theinder.net – Indien Magazin & Portal für Deutschland – Germany's India Magazine & Portal – जर्मनी की प्रमुख भारत-संबंधी पत्रिका और पोर्टल - est. 2000

Sa., 17. Januar, 2026
StartZeitgeschehenPolitik & GesellschaftZivilorden für Sudha Varghese

Zivilorden für Sudha Varghese

Wie jedes Jahr wurde auch dieses Jahr am 26. Januar die alljährliche „Padma Shri Auszeichnung“ verliehen. Diese Auszeichnung wird von der indischen Regierung am indischen Nationalfeiertag an indische Bürger und Bürgerinnen für Ihre außergewöhnliche Leistungen auf vielfältigen Gebieten wie z.B. Kunst, Wissenschaft, Sport, Wirtschaft oder soziales Engagement vergeben. Der Padma Shri gilt als vierthöchster indischer Zivilorden nach dem Bharat Ratna, dem Padma Vibhushan und dem Padma Bhusan. Auf dem Orden ist eine Lotusblüte abgebildet. Oberhalb und unterhalb dieser Blüte sind die Worte Padma (= Lotus) und Shri in Devanagari-Schrift eingraviert. Der Orden besteht aus Bronze und Weißgold. Insgesamt wurde diese Auszeichnung in diesem Jahr an 60 Menschen vergeben, die durch Ihre außergewöhnliche und hervorragende Leistung vorbildliche und bedeutende Meilensteine in der indischen Gesellschaft gesetzt haben.

Zu einem dieser besonderen Menschen die in diesem Jahr solch eine Auszeichnung erhalten haben zählt auch Schwester Sudha Varghese aus Kerala. Sie ist in Indien auch als „cycle-sister“ bekannt und hat sich in den letzten 20 Jahren unerbittlich für das Wohlergehen und für die Rechte der Musahars, der ärmsten Bevölkerungsgruppe in Bihar und Uttar Pradesh, eingesetzt. Diese Menschen leben in erbärmlichster Armut in kleinen Dörfern. Schwester Sudha Varghese gilt als Revolutionsfigur unter den sozial Engagierten. Während andere Menschen es tunlichst vermeiden jeglichen Kontakt zu Musahars aufzunehmen, hat Sudha das Gegenteil getan. Sie reiste einst den ganzen Weg aus Kerala her, um sich um diese Bevölkerungsgruppe zu kümmern, mit ihnen zu leben und ihr Leben diesen Menschen zu widmen – ein wahrhaft meisterhaftes Lebenswerk.

Bis heute hat Sudha vieles erreichen können. Sie hat ein Bildungszentrum für Musahar Mädchen gegründet, um ihnen das Lesen und Schreiben beizubringen und versucht dadurch diese soviel wie möglich in die restliche Gesellschaft einzugliedern. Mittlerweile hat Sudha eine Organisation mit dem Namen „Nari Gunjan“ gegründet, die 50 Bildungszentren für Musahar Mädchen unterhält und in denen sich mittlerweile mehr als 1.500 Mädchen angemeldet haben. Neben dem Lesen und Schreiben werden den Mädchen auch handwerkliches Geschick vermittelt wie z.B. Nähen oder Stickereiarbeiten. Tag für Tag setzt sich Sudha für das Wohlergehen dieser armen Bevölkerungsgruppe ein – zu Ihrem Arbeitsequipment zählen lediglich ein Fahrrad und eine Umhängetasche. Sie ist in über 50 solchen Dörfern im Danapur und Pulwari Sharif Gebiet tätig. Dieses Gebiet befindet sich etwa 40 km östlich von der Landeshauptstadt Patna.

Sudha kam 1965 zum ersten Mal mit den „Notre-Dame-Ordensschwestern“ hierher – mit jungen 16 Jahren aus Kerala, genauer gesagt aus dem District Kottayam. Ende der 70-er Jahre des 20. Jahrhunderts macht sie ihren Studienabschluss und kehrt wieder zu den Notre-Dame-Ordensschwestern zurück um für deren Schulen, die immer mehr und mehr aufgebaut werden, zu arbeiten. Jedoch kann sie sich nicht mit den auf städtisch konzentrierte Hilfsgebiete abfinden und beschließt den ärmsten der Armen auf dem Land zu helfen. Während ihrer anfänglichen Besuche in den verschiedenen Gebieten des Landes war Sudha über die Lebenssituationen der sozial abgestoßenen Gruppe der Musahars zutiefst erschüttert. 1986 gründet sie schließlich eine Menschenrechtsbewegung und beginnt in einem dieser Musahar-Dörfer in der Nähe von Danapur zu wohnen und an deren alltäglichen Leben teilzunehmen. Sudha nimmt es in Kauf damals von Menschen aus anderen Kasten oder Gruppen verachtet zu werden aber sie macht sich keinen Hehl daraus da es für sie zumindest ein kleiner Anfang ist. Besonders in der Bildung ist sehr viel Handlungsbedarf vorhanden. Die Bildungsrate beträgt heute unter den Frauen gerade mal 0,2 Prozent und bei den Männern sind es 2 Prozent. Gewiss ist es keine leichte Arbeit für Sudha den sozialen Stand der Musahars wenigstens etwas anzuheben.

Im Jahr 1987 findet sie heraus, dass die Unterstützung und Besoldungen, die vom Staat für die Musahars gedacht waren immer wieder und immer mehr von Vermittlern bzw. Mittelsmännern widerrechtlich angeeignet werden und somit verschwinden ehe das Geld sinnvoll und gezielt eingesetzt werden kann. Sudha wehrt sich dagegen und protestierte lautstark und gibt nicht auf sich dagegenzustemmen. Zahlreiche Drohungen gegen ihre Person sind die Folge. Dennoch handelt sie und setzt ihre Mission unnachgiebig fort. Ihre zweite negative Erfahrung macht Sudha im Jahr 1989. Eine Musahar-Frau wird vergewaltigt und die Polizei weigert sich diesen Fall aufzunehmen und Nachforschungen anzustellen. Der Grund ist, dass sich die Polizei wundert wieso gerade eine Musahar-Frau vergewaltigt wird wo sich diese Menschen doch „von Ratten und Mastschweinen ernähren um zu überleben und außerdem nicht viel von der Hygiene halten“. Sudha gibt nicht so schnell auf und bringt es schließlich fertig, dass dieser Fall gegen den Täter aufgenommen wird, der immerhin zu einem der Yadav Hintermännern zählt.

Mit der Hilfestellung von Unicef betreibt Sudha mittlerweile 50 Ausbildungsstätten und Bildungszentren für Jugendliche im Gebiet Danapur und Pulwari Sharif in Bihar. Das Ziel von Sudha ist es, nicht nur den Bildungsstand unter den Musahar-Frauen anzuheben, sondern auch den sozialen Status dieser Menschen etwas aufzubessern. Mittlerweile hat sie diesen Menschen beigebracht Geld zu sparen und dieses in Banken oder bei der Post anzulegen und sich ihr eigenes Brot zu verdienen. Die von Sudha gegründeten und betreuten Jugendzentren, die sogenannten Kishori Siksha Kendras, werden heute von hiesigen ernannten kleinen Frauengruppen (SWG) geleitet und von der Unicef sogar finanziell unterstützt.

Schon seit 20 Jahren fährt Sudha mit Ihrem Fahrrad 12 Stunden am Tag durch die Dörfer um etwas Ordnung in die Welt der zu bringen – in der Welt der Musahars – ein mehr als bemerkenswertes Engagement. Sie selbst lebt in einer aus Ziegelstein gebauten Wellblechhütte im Dorf der Musahars. Ein Teil davon dient ihr als Büro und im anderen Teil hat sie es sich, so gut es ging, gemütlich eingerichtet. Durch ihre Arbeit hat sich vieles grundlegend verändert. Die Musahar-Frauen gehen jetzt viel öfter zur Polizei um Vergewaltigungen oder Mißbräuche zu melden. Es ist nicht mehr so wie früher. Auch durch die Gründung von solchen Jugendzentren sind viele Kinder und Jugendliche glücklich und es hat deren Leben stark verändert – im positiven Sinne natürlich! Wären sie doch sonst bereits mit 12 Jahren verheiratet worden, so studieren sie jetzt und werden sich wohl erst nach ihren 18. Lebensjahr den Bund fürs Leben eingehen. Viele Umstände sind dank Sudha besser geworden. Man könnte fast meinen sie sei eine Auserwählte – ausgewählt worden um diese zwischen- sowie übermenschlichen Taten zu vollbringen.

Am 29. Januar diesen Jahres gelingt ihr ein persönlicher Durchbruch. Sie erhält von der staatlichen Wolfahrtsorganisation die Erlaubnis, ein pädagogisches Bildungszentrum mit Essen und Wohnunterkünften für die Musahar-Mädchen zu eröffnen. Immerhin wird es ein aufwendiges Unterfangen für Sudha das Bildungszentrum zu renovieren und herzurichten. Die Wohlfahrtsorganisation hat ihr lediglich zugesichert ihre Arbeit für den Aufbau des Zentrums nur in einem Zeitraum von drei Monaten zu beobachten. Insbesondere deswegen weil Sudha bereits 20 Jahre mit den Musahars verbracht hat Erst dann will sich die Organisation in irgendwelche Verpflichtungen zur Unterstützung dieses Projektes einlassen. Seit dem 29. Januar haben über 100 Musahar-Mädchen angefangen diese Schule zu besuchen und dort auch zu wohnen. Die Kostendeckung für das Bildungszentrum wird u.a. durch Selbsthilfegruppen von Musahar-Frauen finanziell unterstüzt.

Im Jahr 2000 macht Sudha im Alter von 50 Jahren einen Abschluss in Jura als Rechtsanwältin an der Mysore Universität. Durch die Erlangung dieses Abschlusses ist sie jetzt häufig am Gerichtshof von Patna zu sehen – wo sie unerbittlich für die Rechte der Dalits kämpft.

Als Sudha erfährt, dass sie die vierthöchste Auszeichnung des Landes bzw. die höchste zivile Auszeichnung, das Padma Shri, erhalten soll, kann sie es nicht fassen und ist mehr als überrascht und glücklich zugleich. Nachdem sie den Orden erhalten hat meint sie: „Es ist eine seltene Auszeichnung. Diese Auszeichnung gehört uns allen: UNICEF, der Regierung des Bundesstaates Bihar und insbesondere den Musahars, die die Wichtigkeit der Bildung und des Durchsetzungsvermögens einzuschätzen gelernt haben sowie gelernt haben die Notwendigkeit dieser beiden Schnittstellen zu verstehen.“

Dennoch wird die allerhöchste Auszeichnung für sie wohl das Lächeln der vielen hilfsbedürftigen Musahars sein, die ohne Schwester Sudha Varghese nicht überleben könnten. Dank ihr hat sich die Welt zumindest für eine kleine Anzahl von Menschen grundlegend zum Positiven hingewendet.

Foto: (c) President’s Secretariat (GODL-India)

Tomal K. Ganguly
Tomal K. Ganguly
Tomal Ganguly gehört zum Leitungsteam von theinder.net und ist verantwortlich für den Bereich Marketing. Tomal studierte internationales Management an der Hochschule Esslingen und hält einen Masterabschluss an der Universität Liechtenstein. Tomal wohnt in München und ist Unternehmensberater für Blockchain und Smart Mobility, zudem als Botschafter für den Mittelstand zwischen Deutschland, Indien und Südamerika aktiv.

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Aktuell im Trend

Zuletzt kommentiert

- Anzeige -
WP Twitter Auto Publish Powered By : XYZScripts.com