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Mi, 28. Oktober, 2020
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Samiksha 2002: Der Jahresrückblick

(von Sujal Ghosh) In Anbetracht des Terroranschlages auf das Indische Parlament im vergangenen Jahr, blicken wir auch dieses Jahr auf eine verwundete Demokratie, die besonders unter Gewalt und Katastrophen zu leiden hat, und dennoch Schritte nach vorne wagt.

Ein Jahr, in dem wir oft vergeblich auf erfreuliche Nachrichten zu hoffen trauen, und trotzdem erschüttert und beschämt sind auf ein modernes Industrieland, das uns wieder gezeigt hat, wie unterentwickelt es immer noch ist.

Ein Beinahe-Krieg mit dem Nachbarn und grausame Ausschreitungen zwischen Hindus und Moslems (beschönigend auch kommunale Gewalt genannt) hat das Land fast zerrissen. Terroranschläge auf Unschuldige die Demokratie noch weiter geschwächt.

Doch die reibungslosen Landtagswahlen gerade in den “Problemstaaten” verdeutlichen die Bedeutsamkeit des indischen Säkularismus und Föderalismus, welcher von der großen Mehrheit des indischen Volkes getragen wird. Ein neuer (muslimischer) Präsident wird an die Spitze des Milliardenstaates gewählt. Zugunglück, Politikerentführung und politischer Streit um Wasser – all dies prägt das Jahr 2002. Die wichtigsten Themen im Überblick.
“Kommunale Gewalt”

Wohl einige der grausamsten Ausschreitungen zwischen Hindus und Moslems in der postkolonialen Geschichte verkörpern jene Tage im Frühjahr 2002. Bei Zusammenstößen zwischen Hindus und Moslems waren durch Rachezüge im ganzen Staat mehr als 1000 Menschen, meist Moslems, getötet worden. Mehr als 100 000 verloren ihr Zuhause. Die Gewalt galt als Reaktion auf einen Zuganschlag, als in einem Bahnhof ein muslimischer Mob einen Waggon voller Hindu-Aktivisten in Brand setzte.

Daraufhin zogen hinduistische Banden plündernd und brandschatzend durch die größte Stadt des Staates, Ahmedabad. Moslemische Armenviertel wurden bevorzugt in Brand gesteckt. Führer nationalistischer Hindu-Organisationen ließen in Eigenregie Straßensperren errichten und Autos durchsuchen, um die “möglichen” muslimischen Terroristen zu fassen. Feuerwehrfahrzeuge wurden daran gehindert, brennendes muslimisches Eigentum zu löschen.

Der kürzlich wiedergewählte Chefminister von Gujarat Narendra Modi, BJP, stand besonders in der Kritik, hatte er angeblich wissentlich bei der Ausübung seiner Autorität sich zurückgehalten, und es versäumt die zahlreichen Opfer auf moslemischer Seite während den Ausschreitungen zu schützen. Bewusst hätte er die Truppen zur Zurückhaltung gemahnt und so den brutalen Exzessen freien Lauf gelassen.

Und trotz radikaler Aussagen im Wahlkampf der Hindutva-Philosophie folgend, dem Vorwurf ausgesetzt er würde die moslemische Bevölkerung abgrenzen, und trotz der Ereignisse im Frühjahr, konnte Modi einen Erdrutschsieg für die Bharatiya Janata Party bei den Landtagswahlen im Dezember verbuchen.

Die India Today “The Gujarat election has thrown up a new model – ignore local issues, play up the emotive and focus on leadership. Will politics ever be the same again?”. Ist das ein Wegweiser für künftige Landtagswahlen.
Ayodhya

Als wäre Gujarat nicht schon alleine ein Schlag in das Gesicht des indischen Säkularismus. Das Problem Ayodhya ist auch 2002 nicht verschwunden. Wir erinnern uns: 1992 zerstörten fundamentalistische Hindus die fast 500 Jahre alte Babri Masjid in Ayodhya, weil angeblich die Moschee auf dem Trümmern eines Tempels (zugleich Geburtstätte) des Hindu-Gottes Rama errichtet worden sei. Jahrhunderte später wollen orthodoxe Hindus einen neuen Tempel errichten mit der Unterstützung des Welthindurates (VHP) und der damaligen Oppositions- und jetzigen Regierungspartei BJP. Bei Ausschreitungen kamen 1992 bis zu 3000 Menschen ums Leben. 2002, 10 Jahre später drängen Fundamentalisten, um so mehr auf den Bau eines Tempels. Gerade dieses Jahr ruft die VHP zur Pilgerfahrt nach Ayodhya auf um dort zu beten. Der Oberste Gerichtshof hat Pujas (Gebetszermonien) unmittelbar auf dem Moscheegelände untersagt, um die Lage zu entspannen. Tausende Sicherheitskräfte sind auf die Stadt konzentriert. Die Hindu-Aktivisten die in dem Zug verbrannt wurden, was die Gujarat-Ausschreitungen im Frühjahr zufolge hatte, waren auf dem Weg zurück von Ayodhya.
Tempelanschlag

Muslimische Extremisten hatten im September den Akshardhaam Tempel in Gujarats Hauptstadt Gandhinagar besetzt und ein Blutbad angerichtet. Am späten Nachmittag drangen bewaffneten Extremisten in das Tempelgelände ein und verschafften sich gewaltvollen Zugang zum Tempelgebäude. Die Angreifer warfen Handgranaten und feuerten wahllos auf Hunderte anwesende Gläubige, welche sich in das Tempelinnere zu retten versuchten. Anschließend verschanzten sich die Extremisten im Tempel und hielten diesen circa zwölf Stunden besetzt.
Erst der Zugriff einer Anti-Terror-Einheit aus Delhi konnte am frühen Morgen den Schrecken beenden. Ein Elitekämpfer und beide Extremisten wurden getötet. Insgesamt sollen dem extremistischen Angriff mehr als 30 Menschen zum Opfer gefallen, sowie über 100 verletzt worden sein.

Vermutlich war der Anschlag auf den Akshardhaam Tempel ein Racheakt für Ausschreitungen gegen Muslime in Gujarat.
Auch Kaschmir darf wählen

Im indischen Krisenstaat Jammu und Kaschmir wurde der neue Chefminister, Mufti Mohammed Sayeed, vereidigt. Der 66jährige Kaschmiri übernimmt das Amt für die Hälfte der sechsjährigen Legislaturperiode um nach drei Jahren die Amtsgeschäfte an den Koalitionspartner der Kongreßpartei zu übergeben. Die Wahlen in Kaschmir im Oktober wurden von heftiger Gewalt begleitet. Separatisten boykottierten die Landtagswahlen und versuchten mit Gewaltakten, die Wähler einzuschüchtern. Dennoch gelten die Wahlen nach Auffassung unabhängiger Beobachter als die bisher fairsten Wahlen im indischen Teil Kaschmirs.

Als eindeutige Gewinner gingen die von Sayeed neu gegründete Demokratische Volkspartei (PDP) und der indische Nationalkongress (INC) hervor. Gemeinsam mit unabhängigen Kandidaten verfügen sie über eine knappe Mehrheit und lösen damit die, seit der Unabhängigkeit Indiens, ungebrochene Herrschaft der Partei der Nationalen Konferenz (NC) in Kaschmir ab.

Ob Sayeed eine Wendepunkt im Kaschmirkonflikt herbeiführen kann, werden die nächsten Jahre zeigen.
Zugunglück

Jahr für Jahr verunglücken zahlreiche Züge auf dem größten Schienennetz der Welt. Beim schwersten Zugunglück 2002 ist ein Expresszug in Bihar auf einer 85 Jahre alten Brücke entgleist und hat bis zu 120 Menschen in den Tod gerissen. Von den etwa 500 Insassen wurden 350 lebend geborgen, 182 Menschen jedoch mit schweren Verletzungen.

Der “Hauptstadt-Express” (Rajdhani) war auf dem Weg von Kalkutta nach Delhi, als das Unglück geschah. Die Lokomotive und die ersten drei Waggons passierten die Brücke, dann aber entgleisten 15 Waggons, fielen fünf Meter in die Tiefe in das Bett des Flusses Dhavi.

Der “Hauptstadt-Express” ist die höchste Zugklasse in Indien und fährt die gut 1400 Kilometer von Kalkutta nach Delhi in 17 Stunden, mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von etwa 85 Kilometern pro Stunde. Die indische Bahn hat ein Streckennetz von mehr als 100 000 Kilometern und befördert durchschnittlich 18 Millionen Passagiere am Tag. Bei Spekulationen über einen möglichen Anschlag war von Maoisten die Rede, die in der Region gegen die Regierung kämpfen. Doch ob technischer Mangel oder Sabotage der Grund war, ist nicht eindeutig geklärt.
Indien vs. Pakistan

Nach wochenlangen schweren Spannungen mit Indien hatte der pakistanische Präsident Pervez Musharraf noch im Januar eine Geste der Versöhnung an das Nachbarland gerichtet. Auf dem SAARC-Gipfel in der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu sagte Musharraf: “Ich würde das Forum gern nutzen, (Indiens) Ministerpräsident (Atal Behari) Vajpayee die Hand zu echter und aufrichtiger Freundschaft zu reichen.” Indiens Regierungschef begrüßte den Schritt. Allerdings müssten den Worten auch Taten folgen. Beide gaben sich nach Musharrafs Rede die Hand. Leider prägten diese Bilder nicht die Beziehungen zwischen den verfeindeten Nachbarstaaten im Jahr 2002.

Lange sollte es nicht dauern, bis eine Million Soldaten sich an der Grenze im Himalaya gegenüberstanden und auf die Order ihres jeweiligen Oberbefehlshabers warteten anzugreifen. Sicherlich ist es ein jährliches Ereignis im Frühjahr, den Terroranschlägen durch Freischärler folgend, daß auch das Säbelrasseln zwischen den Regierungen beginnt. Diesmal aber sollte es schlimmer kommen. Nach pakistanischen Raketentests und beidseitigem Truppenaufmarsch an der Waffenstillstandslinie, schloss die Welt ihre Botschaften umgehend und forderten ihre Staatangehörige auf umgehend Indien und Pakistan zu verlassen. Am Rande eines Krieges sich befindend schloss auch Pakistan im Falle der konventionellen Niederlage den Einsatz von Atomwaffen nicht aus. Indien beharrte auf umgehende Kontrolle der pakistanischen Seite der Grenze, um die von Pakistan unterstützte Infiltration muslimischer Extremisten nach Indien zu verhindern.

Doch auch dieser “Beinahe-Krieg” endete glücklicherweise in drohenden Gesten und “nur” Artelleriegefechten in den Bergen Kaschmirs. Der Truppenabzug ist am Jahresende in vollem Gange, und man könnte tatsächlich meinen, die beiden Länder reichen sich die Hände, wenn man diese Bilder nicht schon aus den Vorjahren kennen würde. Doch wie lange geht es noch so weiter? Und vor allem kann ein Krieg noch einmal verhindert werden. Der Terror in Kaschmir geht unterdessen weiter…
Ein neuer Mann an der Spitze

Professor Avul Pakir Jainulabdeen Abdul Kalam wurde am 11. Juli zum 11. Präsidenten der Republik vereidigt. Mit einer überwältigen Mehrheit gewann er das 9fache der Stimmen seiner kommunistischen Gegenkandidatin Lakshmi Sahgal, 87. Sahgal war die erste weibliche Kandidatin für dieses Amt. Auf Vorschlag des Premiers Vajpayee wurde Kalam aufgestellt und konnte auch die Mehrheit der Opposition hinter sich bringen.

Der ehemalige Top-Wissenschaftler gilt als Vater des indischen Raketenprogramms, und war vor allem an den Atomtests 1998 aus wissenschaftlicher Seite involviert.

Kalam ist der dritte muslimische Präsident in der Geschichte Indiens, und der erste ohne politischen Hintergrund. Der 70-jährige Tamile, der mit dem Bharat Ratna (höchste zivile Auszeichnung) geehrt wurde, löst damit seinen Vorgänger K.R. Narayanan ab.

Der Präsident ist Staatsoberhaupt und Oberbefehlshaber der Streitkräfte. Er wird von einem Wahlgremium gewählt, das aus den Mitgliedern beider Häuser des Parlaments, Rajya Sabha (=Bundesrat) und Lok Sabha (=Bundestag), und Vertretern der Legislative der einzelnen Staaten (Landtage) besteht. Der Präsident hat eine Amtszeit von 5 Jahren und kann wiedergewählt werden.

Die Arbeit des Präsidenten beschränkt sich jedoch zum größten Teil auf repräsentative Pflichten. Er übt normalerweise keine Verfassungsmacht aus eigener Kraft aus. Diese liegt in den Händen des Kabinetts unter Vorsitz des Premierministers, der dem vom Volk gewählten Parlament gegenüber verantwortlich ist. Ein System, das dem deutschen ähnelt.

Hoffen wir, daß unter diesem neuen Staatsoberhaupt, trotz nur repräsentativer Funktionen, das Land 2003 weniger von Unruhen, Katastrophen und Kriegen heimgesucht wird, damit die wahre Entwicklung und Leistung der größten Demokratie zu Vorschein kommt.

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