Der erste offizielle Besuch von Bundeskanzler Friedrich Merz in Indien markiert eine Zäsur in den bilateralen Beziehungen. In Ahmedabad, dem politischen Machtzentrum von Premierminister Narendra Modi, wurde eine Partnerschaft besiegelt, die weit über den bisherigen wirtschaftlichen Austausch hinausgeht. Das gemeinsame Statement dient als programmatische Leitlinie: Während Berlin Indien als strategischen Anker im Indopazifik festigt, nutzt Neu-Delhi die technologische Expertise Deutschlands für seine industrielle Modernisierung.

Sicherheitspolitik und rüstungswirtschaftliche Wende
Ein Schwerpunkt des Abkommens liegt auf einer strategischen Neuausrichtung der Verteidigungszusammenarbeit. Deutschland bricht mit seiner langjährigen Exportzurückhaltung in Südasien und strebt durch eine „Defence Industrial Cooperation Roadmap“ eine tiefe Verzahnung der Rüstungsindustrien an. Das Ziel ist die Transformation von einer reinen Käufer-Verkäufer-Beziehung hin zu einer langfristigen Partnerschaft für Co-Innovation und Co-Produktion. Konkret wird im Statement die Kooperation bei konventionellen U-Booten – hier steht ein 8-Milliarden-Dollar-Projekt im Raum – sowie bei Hinderniswarnsystemen für Hubschrauber und der Abwehr unbemannter Luftfahrzeuge (C-UAS) hervorgehoben. Besonders bedeutsam ist die offizielle Einbindung Indiens als Beobachter in das europäische Eurodrone-Programm (MALE UAV). Durch beschleunigte Exportgenehmigungsverfahren und einen weitreichenden Technologietransfer signalisiert Berlin die Absicht, Indien als strategischen Partner im Indopazifik dauerhaft an europäische Sicherheitsstandards zu binden und dessen militärische Abhängigkeit von Russland zu reduzieren.
Digitalisierung, Halbleiter und Innovation
Ein zentrales Feld der künftigen Kooperation ist die Digitalisierung, die nun durch eine institutionelle „Semiconductor Ecosystem Partnership“ untermauert wird. Das Statement fixiert das Ziel, eine belastbare Zusammenarbeit über die gesamte Wertschöpfungskette der Halbleiterindustrie hinweg zu etablieren – von der gemeinsamen Forschung und Entwicklung bis hin zur Sicherung der Fertigungskapazitäten. Diese Allianz soll die Resilienz globaler Lieferketten erhöhen und die Abhängigkeit von einzelnen Marktteilnehmern reduzieren. Ergänzt wird dies durch den „Indo-German Digital Dialogue“, dessen neuer Arbeitsplan für 2026–27 die Schwerpunkte auf Künstliche Intelligenz (KI), Industry 4.0 sowie die Internet- und Daten-Governance legt. Ein besonderer Erfolg dieser Strategie ist die Eröffnung des Global Capability Centre (GCC) des deutschen Chipherstellers Infineon im indischen GIFT City, das im Statement als Musterbeispiel für die technologische Integration gewürdigt wird.
Start-up-Ökosysteme und Zentren der Exzellenz
Besondere Aufmerksamkeit widmen beide Regierungen dem Start-up-Sektor, um „innovationsgetriebene Unternehmen“ systematisch zu fördern. Das Statement sieht einen intensivierten Austausch zwischen den Gründer-Ökosystemen in Berlin und indischen Technologie-Hubs wie Bangalore vor, um den Marktzugang für Jungunternehmen in beiden Ländern zu erleichtern. Ein wesentliches Instrument dieser Vernetzung ist das „Indo-German Science and Technology Centre“ (IGSTC), dessen Mandat verlängert wurde, um die strategische Forschung zwischen Industrie und Academia weiter voranzutreiben.
Die neu geschaffenen „Indo-German Centres of Excellence on Innovation“ (IG-CoE) fokussieren sich dabei auf hochrelevante Transformationsfelder: digitale Konvergenz, Batterietechnologie, grüner Transport und erschwingliche Gesundheitsversorgung. Diese Zentren sollen sicherstellen, dass akademische Forschungsergebnisse, etwa im Bereich der Bioökonomie oder des 3D-Bioprintings, unmittelbar in industrielle Anwendungen überführt werden. Durch Programme wie „WISER“ wird zudem explizit die Rolle von Frauen in der wissenschaftlichen und technologischen Innovation gestärkt.
Fachkräftemobilität und Bildungsinitiativen
Für die deutsche Innenpolitik ist die Übereinkunft zur Fachkräftemobilität von zentraler strategischer Bedeutung. Das Statement bekräftigt die konsequente Umsetzung des „Migration and Mobility Partnership Agreement“ (MMPA), wobei die Steuerung legaler Migration bei gleichzeitiger Bekämpfung irregulärer Migration im Vordergrund steht. Durch die neu geschaffene „Global Skills Partnership“ soll die Anwerbung indischer Fachkräfte, insbesondere für den deutschen Gesundheitssektor, durch ethische und nachhaltige Standards professionalisiert werden.
Ein wesentlicher Durchbruch für den Personenverkehr ist die im Statement angekündigte Einführung einer visumfreien Transitregelung für indische Staatsangehörige an deutschen Flughäfen, was die logistischen Hürden für Reisende massiv senkt. Parallel dazu wird die akademische Integration durch eine „Indo-German Comprehensive Roadmap on Higher Education“ vertieft. Diese sieht vor, die Zusammenarbeit zwischen den Indian Institutes of Technology (IITs) und technischen Universitäten in Deutschland auszuweiten.
Um die Qualifikationen bereits im Herkunftsland zu synchronisieren, wird ein „Centre of Excellence for Skilling in Renewable Energy“ errichtet. Dieses Zentrum soll Curricula entwickeln, die sowohl indischen als auch deutschen Industriestandards entsprechen, und die Ausbildung von Trainern forcieren. Flankiert wird dies durch die Aufforderung von Premierminister Modi an führende deutsche Universitäten, eigene Campus-Standorte in Indien zu eröffnen. Ziel ist es, die Ausbildungsprofile in Schlüsselbereichen wie der Bioökonomie und der Energiewende frühzeitig an den deutschen Arbeitsmarkt anzupassen und die Anerkennung von Abschlüssen zu beschleunigen.
Energiewende und wirtschaftliche Integration
Die wirtschaftliche Verflechtung beider Nationen findet ihr Fundament in der „Grünen und Nachhaltigen Entwicklungspartnerschaft“ (GSDP). Das Statement unterstreicht den Fortschritt dieser Flaggschiff-Initiative: Von der deutschen Zusage über 10 Milliarden Euro bis 2030 wurden bereits rund 5 Milliarden Euro für Projekte wie das „Solar Rooftop Programm“ oder das „Water Vision 2047“ bereitgestellt oder fest verplant. Ein Meilenstein des Gipfels ist beispielsweise die Unterzeichnung eines langfristigen Abnahmevertrags zwischen dem indischen Unternehmen AM Green und dem deutschen Energiekonzern Uniper. Dieser sieht die Lieferung von jährlich bis zu 500.000 Tonnen grünem Ammoniak vor, was Indien als zentralen Akteur für die künftige Energieversorgung der deutschen Industrie etabliert.
Ergänzend hierzu betont das Statement die „India-Germany Platform for Investments in Renewable Energy Worldwide“. Diese im Oktober 2025 durch neue Arbeitsgruppen für Solar- und Windkraftfertigung gestärkte Plattform soll den Technologieaustausch und private Investitionen in grüne Lieferketten massiv beschleunigen. Auch der wirtschaftspolitische Rahmen steht vor einem Durchbruch: Bundeskanzler Merz stellte in Aussicht, dass das Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Union und Indien (FTA) bereits Ende Januar 2026 unterzeichnet werden könnte. Ein solches Abkommen würde die Zollhürden für deutsche Exporte senken und den Marktzugang für indische Dienstleister im europäischen Binnenmarkt signifikant verbessern.
Geopolitische Einordnung und Vorbehalte
Trotz der im Statement beschworenen Einigkeit bleiben bei genauerer Betrachtung der Formulierungen signifikante strategische Divergenzen erkennbar. In der Sicherheitsfrage kommt Berlin Neu-Delhi weit entgegen: Die dezidierte Verurteilung des Terrorismus unter expliziter Nennung der Anschläge in Pahalgam (Jammu und Kaschmir) sowie in Delhi aus dem Jahr 2025 liest sich wie eine direkte Übernahme der indischen Sicherheitsdoktrin.
Im Gegensatz dazu bleibt die gemeinsame Haltung zum Ukraine-Krieg bemerkenswert vage. Während das Statement die Notwendigkeit eines „umfassenden, gerechten und dauerhaften Friedens“ im Einklang mit der UN-Charta betont, fehlt jede explizite Benennung oder Verurteilung Russlands als Aggressor. Dies verdeutlicht die fortbestehende strategische Autonomie Indiens und dessen Weigerung, die traditionell engen Bindungen zu Moskau zugunsten der westlichen Allianz aufzugeben.
Auch die Wahl des symbolträchtigen Besuchsortes Gujarat – Modis politischer Heimat – statt der Hauptstadt Delhi unterstreicht eine deutliche Priorisierung der Realpolitik. Während das Statement „gemeinsame demokratische Werte“ postuliert, wurden kritische Stimmen zivilgesellschaftlicher Organisationen zu Menschenrechtsfragen und religiöser Intoleranz in der offiziellen Verlautbarung faktisch ausgeklammert. Das Dokument zementiert somit ein Primat der Wirtschafts- und Sicherheitspolitik über wertgebundene außenpolitische Bedenken.
Quellen:
- India – Germany Joint Statement 2026, Ministry of External Affairs India, 12.01.2026, www.mea.gov.in
- Uniper und AM Green unterzeichnen Abnahmevertrag, Uniper SE, 12.01.2026, www.uniper.energy
- Inauguration of Infineon GCC at GIFT City, CMO Gujarat, 08.01.2026, www.cmogujarat.gov.in
- Reise des Kanzlers nach Indien: Aktuelle Meldung, Bundesregierung Deutschland, 12.01.2026, www.bundesregierung.de
- Transitvisum-Regelungen für Deutschland, Auswärtiges Amt, 12.01.2026, www.auswaertiges-amt.de






