnt ist. Heute veranstalten sie sehr erfolgreich ein deutsch-indisches alternatives Filmfestival und konnten dafür den Kulturmanager und Designer Manoj Kallupurackal gewinnen. Manoj nennt einen Aspekt, der mich zum Nachdenken brachte. Im Gegensatz zu früher zum Beispiel um Diaspora oder in seinem Fall um Design als Kommunikations- und Ausdrucksmittel, „heute geht es heute nicht mehr um das Indischsein“.

Meine Generation hat sich weiterentwickelt. Es ist nicht mehr wichtig, sich als Inder/in in einer Gesellschaft zu positionieren, sondern zum Beispiel als kreativer Mensch ein natürlicher Teil von ihr zu sein, ohne dabei die eigenen Wurzeln zu vergessen.

Bijon Chatterji
Bijon Chatterji
Bijon Chatterji, Jg. 1978, ist Mitbegründer und Chefredakteur von theinder.net. Er studierte Biologie an der TU Braunschweig und promovierte am Fraunhofer-Institut in Hannover. Nach Lehr- und Forschungstätigkeiten an der Medizinischen Hochschule Hannover ist Bijon heute als Director of Business Development für ein österreichisches Biotechnologieunternehmen tätig. Bijon wohnt in Hamburg, ist verheiratet und hat zwei Kinder.

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